04.12.12

Nahverkehr

Erster Schnee sorgt für Chaos bei der Berliner S-Bahn

Es scheint fast ein Naturgesetz zu sein: Mit den ersten Schneeflocken kommen auch die ersten S-Bahnausfälle - die Fahrgäste sind genervt.

Von Markus Falkner
Foto: ddp

S-Bahn und Schnee: Bekanntlich keine gute Kombination
S-Bahn und Schnee: Bekanntlich keine gute Kombination

Nicht schon wieder! Das werden sich Tausende Fahrgäste der Berliner S-Bahn im Berufsverkehr am Dienstagmorgen gedacht haben. Gleich fünf Weichenstörungen sorgten für Ausfälle, Verspätungen und verkürzte Linien. Dabei konnte von einem ernsthaften Wintereinbruch bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt und einigen Schneeflocken kaum die Rede sein.

Droht der S-Bahn jetzt – trotz aller Beteuerungen, das Unternehmen sei gut auf die kalte Jahreszeit vorbereitet – ein neuerliches Winterchaos? Ein Unternehmenssprecher war um Beruhigung bemüht. "Jede Störung ist eine zuviel", sagte er. "Daraus zu schließen, dass nun ständig Probleme zu befürchten sind, wäre aber falsch."

Am Dienstag trafen die Probleme vor allem die Reisenden auf den Nord-Süd-Strecken und der Ringbahn. Die Linien S1, S2 und S25 fuhren nur unregelmäßig und mit zum Teil erheblichen Verspätungen. Auf der Ringbahn konnten die Züge im Berufsverkehr nur im 10-Minuten-Takt fahren, statt wie üblich alle fünf Minuten, mehrere Linien wurden verkürzt, die S8 zwischen Mühlenbeck-Mönchmühle und Blankenburg zeitweilig sogar eingestellt. Erschwert wurde die Situation am Vormittag durch einen Notarzteinsatz am Bahnhof Friedrichstraße. 15 Minuten lang war der Verkehr im Nord-Süd-Tunnel komplett unterbrochen.

Nach Angaben der S-Bahn war das Wetter nur zum Teil für die Störungen verantwortlich. Am Ostkreuz und in Zeuthen seien Weichen zeitweise durch Schnee und Eis blockiert gewesen. An den anderen Weichen in Neukölln, Blankenburg und Tegel habe die Technik gestreikt.

Eigentlich sollen massenhafte Weichenausfälle, wie sie in den vergangenen Jahren vorgekommen waren, in diesem Winter verhindert werden. Bis Ende Oktober hatte die für die Infrastruktur zuständige Bahntochter DB Netz nach eigenen Angaben alle beheizbaren Weichen im S-Bahnnetz – 899 von insgesamt etwa 1000 – ausführlich getestet und etwaige Schäden behoben. Seit dem 29. November werden die Weichen in der nächtlichen Betriebspause zwischen 2 und 3 Uhr außerdem regelmäßig kurzfristig beheizt, um die Anlagen gängig zu halten. Warum sich die Ausfälle am Dienstag trotz aller Vorbereitungen so häuften, konnte der Unternehmenssprecher nicht erklären.

Alte Technik gefährdet Fahrplan

Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) und Fahrgastverbände kritisieren aber seit Jahren, dass DB Netz zu wenig für den Erhalt und die Modernisierung der Infrastruktur bei der Berliner S-Bahn tue. Nach den Ausfällen am Dienstag sah sich Stefan Kothe, Sprecher des Verkehrsclubs VCD Nordost, bestätigt. "Der VCD fragt DB Netz, wie es sein kann, dass die ersten wenigen Schneeflocken im Straßen- und Flugverkehr zu keinen nennenswerten Behinderungen führen, aber zugleich im Netz der S-Bahn wichtige Weichen, die doch für den Winter vorbereitet gewesen sein sollen, lahmlegen konnten", sagte er. Ähnlich äußerte sich VBB-Chef Hans-Werner Franz: "Ich hoffe, dass die heutigen Beeinträchtigungen nicht zum Regelfall werden und den Fahrgästen nicht erneut ein Winter voller Betriebseinschränkungen bei der S-Bahn zugemutet wird."

Die zum Teil veraltete Infrastruktur könnte schlimmstenfalls ab 2015 sogar zu noch weit größeren Einschränkungen bei der S-Bahn führen. Weil bis dahin nicht das gesamte Netz mit einem modernen, elektronischen Zugsicherungssystem ausgerüstet ist, droht ein Zwangs-Tempolimit von 50 Stundenkilometern. Der heutige Fahrplan wäre dann nicht mehr zu halten. Dass die Behörden die Züge tatsächlich über Jahre zwangsbremsen könnten, daran will man bei der S-Bahn aber nicht glauben. "Es gibt bereits konstruktive Gespräche", sagte ein Sprecher. "Wir sind sehr zuversichtlich, dass es eine adäquate Lösung im Sinne der Fahrgäste geben wird." Hintergrund ist eine Vorschrift des Eisenbahn-Bundesamtes. Nach einem schweren Zugunglück mit zehn Todesopfern und 22 Verletzten bei Hordorf in Sachsen-Anhalt hatte die Behörde im Sommer 2012 angeordnet, dass bis Ende 2014 alle Bahnstrecken, auf denen mehrere Züge gleichzeitig unterwegs sind, mit Systemen ausgestattet werden müssen, die Züge automatisch stoppen, wenn sie ein rotes Signal überfahren.

Anders als auf der Unfallstrecke in Sachsen-Anhalt, gibt es bei der Berliner S-Bahn zwar ein solches Notbremssystem. Die sogenannte Bernauer Fahrsperre, die in weiten Teilen des Netzes noch im Einsatz ist, ist allerdings ein mechanisches System, das in den 20er-Jahren entwickelt wurde. Den Auflagen des EBA entspricht die Fahrsperre nicht, zumal der Bremsweg nur dann verlässlich eingehalten wird, wenn der Zug die zulässige Höchstgeschwindigkeit nicht überschreitet. Erst 2011 hat die S-Bahn im nördlichen Teil der Linie S1 mit dem Umbau auf ein elektronisches System begonnen, das Züge nötigenfalls automatisch abbremst. Der mehr als 130 Millionen Euro teure Umbau auf die neue Technik im gesamten Netz soll aber noch mindestens fünf bis acht Jahre dauern. Für die Übergangszeit benötigt die S-Bahn eine Ausnahmegenehmigung des Bundesverkehrsministeriums. Eine mögliche Auflage könnte die Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit sein.

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