19.11.12

Medizin

Eine Berliner Anwältin auf der Spur von Ärztepfusch

Britta Konradt ist Ärztin und Anwältin. Sie vertritt Opfer von Behandlungsfehlern, aber auch die Ärzte, deren welche vorgeworfen werden.

Foto: Massimo Rodari

Kämpferin: Britta Konradt am Fenster ihrer Berliner Kanzlei. Sie hat die Räume betont behaglich eingerichtet – es geht hier schließlich um schwere Schicksale
Kämpferin: Britta Konradt am Fenster ihrer Berliner Kanzlei. Sie hat die Räume betont behaglich eingerichtet – es geht hier schließlich um schwere Schicksale

Ach ja, die "Schwarzwaldklinik". Und diese Titelmelodie... Sie sprudelt sofort aus ihr heraus und Britta Konradt strahlt bei der Erinnerung. "War das herrlich! Mein ganzes triviales Herz ist da befriedigt worden", sagt sie. Die Serie lief zum ersten Mal 1985 im Fernsehen.

Damals studierte Britta Konradt Medizin und Biochemie in Hamburg und Berlin, schloss beide Studiengänge ab, promovierte zum Doktor der Medizin und arbeitete als Neurologin. Sie kämpfte für die Gesundheit, an der Seite ihrer Patienten.

Heute ist ihr Platz ein anderer: "Ich stehe auf der Seite des Rechts." Britta Konradt hat eine eigene Kanzlei für Arzthaftungsrecht, vertritt Patienten, die unter den Folgen eines Behandlungsfehlers leiden. Und Ärzte, denen ein solcher vorgeworfen wird.

Was sie dabei erlebt, hat mit der "Schwarzwaldklinik"-Welt wenig zu tun. "Behandlungsfehler - da denken die meisten Menschen als erstes an die Schere im Bauch." So beginnt ihr Buch "Behandlungsfehler", das kürzlich erschienen ist. Dabei geht es in ihrem Beruf nicht unbedingt um diese Art von Fehler.

Britta Konradt sitzt an ihrem Konferenztisch in ihrem "Chateaulais", wie sie es nennt, eine Remise im Hinterhof in Steglitz. Es ist Vormittag, regnerisch und windig. In der Kanzlei brennen Kerzen, es ist wohlig. Ein Ort, um sich Kummer von der Seele zu reden.

"Für mich als Juristin ist die Sache mit der Schere eher ein unspektakulärer Fall. Die Lage ist klar, denn die Schere gehört nicht in den Bauch", sagt Britta Konradt. In ihren Fällen - "mehr als 150 Fälle pro Jahr nehme ich nicht an" - geht es um weniger eindeutige Fehler: "Das Arzthaftungsrecht ist differenziert, schwierig, spannend, und nicht immer lässt sich ein Schuldiger finden", sagt Britta Konradt.

Immer wieder stehen vor ihr Menschen, die einen geliebten Angehörigen verloren haben oder solche, für die seit einer Operation nichts mehr ist wie vorher. Menschen in Trauer, mit Wut, voller Verzweiflung. Doch nicht immer ist der Arzt daran schuld. Und darum geht es in ihrem Beruf. "Die entscheidende Frage ist: Liegt hier ein Behandlungsfehler vor oder gab es eine schicksalhafte Komplikation?", sagt Britta Konradt.

Keine Garantie auf Heilung

Ihr Ziel ist die Gerechtigkeit. Danach sucht sie, wälzt die Behandlungsakten der Patienten, versucht Fehler, Unstimmigkeiten oder Versäumnisse aufzuspüren.

"Aber nicht immer ist jemand verantwortlich", sagt die Ärztin und Juristin. "Wir alle sollten uns auch immer wieder deutlich machen, dass die Medizin keine Garantie für eine Heilung übernimmt, sondern eine Chance darauf bietet."

Ihre Arbeit ist detektivisch, analytisch, langwierig, berührend, manchmal hart an der Grenze zum Erträglichen. Aber Britta Konradt liebt diese Arbeit, sagt von sich: "Ich habe ein analytisches Gehirn, kein therapeutisches." Die Neurologie, die "kam meinem analytischen Interesse entgegen".

Durch ihre Arbeit in der Medizin gab es schon früher viele Berührungspunkte mit juristischen Fragen. Als sie einen Freund im Krankenhaus beim Sterben begleitete, erlebte sie die Ängste der Patienten und Angehörigen, die irgendwann mitbekamen, dass da eine angehende Ärztin am Bett saß. "So wurde ich zur Ratgeberin, Therapeutin, Seelenheilerin und Todbegleiterin mir vollkommen fremder Menschen, die mir mit großer Offenheit und sehr viel Vertrauen gegenübertraten."

Um ihre Arbeit zu machen, sagt Britta Konradt, müsse man kein Mediziner sein. Aber für die Durchsicht der Patientenakten helfe es natürlich. Der erste Schritt von der Medizinerin zur Juristin wurde am Krankenbett gemacht, dann passierte etwas "Schicksalhaftes": Zu einer Zeit, als Britta Konradt gerade ihre Tochter bekommen hatte, junge Ärztin war und frisch mit einem Chirurgen verheiratet.

Aber wie nur konnte sie allem gerecht werden? "In dieser Zeit las ich eine Anzeige in einer medizinischen Fachzeitschrift, angekündigt wurde ein Seminar im Bereich der forensischen Psychiatrie", sagt Britta Konradt. Sie war Ende 20 und konnte sich nichts darunter vorstellen.

Sie erfuhr dann vieles über das Begutachten, Behandeln und Unterbringen von psychisch kranken Straftätern - und saß als Ärztin allein zwischen Juristen. In ihrem Buch heißt es: "Erst heute, während des Schreibens, frage ich mich, warum diese Anzeige in einem Ärzteblatt veröffentlicht worden ist und warum ausgerechnet ich darüber gestolpert bin."

Wie auch immer: "Das Seminar begeisterte mich für eine ganz andere Art zu denken, die der Juristen." Britta Konradt beschloss, Rechtswissenschaft zu studieren und die Medizin aus dieser Sicht zu betrachten. "Zu studieren, solange meine Tochter klein war, erschein mir machbar." Ein neuer Lebensabschnitt begann - "er führte mich aus der Klinik in den Gerichtssaal und ich habe es nicht bereut."

Als sie im Jahr 2003 ihre Kanzlei für Arzthaftungsrecht eröffnete, "war das die erste in ganz Deutschland, meine ich." Ihre Erfolgsquote spricht für sich - und für sie: An die 80 Prozent der Fälle gewinnt sie.

Die Fälle sind oft hart, "vor allem, wenn es um Kinder geht", sagt die 51-Jährige. Diese kommen in ihrem Buch auch nicht vor: "Das geht einfach nicht."

Sie schreibt dafür zum Beispiel über Herrn W., der durch einen Anästhesiefehler ins Wachkoma fiel. 60 Jahre war er damals alt. Von einem Tag auf den anderen war für ihn und seine Familie nichts mehr wie vorher. Herr W. spricht nicht mehr, zeigt keine Regung, reagiert nicht auf Dinge von außen. Dabei wirkt er wach und muss auch nicht künstlich beatmet werden. Seine Frau ist jeden Tag bei ihm im Pflegeheim.

Konradt schreibt auch über Frau von Q., der ihr Frauenarzt zu einer Operation riet. Doch sie war unsicher, holte sich eine zweite Meinung ein. Diese Gynäkologin gab Entwarnung, man bekomme das auch so hin, sagte sie. Statt einer Operation bepinselte sie die Stelle am Muttermund mit einem Medikament, damit sollte nun alles gut sein. Drei Jahre später hatte Frau von Q. Gebärmutterhalskrebs.

Zu viel Zeit vergangen

Bewegt hat Britta Konradt auch der Fall von Mathias K. Der Familienvater, damals Mitte 40, hatte mit seinen Freunden zusammen gefeiert, plötzlich sah er nicht mehr richtig. Komische Lichtblitze zuckten vor seinem linken Auge. Es beunruhigte ihn zunächst nicht weiter, schließlich war er müde und auch ein bisschen angetrunken.

Doch am nächsten Morgen war sein Gesichtsfeld links erheblich eingeschränkt. Herr K. ging ins Krankenhaus. Der Augenarzt schickte ihn zum Neurologen. Sein Verdacht: eine Entzündung des Gehirns. Die wurde mit Kortison behandelt. Doch die Sehstörung blieb. Erst nach einer Woche stellte ein Augenarzt in einem anderen Krankenhaus die Netzhautablösung fest. Das Auge wurde sofort operiert, war aber nicht mehr zu retten. Es war zu viel Zeit vergangen. Herr K., Vater von zwei Töchtern, war als Feinmechaniker auf sein Sehvermögen angewiesen, er musste seinen Job aufgeben.

"Hinter den Fällen, die ich tagtäglich erlebe, verbergen sich menschliche Dramen", sagt Britta Konradt. Und fügt hinzu: "Durch meine Arbeit habe ich gelernt, dass nichts im Leben selbstverständlich ist, Gesundheit schon gar nicht. Ich genieße täglich mein Glück, weil ich Tag für Tag so viel Furchtbares in meinen Akten habe."

Sie und ihre Arbeit haben den Fernsehproduzenten Wolfgang Rademann ("Schwarzwaldklinik", "Traumschiff") so berührt, dass er eine TV-Reihe schuf - mit Britta Konradt als realem Vorbild: "Engel der Gerechtigkeit". Teil drei ist gerade abgedreht. Britta Konradt ist die Co-Autorin, berät in juristischen und medizinischen Fragen.

Wenn sich Britta Konradt etwas wünschen könnte, dann wäre das ein anderes, ein besseres Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten. Sie weiß, dass dabei nicht gleich aus jeder Praxis eine kleine "Schwarzwaldklinik" wird und nicht jeder Arzt sich zu Professor Brinkmann wandelt. "Aber Paragraf Eins eines jeden Arztes sollte es sein, die Zeit zu haben, einem Patienten zuzuhören", sagt Britta Konradt. "Allerdings sollte sich der Patient auch darüber im Klaren sein, dass es Gesundheit nicht auf Krankenschein gibt."

Quelle: Britta Klar
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