Analyse Die deutschen IS-Kämpfer sind jung, männlich und kriminell

Foto: SITE Intelligence Group / dpa

Der Verfassungsschutz hat die Lebensläufe von fast 400 Islamisten aus Deutschland analysiert – darunter Menschen wie der Berliner Deso Dogg. Inzwischen will Obama die IS auch in Syrien bekämpfen.

Sie verlassen ihr Heimatland, um im "Heiligen Krieg" zu kämpfen. Nun sind zu den rund 400 Islamisten, die seit Mitte 2012 aus Deutschland in das Bürgerkriegsland Syrien reisten, um dschihadistische Gruppen zu unterstützen, erstmals systematisch erhobene Informationen vorhanden. Die bisher unveröffentlichte Analyse des Bundesamtes für Verfassungsschutz, deren Ergebnisse der Berliner Morgenpost vorliegen, zeigt, dass es bei den Ausgereisten zwar kein für alle gültiges, einheitliches Muster gibt – aber doch Gemeinsamkeiten.

So sind die meisten Ausgereisten junge Männer. Viele haben gescheiterte Bildungskarrieren und eine kriminelle Vorgeschichte. Die wohl wichtigste Erkenntnis: Sie radikalisierten sich fast ausnahmslos in der Salafistenszene. Und: Ihre Radikalisierung wurde von ihrem Umfeld und den Sicherheitsbehörden oft nicht bemerkt.

Dem Bericht liegen Daten sämtlicher Länderpolizeien und Verfassungsschutzbehörden zu 378 Ausgereisten zugrunde. 89 Prozent von ihnen sind Männer. Die Jüngsten waren bei der Ausreise gerade mal 15, der Älteste 64 Jahre alt. Jeder Dritte stammt aus der Gruppe der 21- bis 25-Jährigen. In Deutschland wurden rund 60 Prozent geboren. Als Geburtsländer folgen, mit weitem Abstand, Syrien (acht Prozent), die Türkei (sechs Prozent), sowie der Libanon und Staaten der Russischen Föderation. Einen deutschen Pass haben 233 der Ausgereisten, wobei 92 davon mindestens eine weitere Staatsangehörigkeit besitzen, etwa die marokkanische, türkische oder syrische. Unter den aus Deutschland ausgereisten Ausländern stellen türkische Staatsangehörige die größte Gruppe. 240 Ausreiser wurden als Muslime geboren. Von 54 Personen ist bekannt, dass sie, meist deutschstämmige, Konvertiten sind.

Viele Kämpfer ziehen direkt von der Schule in den Kampf

Ein Viertel der untersuchten Menschen besuchte unmittelbar vor der Ausreise eine Schule. Auffallend ist, dass nur 26 Prozent über einen Schulabschluss verfügen. Eine Ausbildung haben sechs Prozent zu Ende gebracht, ein Studium zwei Prozent. Die Zahlen bestätigen die Vermutung von Präventions- und Sicherheitsexperten, dass eine gescheiterte Bildungskarriere ein auslösender Faktor für Radikalisierung sein kann. 20 Prozent der untersuchten Personen waren zum Zeitpunkt der Ausreise arbeitslos. Einer Beschäftigung gingen nur zwölf Prozent nach, die meisten als Geringqualifizierte mit einem Job im Niedriglohnsektor. Eine Affinität zu Gewalt zeigten viele der Ausgereisten, bereits bevor sie sich der Ideologie des militanten Dschihad zuwandten. 117 von ihnen begingen bereits Straftaten, bevor sie sich radikalisierten, meist waren es Gewalt-, aber auch Eigentums- oder Drogendelikte.

In den Bürgerkriegsgebieten im Irak und in Syrien stellen einige der Ausgereisten ihre Gewaltbereitschaft in oft grausamen Propagandavideos zur Schau. Der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der laut Verfassungsschutz Kontakte zum Führungskreis der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat, zeigte sich vor wenigen Wochen, als er die Leichen syrischer Regierungssoldaten schändete. Der aus dem nordrhein-westfälischen Dinslaken stammende Mustafa K. posierte mit dem abgeschlagenen Kopf eines vermeintlich "Ungläubigen". Der Verfassungsschutz warnt vor allem vor Syrien-Ausreisern, die nach ihrer Rückkehr Anschläge in der Bundesrepublik verüben könnten.

Obama kündigt Luftschläge gegen IS auch in Syrien an

Die Studie soll als Grundlage dienen, um "Ansatzpunkte für eine wirksame Präventions- und Deradikalisierungsarbeit" zu entwickeln. Groß angelegte, von den Ländern gesteuerte Präventionsprojekte gibt es bisher nur in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Eine Hotline, bei der sich ausstiegswillige Islamisten melden konnten, stellte das Amt für Verfassungsschutz vor wenigen Tagen ein, weil sich fast niemand gemeldet hatte. Angehörige können sich aber an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wenden. Bei der "Beratungsstelle Radikalisierung" werden Hilfesuchende für Beratungen an Spezialisten von freien Trägern weitervermittelt.

Unterdessen hat US-Präsident Barack Obama in der Nacht zu Freitag angekündigt, die Terrormiliz Islamischer Staat, mit Luftangriffen auch in Syrien bekämpfen zu wollen.

"Wir werden Terroristen, die unser Land bedrohen, jagen – wo auch immer sie sein mögen", erklärte Obama am Mittwochabend (Ortszeit) in seiner mit Spannung erwarteten Rede an die Nation. Zudem kündigte er die Entsendung von 475 weiteren Soldaten in den Irak an. Sie sollen die örtlichen Sicherheitskräfte beraten. Damit steigt die Zahl der bereits in den Irak entsandten US-Soldaten auf mehr als 1500.

Waffenlieferungen an moderate Rebellen in Syrien

Den Kongress forderte Obama zudem auf, ein Trainingsprogramm sowie Waffenlieferungen an moderate Rebellen in Syrien zu billigen, die sowohl gegen die Truppen von Präsident Baschar al-Assad als auch gegen den Islamischen Staat kämpfen.

Die sunnitische Terrormiliz hat mit Zehntausenden Kämpfern große Teile des Irak, aber auch Syriens unter ihre Kontrolle gebracht. Im Irak fliegen die USA schon Luftangriffe auf Stellungen. Nicht zuletzt nach der brutalen Enthauptung zweier US-Journalisten durch Kämpfer der Terrorgruppe wurden Rufe nach einer Ausweitung der Bombardements auf Syrien immer lauter.

Mit der Autorisierung von Militärschlägen in dem Bürgerkriegsland eröffnet Obama nun eine neue Front im Nahen Osten. Nachdem er erst kürzlich erklärt hatte, es gebe noch keine Strategie im Kampf gegen den Islamischen Staat, zeigte er sich in seiner Rede entschlossen. "Das ist ein Grundprinzip meiner Präsidentschaft: Wenn Sie Amerika angreifen, werden Sie keinen sicheren Rückzugsort haben." Es gelte, die Extremistengruppe zu "schwächen und schließlich zu zerstören".

Keine Entsendung von US-Bodentruppen

Dazu würden die USA mit Hilfe ihrer Luftwaffe und der Unterstützung von Partnermächten am Boden eine dauerhafte und unnachgiebige Anti-Terror-Offensive führen, um den IS "auszuschalten, wo immer er existiert", kündigte Obama an.

Eine Entsendung von US-Bodentruppen in die Region schloss er jedoch erneut aus. Das Vorgehen unterscheide sich von jenem im Irak und Afghanistan und spiegele vielmehr die US-Anti-Terrormaßnahmen im Jemen und in Somalia wider. Zugleich räumte er ein, dass jedes militärische Handeln auch Risiken berge, vor allem für die Soldaten.

Obama äußerte sich am Vorabend des 13. Jahrestags der Terroranschläge vom 11. September. Seiner Rede gingen wochenlange Beratungen im Weißen Haus über ein effektives Vorgehen gegen den Islamischen Staat voraus, der in seinem Einflussgebiet brutal gegen Andersgläubige und Minderheiten vorgeht.

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