14.11.12

Bebauungsvorhaben

Hälfte von Berlins Friedhöfen soll aufgelöst werden

Viele der 179 Friedhöfe der Hauptstadt sind nicht mehr ausgelastet. Der Senat plant neben Grünflächen Apartment-Häuser auf den Ruhestätten.

Von Helga Labenski
Foto: Glanze , Glanze

Spielplatz: Der Friedhof an der Heinrich-Roller-Straße in Prenzlauer Berg wird schon als Naherholungsgebiet genutzt
Spielplatz: Der Friedhof an der Heinrich-Roller-Straße in Prenzlauer Berg wird schon als Naherholungsgebiet genutzt

Über alte Grabsteine schallt fröhliches Kinderlachen. Hoch auf einem Kletterturm haben es sich die Kleinen trotz spätherbstlicher Temperaturen gemütlich gemacht – mit Kissen und Proviant. Zu ihren Füßen schiebt eine Mutter ihren Kinderwagen durch raschelndes Laub. Dieser Bereich des Friedhofs St. Marien und St. Nikolai in Prenzlauer Berg wird schon seit Jahrzehnten nicht mehr für Bestattungen genutzt. Er ist zum Park umgestaltet worden, mit Hängematten, Klettergeräten und einer Picknickfläche. "Leise-Park" heißt die ungewöhnliche Grünanlage an der Heinrich-Roller-Straße. Um den besinnlichen Charakter des Ortes zu bewahren, sind Hunde verboten, aber auch das Grillen und laute Musik sind untersagt.

Der im Sommer 2012 eröffnete Park ist nur ein Beispiel für die Nachnutzung überflüssig gewordener Friedhöfe in Berlin. Weil die Lebenserwartung gestiegen ist und die meisten Hauptstädter eine Urnenbeisetzung der Erdbestattung vorziehen, sind die 1147 Hektar städtischer und christlicher Friedhofsflächen längst nicht mehr ausgelastet. 276 Hektar sollen nach dem Friedhofsentwicklungsplan des Senats von 2006 mittel- und langfristig aufgelöst, nur 93 der 179 Friedhöfe erhalten werden. Die meisten überflüssigen Begräbnisfelder sollen Grünflächen werden. Doch zunehmend gibt es auch Pläne, Friedhöfe zu bebauen. Die Wohnungsnot lässt viele Stadtplaner umdenken. Voraussetzung dafür ist, dass dort 30 Jahre keine Beerdigungen stattgefunden haben. Diese Bedingung erfüllen viele überflüssig gewordenen Friedhofsflächen bereits.

Rücksicht auf Baumbestand

So gibt es auf einem 7500 Quadratmeter großen Teilareal des Friedhofs St. Simeon und St. Luka in Neukölln bereits eine Baugenehmigung für einen großen Lebensmittelmarkt. Nach Angaben von Baustadtrat Thomas Blesing (SPD) soll für das Projekt der Firma Reichelt zwischen Tempelhofer Weg und Karl-Elsasser-Straße in Kürze Baubeginn sein.

Nicht ganz so weit fortgeschritten sind die Pläne zur Bebauung eines vier Hektar großen Teils des Neuköllner Emmaus-Friedhofs am Mariendorfer Weg. Das Bebauungsplanverfahren für Apartment-Häuser auf dem benachbarten Areal der ehemaligen Neuköllner Frauenklinik läuft bereits. Das Friedhofsgelände wird in den Bebauungsplan mit einbezogen. Gedacht sei an maximal zwei- bis dreigeschossige Gebäude, möglicherweise mit Seniorenwohnungen. Rund 400 Wohnungen könnten entstehen, sagt Blesing. Der Bezirk werde aber auf "eine behutsame Entwicklung drängen, bei der Rücksicht auf den alten Baumbestand des Friedhofs genommen werden sollte", kündigt Blesing an.

Ähnlich kommentiert auch Jens-Holger Kirchner (Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung in Pankow, die Pläne der evangelischen Kirche, jeweils drei bis vier Hektar große Teilflächen des Georgen-Parochial-Friedhofs nahe der Greifswalder Straße und des Weißenseer Kirchhofs der Segens-Gemeinde in Bauland umzuwandeln: "Es gibt auf den Friedhöfen ja fast immer einen dichten historischen Baumbestand." Noch gäbe es dort kein Baurecht. Aber eine behutsame Bebauung mit Stadtvillen, ein "Wohnen im Park" könne er sich auf solchen Flächen vorstellen.

400.000 Euro für Umgestaltung

Auch der Leise-Park in Prenzlauer Berg sollte mit Wohnungen bebaut werden. Anwohner liefen jedoch gegen die Pläne Sturm und konnten sich mit ihrer Forderung nach einer Grünanlage durchsetzen. Alexander Amersberger, der in der Nähe des Leise-Parks wohnt, nutzt auf einer Bank die Strahlen der Herbstsonne aus. Die behutsame Umgestaltung des alten Friedhofs nennt er "extrem gelungen". Mit seinem wenige Woche alten Baby genießt es Amersberger, dass der Park ruhiger und weniger überlaufen ist als andere Grünanlagen im Zentrum. Dass hier Tote ruhen, manche Gräber noch gepflegt werden, stört ihn nicht. "Ich habe keine Angst vor Friedhöfen", sagt er lachend.

Das Verhältnis der Berliner zu ihren Friedhöfen sei erstaunlich entspannt, findet auch Stadtrat Jens-Holger Kirchner. Der Park werde von den Bürgern sehr gut angenommen. Weil er abends abgeschlossen werde, gäbe es auch kaum Vandalismusschäden. Kirchner bezeichnet den Leise-Park als ein erfolgreiches, aber auch sehr teures Projekt, "das so sicherlich nicht wiederholt werden kann". Berlin kaufte das Gelände der Kirche ab – zu Baulandpreisen. Der Kaufpreis soll bei 1,9 Millionen Euro gelegen haben. 400.000 Euro, überwiegend aus EU-Mitteln, wurden in die Umgestaltung gesteckt.

Mögliche Einnahmequelle

Für Pfarrer Jürgen Quandt, Geschäftsführer des Evangelischen Friedhofsverband Berlin Stadtmitte, ist der Verkauf aufgelassener Kirchhöfe auch eine mögliche Einnahmequelle, um Pflege und Instandsetzung historischer Grabanlagen zu finanzieren: "Das sind auf keinen Fall Spekulationsflächen", stellt er klar. Der Verkauf sei vielmehr eine notwendige Reaktion auf die gewandelte Bestattungskultur, die weniger Friedhofsflächen notwendig mache. Dabei wahre die Kirche in jeden Fall die Pietät. "Das ist ein sehr, sehr sensibles Thema, mit dem wir uns sehr vorsichtig beschäftigen", betont der Pfarrer. Friedhöfe in bei Investoren begehrten Innenstadtlagen könne die Kirche ohnehin kaum zu Bauzwecken anbieten. "In der Innenstadt liegen die kleinen, historischen Friedhöfe. Und kein Mensch kommt auf die Idee, dort Wohnungen zu errichten", sagt Pfarrer Quandt.

Nach Senatsangaben wurden seit der Verabschiedung des aktuellen Friedhofsentwicklungsplans im Jahr 2006 inzwischen 36 Hektar ehemaliger Bestattungsflächen für eine Nachnutzung ausgewiesen, 27 Hektar davon gehörten der evangelischen und katholischen Kirche. Der Pankower Stadtrat Kirchner warnt bereits davor, Friedhöfe in Berlin voreilig aufzugeben. Die Begräbniskultur in der Stadt wandele sich erneut. Einerseits würden Zuwanderer, aber auch Spätaussiedler großzügige Grabanlagen wünschen. Auch die Berliner hätten inzwischen wieder andere Vorstellungen von der letzten Ruhestätte. Baumbestattungen zum Beispiel würden immer häufiger stattfinden. Kirchner fordert deshalb, den Friedhofentwicklungsplan nochmals zu überarbeiten. Sein Neuköllner Kollege Blesing hat allerdings andere Beobachtungen gemacht. Bestattungen seien inzwischen zur Geldfrage geworden. Angehörige würden den günstigsten Friedhof wählen. "Es gibt da auch einen Preiskampf zwischen städtischen und kirchlichen Friedhöfen", sagt Blesing. Nach seinen Angaben lassen sich viele Neuköllner inzwischen nicht einmal mehr in ihrem Heimatbezirk begraben. Aus Kostengründen würden sie nicht nur in anderen Bezirken, sondern sogar in Umlandgemeinden bestattet.

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