Interview

Was Berlin gegen den Notstand bei der Pflege tun muss

Foto: Laurence Chaperon/Zentrum für Qualität in der Pflege

In Berlin werden heute 110.000 Menschen gepflegt. 2030 werden es 170.000 sein. Ralf Suhr, Vorsitzender des Zentrums Qualität in der Pflege (ZQP), fordert eine Aufwertung des Pflegeberufs.

Nie zuvor gab es so viele Menschen, die so alt wurden wie heute. Das ist Chance und Herausforderung zugleich. Ralf Suhr, Vorsitzender des Zentrums Qualität in der Pflege (ZQP), stellt fest, dass die meisten Pflegeeinrichtungen dieser Herausforderung nicht gewachsen sind.

Er fordert eine Aufwertung des Pflegeberufs und eine bessere Vorsorgekultur. Das ZQP setzt sich als gemeinnützige Stiftung dafür ein, die Versorgungsqualität von Älteren und Hilfsbedürftigen festzustellen und zu verbessern.

Berliner Morgenpost: Nachwuchsprobleme, schlecht qualifizierte Pflegekräfte, schlechte Bezahlung – es liegt viel im Argen in der Pflege. Was ist die größte Herausforderung im Pflegesystem?

Ralf Suhr: Ich gebe Ihnen Recht, dass die genannten Punkte den aktuellen Diskurs dominieren. Aber wenn wir über die Herausforderungen sprechen, müssen wir ein bisschen tiefer gehen und in der Analyse zwischen der professionellen und der familiären Pflege unterscheiden. Im stationären Bereich hat sich in den letzten Jahren die Bewohnerstruktur gravierend verändert. In einer jüngeren Studie konnten wir zeigen, dass dreiviertel der Bewohner demenziell erkrankt ist, also starke kognitive Einschränkungen hat. Darauf sind die meisten stationären Einrichtungen gar nicht vorbereitet.

>>> Report: Pflege in Not - Berlins größte Herausforderung <<<

Worauf sind die Einrichtungen vorbereitet, wenn nicht auf pflegebedürftige Menschen?

Sie müssen überlegen, dass bis vor wenigen Jahren die stationären Einrichtungen noch Wohneinrichtungen waren, in die auch Menschen kamen um einen Teil ihres Ruhestands zu verbringen. Heute müssen dort schwer kranke und stark in ihrer Alltagskompetenz eingeschränkte Menschen versorgt werden, Demenzpatienten. Die Herausforderungen an die Einrichtungen und an die Pflege steigen. Es gibt eine neue Bedarfslage in den Einrichtungen und gleichzeitig auch eine neue Bedürfnislage. Denn die Menschen, die dort leben haben anders als meine Großelterngeneration auch andere Ansprüche.

Wie muss das System auf die neue Situation reagieren?

Sie brauchen, was die Pflege angeht eine exzellente Ausbildung. Es muss einheitliche Standards in der Ausbildung geben, die genau diese Bedarfslage berücksichtigen. Denn die Versorgung demenziell erkrankter Menschen ist eine sehr schwierige Aufgabe. Und man muss den Pflegekräften die Möglichkeiten bieten, sich zu entwickeln. Der Beruf muss aufgewertet werden.

Wie ist die Situation in der häuslichen Pflege?

Hier müssen wir ja überhaupt erst mal beginnen reinzuschauen. 1,2 Millionen Menschen, und damit etwa die Hälfte aller Pflegebedürftigen, werden im eigenen Zuhause ausschließlich von Angehörigen gepflegt. Gleichzeitig wissen wir über diesen Bereich so gut wie nichts. Aber wir müssen doch wissen, wo besteht Unterstützungsbedarf, damit wir pflegende Angehörige entlasten können.

Gibt es nicht schon jetzt viele Instrumente, die pflegende Angehörige entlasten?

Die gibt es, aber die müssen wir verbessern. Es gibt zum Beispiel Beratungsbesuche und Schulungsangebote für pflegende Angehörige. Auf Beratungsbesuche hat jeder der Pflegegeld bezieht Anspruch. Doch sie sind nicht standardisiert, es gibt keine Rückmeldungen dazu, was da passiert. Das ist aber ein ganz zentrales Element, weil ein Pflegedienst in die Häuslichkeit kommt und überprüfen kann, wie läuft es da.

Das heißt, die Instrumente sind gut, aber an der Umsetzung hapert es?

Genau. Allein für die richtige Kombination der vielfältigen Leistungen der Pflegepflichtversicherung braucht man Fachleute, die einen umfassend beraten und bei der Auswahl unterstützen. Das ist auch eine Forderung an die Politik: Das System muss vereinfacht und flexibler werden.

Zugeschnitten auf den Einzelfall?

Im Prinzip schon. Natürlich muss der Gesetzgeber Leistungspakete allgemein fassen, aber die Bedürfnisse von Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen folgen keinen Leistungsvorgaben des Sozialgesetzbuchs. Die Leistungen müssen flexibel sein, damit sie für den individuellen Menschen passen.

Der individuelle Umgang mit den Pflegebedürftigen scheint auch in vielen Heimen nicht gewährleistet. Eher Akkordarbeit, wo schnell mal ein Fehler passiert.

Wo Menschen arbeiten, werden Fehler gemacht. Aber wenn es um Qualitätsverbesserungen in der Pflege geht, dann lag bisher der Fokus zu wenig darauf, im Vorfeld diese Fehler zu vermeiden. Wir brauchen einen Kulturwandel: Man muss in allen Einrichtungen Möglichkeiten implementieren, mit denen man frühzeitig Fehler erkennen und auswerten kann. Wir müssen wegkommen von einer Skandalisierung und Vertuschung und stattdessen aus Fehlern lernen.

Was kann ich als Angehörige tun, um ein gutes Heim zu finden? Gibt es Kriterien, auf die ich mich verlassen kann?

Wichtig ist, dass man mit offenen Ohren, Augen und Nase in eine Einrichtung geht. Ist es freundlich? Riecht es frisch nach Blumen oder Kaffee? Es geht darum, einen Lebensraum für einen Angehörigen zu finden. Man muss sich fragen, welche Bedürfnisse hat mein Vater. Kann die Lieblingskommode mitgebracht werden?

Wie kann ich als Laie die medizinische und pflegerische Versorgung beurteilen?

Jeder kann sich vorab Informationen zur Zusammenarbeit eines Pflegeheims mit der Ärzteschaft holen. Wichtig ist die Frage, ob der Hausarzt behalten werden kann und wie die Facharztbesuche geregelt sind. Ob ein Zahnarzt ins Heim kommt. Man sollte fragen, was für die Sturzprophylaxe getan wird und ob Maßnahmen angeboten werden, die die Mobilität erhöhen. Bei demenziell Erkrankten ist es wichtig zu wissen, ob das Personal speziell geschult ist.

Im Internet findet man zu jedem Heim Pflegenoten, die der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MdK) vergibt. Wie verlässlich sind diese Noten?

Die Idee hinter den Noten, Transparenz für die Angehörigen zu schaffen, ist eine gute. Man muss aber leider sagen, dass die Pflegenoten das nicht leisten. Das liegt an der Methodik. Die Noten bewerten die Dokumentation, nicht die Ergebnisqualität. Wenn gut dokumentiert ist – und Heime lernen, was gefragt wird – kann man auch gute Ergebnisse bekommen. Das andere Problem sind die Mittelwerte. Das ist wie in der Schule, wo man eine fünf in Mathe mit einer eins in Kunst ausgleichen kann.

Was muss anders werden?

Es wurde schon nachjustiert. Aber nach wie vor gibt es keine K.O.-Kriterien. Wenn es zum Beispiel Fälle gab, in denen sich Menschen wund gelegen haben oder ans Bett gefesselt wurden, muss das dargestellt werden. In Zukunft soll wenigstens das Notenspektrum geweitet werden. Die liegen ja im Moment alle zwischen eins und zwei.

Was kann man denn selbst tun, um für die eigene Zukunft vorzusorgen?

Wir müssen zu einer Vorsorgekultur kommen. Wenn wir 50 sind muss uns bewusst sein: Wir haben noch dreißig Jahre, die wir gestalten können. Einer der häufigsten Gründe, die zum Einzug ins Heim führen, ist die sanitäre Situation. Wenn es nur eine Badewanne gibt ohne begehbare Dusche, dann haben wir das Problem. Auch die Wohnungswirtschaft muss sich auf den veränderten Bedarf einstellen. Bisher sind weniger als zehn Prozent der Wohnungen barrierefrei. Der demografische Wandel ist nichts, was jetzt gerade mal Konjunktur hat.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter