07.12.12

Stellenabbau

Nokia Siemens wickelt seinen Berliner Standort ab

Der Telekom-Dienstleister verkauft die in der Hauptstadt ansässigen Sparten. Viel bleibt nicht von Nokia Siemens in Berlin.

Von Hans Evert
Foto: dapd

NSN produziert Kabel und Übertragungstechnik für Mobilfunknetze. Geld verdient das Unternehmen nicht
NSN produziert Kabel und Übertragungstechnik für Mobilfunknetze. Geld verdient das Unternehmen nicht

Am kommenden Montag wollen sie zum ersten Mal ihren Protest in Berlin-Siemensstadt auf die Straße tragen. Dass es mal so weit kommt, hätten die rund 1200 Mitarbeiter von Nokia Siemens Networks (NSN) in Berlin bis vor Kurzem wohl nicht gedacht.

Zwar steckt das Gemeinschaftsunternehmen schon seit geraumer Zeit in der Krise. Auch Pläne für einen Stellenabbau in Deutschland und Berlin sind länger bekannt. Doch seit dieser Woche überschlagen sich die Ereignisse. Mittlerweile gibt es in der Hauptstadt keinen Mitarbeiter mehr, der nicht betroffen wäre. Kurz vor Jahresausklang kursiert die Ungewissheit. "Die Mitarbeiter sind verunsichert und in großer Sorge", sagt Klaus Abel aus der Leitung der Berliner IG Metall.

Noch Anfang November galt: Knapp 160 der 1200 Berliner NSN-Mitarbeiter müssen gehen. Abgefedert wird ihr Abgang mit einer Transfergesellschaft. Der Rest, rund 1000, bleibt im Unternehmen. Doch der kurzfristige Verkauf zweier NSN-Sparten wirbelt nun in Berlin vieles durcheinander.

Durch die Veräußerung von Optical Networks bekommen rund 400 Berliner Mitarbeiter einen neuen Arbeitgeber. Bislang produzieren sie in Siemensstadt Schaltkästen für Glasfasernetzwerke. Rund 350 Software-Entwickler der Sparte BSS (Business Support Systems) werden demnächst ebenfalls nicht mehr zum NSN-Reich gehören. Viel bleibt nicht von Nokia Siemens in Berlin.

"Die Mitarbeiter und wir wurden von den Entscheidungen des Managements regelrecht überrollt", sagt Abel. Normalerweise passiert das der gut organisierten IG Metall nicht. Gerade in Großunternehmen sind sie fast immer so gut informiert wie das Management. Traditionell gilt das auch für Siemens, das in Teilen ja im Netzwerkausrüster NSN steckt.

Doch Siemens hat einfach kein Glück mit jenen Sparten, die es loswerden will. Ungeliebte Geschäftszweige, die der Münchner Industriekonzern veräußerte oder von Partnern betreiben lässt, machen jede Menge Ärger, kosten Geld und Reputation. Besonders heftig war es nach der Veräußerung der Handysparte an den taiwanischen Hersteller BenQ. Es folgte eine spektakuläre Pleite samt Massenentlassungen. Für das Gemeinschaftsunternehmen mit Nokia musste Siemens seit 2007 Milliarden zahlen, weil es stets verlustreich war. Geholfen hat das alles nichts. NSN wird auf die harte Tour saniert – möglicherweise mit Imageschaden.

Konzentration auf Mobilfunk

In Berlin arbeiten demnächst noch rund 200 Leute mit einem NSN-Arbeitsvertrag. In erster Linie sind es Verwaltungstätigkeiten – und diese Jobs sind nach Auffassung von IG-Metall-Mann Abel alles andere als sicher. "Die verbleibenden Berliner NSN-Mitarbeiter kann man schnell abwickeln, wenn man will", glaubt Abel. Nokia Siemens ist auf dem besten Weg, in Berlin nur noch Geschichte zu sein.

Immerhin verspricht der neue Besitzer der Sparte Optical Networks, der amerikanische Finanzinvestor Marin, sich an geltende Tarifverträge zu halten. Arbeitsverhältnisse sollen, wie es heißt, "unberührt" bleiben. Neben den 400 Leuten in Berlin gehen 1500 weitere NSN-Mitarbeiter in die neue Gesellschaft. Der Verkauf an Marlin soll in den ersten drei Monaten des kommenden Jahres abgeschlossen werden.

Solch verbindliche Aussagen gibt es für die Sparte BSS nicht. Der Käufer ist der kanadische Softwarespezialist Redknee. Zwischen 15 und 25 Millionen Euro sollen als Kaufpreis fließen. Im ersten Halbjahr 2013 soll der Verkauf abgeschlossen sein. Der neue Eigentümer ist nicht sehr groß und hat angeblich rund 400 Beschäftigte. Im abgelaufenen Geschäftsjahr betrug der Umsatz rund 57 Millionen Dollar (44 Millionen Euro). BSS beschäftigt weltweit 1200 Mitarbeiter. Spezialität von BSS: Computerprogramme für das Bezahlen per Smartphone. Die rund 350 deutschen Entwickler arbeiten fast alle in Berlin.

NSN ist einer der größten Zulieferer von Telekommunikationsunternehmen. Zu den Produkten zählen Kabel, Schaltgeräte, Übertragungstechnik für Mobilfunknetze. Auf das Mobilgeschäft will sich Nokia Siemens künftig konzentrieren. Deswegen wird nun vieles abgestoßen, was nicht dazugehört. Wahrscheinlich ist ein radikaler Unternehmensumbau so etwas wie eine letzte Chance. Denn seit dem Jahr 2007, als das Joint Venture gegründet wurde, fielen nur Verluste an. Um NSN am Leben zu halten, musste allein der Gesellschafter Siemens mehrere Milliarden Euro ins Unternehmen stecken.

Hinzu kommt, dass Siemens bei der Auswahl des Partners seinerzeit schlicht Pech hatte. 2007 galt Nokia als der Primus der Mobilfunkkonzerne. Kein Hersteller war größer und verkaufte mehr Geräte. Allerdings begann im selben Jahr der Siegeszug der Smartphones mit Apples erstem iPhone. Nokia verlor den Anschluss, Marktanteile und Umsatz, macht Verlust. Aus Sicht von Siemens und der deutschen NSN-Arbeitnehmer war der einst starke finnische Partner Nokia plötzlich ein strauchelnder Riese. Ausbaden müssen dies nun auch Berliner Beschäftigte.

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