Inklusion

Berliner Schulen klagen über zu wenige Schulhelfer

An immer mehr Schulen in Berlin steigt die Zahl der förderbedürftigen Kinder. Aber es fehlen qualifizierte Helfer für die Inklusion. Für Kinder mit Autismus steht oft gar keine Hilfe mehr bereit.

Foto: David Heerde

Viele Berliner Schulen stehen seit Beginn des Schuljahres vor einem Problem. Sie sollen mehr Kinder mit Förderbedarf unterrichten, als im vergangenen Schuljahr, haben aber weniger Mittel zur Verfügung.

So ist die Zahl der Schulhelferstunden an vielen Einrichtungen drastisch reduziert worden. Schulhelfer sorgen dafür, dass Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf am Schulalltag teilnehmen können. Sie kümmern sich um die Pflege dieser Kinder, begleiten sie auf die Toilette, beim Essen und auch bei Schulfahrten.

Viel zu knapp bemessen ist auch die Zahl der zusätzlichen Förderstunden für Schüler, die Schwierigkeiten beim Lernen, mit dem Verhalten oder der Sprache haben. Für Kinder mit Autismus steht oft gar keine Hilfe mehr bereit.

Bis vor zwei Jahren hatten Schüler mit Förderbedarf noch Anspruch auf 2,5 zusätzliche Stunden pro Woche. Weil sich aber immer mehr Kinder einen gleichbleibenden Stundenpool teilen müssen, sind es inzwischen lediglich 1,5 Stunden, oft sogar noch weniger.

Mangel an Schulhelfern

Nuri Kiefer, in der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für Schulen zuständig, warnt vor den Folgen der Kürzungen. "Die Schulen gehen ein hohes Risiko ein." Wenn förderbedürftige Kinder nicht ausreichend betreut würden, könnte es zu dramatischen Vorfällen in der Schule kommen.

Schwer autistische Kinder etwa könnten nur dann in einer Regelschule lernen, wenn sie ständig einen Schulhelfer zur Seite hätten. "Man weiß nie, wann diese Kinder einen Aussetzer haben", sagt Kiefer. Wenn dann niemand da sei, der sich um sie kümmere, führe das zu Situationen, die ein Lehrer allein nicht mehr bewältigen kann.

Hinzu käme, so Kiefer, dass für Kinder mit Förderbedarf die Nachmittagsbetreuung an Ganztagsschulen nicht gewährleistet sei. "Einigen Schulen wurde deshalb nahe gelegt, diese Kinder nachmittags nach Hause zu schicken."

Das sei alles andere als Inklusion. Dabei würden immer mehr Förderkinder an den Regelschulen ankommen, um gemeinsam mit den anderen Kindern zu lernen. Die Zahl dieser Schüler sei von 8.828 im Schuljahr 2010/11 auf 11.030 im Schuljahr 2013/14 gestiegen. An vielen Schulen säßen bereits vier bis fünf Kinder mit Förderstatus in einer Regelklasse. "Da muss schnell mehr Geld ins System", fordert Kiefer.

220 Kinder müssen in diesem Jahr zusätzlich betreut werden

Die Bildungsverwaltung bestätigt, dass mehr Schulhelfer benötigt werden, die Mittel dafür aber nicht entsprechend aufgestockt worden sind. In diesem Schuljahr müssten zusätzlich rund 220 Kinder betreut werden, sagt Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Die Senatorin hatte bereits zu Schuljahresbeginn eingeräumt, dass rund 5000 Schüler nicht die Förderung bekämen, die ihnen zustehe, weil die Mittel nicht ausreichten.

Die Chefin der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, Sigrid Baumgardt, gibt auch dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) eine Mitschuld an der Misere. Er habe zugelassen, dass viel Geld in Richtung Brennpunktschulen fließe. SPD-Fraktionschef Raed Saleh hatte 2013 das sogenannte Bonusprogramm aufgelegt, das für diese Schulen jährlich 15 Millionen Euro zusätzlich bereithält. "Für die Inklusion hat es hingegen kaum Geld gegeben", sagt Baumgardt.

Die GEW hat jetzt eine Kampagne pro Inklusion gestartet. "Das Thema darf nicht immer wieder verschoben werden", sagt Baumgardt. Die förderbedürftigen Kinder seien längst an den Schulen. "Die Lehrer brauchen jetzt Hilfe und nicht erst in einigen Jahren." Mehr Geld müsse zunächst in die Fortbildung der Pädagogen fließen. Viele Kollegen würden sich unzureichend ausgebildet und deshalb überfordert fühlen.

Lehrerkollegium sieht sich vor unlösbarer Aufgabe

An den Schulen wächst der Unmut. An der Picasso-Grundschule in Pankow haben in diesem Schuljahr vier förderbedürftige Kinder nur 20 Schulhelferstunden zugewiesen bekommen. 2013/14 waren es noch 30 Stunden für drei Kinder. Das Lehrerkollegium sieht sich nun vor einer unlösbaren Aufgabe. Am Sonnabend sei ein Kind mit Downsyndrom eingeschult worden. Die 20 Schulhelferstunden, die die Schule bekommen habe, würden hinten und vorne nicht reichen, heißt es. Ähnlich ist die Situation an der ersten Gemeinschaftsschule Reinickendorf.

Problematisch gestaltete sich der Schulstart auch an der Bornholmer Grundschule in Prenzlauer Berg. Einige Kinder haben plötzlich keinen Schulhelfer mehr. Björn Andresen, dessen Sohn Diabetiker ist und Unterstützung benötigt, spricht von extremen Kürzungen. "Plötzlich sollen Diabetikerkinder von der fünften Klasse an ganz ohne Hilfe auskommen." Einige würden das aber nicht schaffen, sagt Andresen. Hinzu käme, dass es für ein autistisches Kind in diesem Schuljahr gar keine Schulhelferstunden mehr geben soll.

Stunden wurden reduziert

Auch an der Fritz-Karsen-Schule in Neukölln ist die Zahl der Schulhelferstunden reduziert worden. Für elf Kinder mit Anspruch auf zusätzliche Hilfe sind in diesem Schuljahr nur noch 58 Schulhelferstunden vorgesehen, zehn davon für eine schwerstbehinderte Schülerin. Im Vorjahr waren es noch 68 Stunden. Robert Giese vom Grundschulverband bezeichnet die Situation als bildungspolitische Katastrophe. "Der Bedarf an Schulhelfern wird größer, bei den Schülern kommt aber immer weniger Hilfe an", sagt er.

Statt 650 Schulhelfer gibt es in diesem Schuljahr nur noch 600. Urs Elssel, Geschäftsführer von Tandem e. V., einem freien Träger, der Schulhelfer beschäftigt, sagt, dass 50 Stellen abgebaut werden mussten. "Wir haben niemanden entlassen, befristete Verträge aber nicht verlängern können." Das habe damit zu tun, dass es für Schulhelfer eine Tarifanpassung gab. Das sei dringend notwendig gewesen, habe aber dazu geführt, dass das vorhandene Geld – der Senat zahlt 9,5 Millionen Euro pro Jahr – nicht mehr für alle Schulhelfer gereicht habe.

Im Rahmen ihrer Kampagne hat die GEW die Schulen jetzt aufgefordert, Bilder, Plakate, Collagen oder Karikaturen anzufertigen, um auf das Problem mit der Inklusion aufmerksam zu machen.

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