06.11.12

Prozess in Berlin

Orhan S. - "Ich war Jesus, meine Frau der Teufel"

Der Berliner Orhan S. tötete im Wahn seine Ehefrau und trennte ihren Kopf ab. Jetzt steht er vor Gericht. Es geht um seine Schuldfähigkeit.

Von Michael Mielke
Foto: dpa

Prozess: Der Angeklagte Orhan S. verdeckt sein Gesicht im Gerichtssaal
Prozess: Der Angeklagte Orhan S. verdeckt sein Gesicht im Gerichtssaal

Als der Anruf mitten in der Nacht kam, hörte es sich an wie ein ganz normaler Einsatz: "Mann schlägt Frau, häusliche Gewalt". Es war der 4. Juni 2012, kurz nach ein Uhr. Sie seien mit dem Funkwagen sofort zum Tatort nach Kreuzberg in die Köthener Straße 37a gefahren, gibt eine Polizistin zu Protokoll. Dort habe sich jedoch schnell herausgestellt, dass es um weitaus mehr ging.

"Wir überquerten den Hof", sagt die Polizistin. Dort lag etwas. "Als wir näher kamen, sahen wir, dass es ein abgetrennter Kopf ist. Eine Frau mit langem schwarzen Haar, man konnte es deutlich sehen." Wenig später wurde auf einem Balkon ein weiblicher Torso gefunden. Es handelte sich um Sema S., 30 Jahre alt, Mutter von sechs Kindern.

Die Beamtin wirkt erstaunlich sachlich. Vielleicht ist es der einzig mögliche Tonfall, mit dem sie über etwas reden kann, das an Brutalität kaum zu überbieten ist.

Es geht nicht um Mord in dem Prozess, der am Dienstag vor einem Moabiter Schwurgericht begann. Es gibt auch keinen Anklagesatz, sondern eine "Antragsschrift im Sicherungsverfahren". Orhan S., steht auf dem Deckblatt, Türke, geboren am 24. Dezember 1979 in Berlin, verwitwet.

Ziel dieses Verfahrens ist es, zu prüfen, ob der kräftige, älter als 32 Jahre wirkende Mann zur Tatzeit schuldfähig war. Und ob er auf Dauer in der Gefängnispsychiatrie – auch Maßregelvollzug genannt – untergebracht werden muss.

Mann leidet seit Jahren an Schizophrenie

Orhan S. sieht das anders. Er soll schon vor dem Prozess in einem Schreiben festgestellt haben, dass er geheilt sei. Während der Verhandlung wirkt er angespannt. Und er schwitzt sehr stark. Er steht offenbar unter starken Medikamenten. Aber er kann, wenn auch mit schleppenden Worten, erstaunlich klar die Situation vor und während der Tat beschreiben.

Orhan S., der sich selbst als gläubigen Muslim bezeichnet, leidet schon seit Jahren an Schizophrenie. Er war deswegen auch schon zweimal in stationärer Behandlung. Besonders stark war ein Anfall im Jahr 2007. Auch damals hielt er sich für Jesus – nicht ganz zufällig, er wurde ja am 24. Dezember geboren. Und auch damals schon hielt er seine Ehefrau für den Teufel.

Er sei da jedoch noch nicht aggressiv geworden, sagt er vor Gericht. Und er habe regelmäßig einen Psychiater aufgesucht. Irgendwann habe er jedoch wieder begonnen, Haschisch zu rauchen. Er habe das auch dem Arzt erzählt, sagt er. Der habe ihn belehrt, dass der Cannabiskonsum für seine Therapie kontraproduktiv sei.

Orhan S. hörte nicht mit dem Kiffen auf. Sechs Monate vor der Tat setzte er auch noch seine Medikamente ab und ging nicht mehr zum Arzt. "Ich war immer so müde und schlapp, wenn ich die Medikamente genommen habe", sagt er. "Ich hatte keinen Antrieb, zur Arbeit zu gehen." Orhan S. betrieb damals eine Baufirma.

Es lässt sich nur spekulieren, warum ausgerechnet seine Frau in seinen Wahnvorstellungen der Teufel war. Es war eine dieser üblichen, arrangierten Ehen. Geschlossen 1998 in der Türkei. Ein Jahr später lernte er Leila K. kennen. Eine Nachbarin. Orhan S. sagt, dass er Leila K. im Gegensatz zu seiner Frau geliebt habe: "Ich konnte mit ihr richtig reden und rumalbern", sagt er.

Ehefrau blieb misstrauisch

Seitdem hatte Orhan S. zu beiden Frauen eine Beziehung. Leila K. bekam von ihm zwei Kinder. In der gleichen Zeit wurde auch seine Ehefrau mehrmals schwanger. Vor vier Jahren, sagt er, hätte sich die Geliebte jedoch von ihm getrennt. "Weil ich gekifft habe und nicht zur Arbeit gegangen bin." Seine Frau sei aber misstrauisch geblieben, habe ihn kontrolliert und sofort angerufen, wenn er "die Wohnung auch nur für zehn Minuten verlassen" habe.

Anfang Juni 2012 traf er Leila K. auf der Straße. Seine Frau sah das zufällig, soll ihm hernach erneut Vorhaltungen gemacht haben. Er sei, "um diesem ständigen Streit aus dem Weg zu gehen", für drei Tage zu seiner Schwester gezogen. Am Nachmittag des 4. Juni sei sein ältester Sohn gekommen. "Komm bitte nach Hause, Papa", habe der Zwölfjährige gebeten. Er habe sich überreden lassen.

Seine Frau Sema, sagt Orhan S., sei ihm jedoch noch immer böse gewesen. Sie hätten schweigend am Tisch gesessen. Er habe einen Joint nach dem anderen geraucht. Zu diesem Zeitpunkt schon sei er wieder Jesus gewesen, und seine Frau war der Teufel. Und er habe diese Stimme gehört, die befahl, dass er den Teufel töten müsse.

Er erzählt stockend, wie er seine Frau an den Haaren zum Balkon zerrte, sie niederschlug, mit einem Messer stach, bis die Klinge abbrach. Wie er auf Türkisch brüllte: Gott ist groß.

Kinder in Pflegefamilien untergebracht

Warum er dann auch noch den Kopf abgetrennt habe, will der Richter wissen. "Weil ich dachte, erst dann ist sie tot", antwortet Orhan S. Und warum habe er den Kopf in den Hof geworfen? "Weil die Stimme sagte, sie ist immer noch nicht tot. Ich wollte sichergehen." Deswegen habe er auch versucht, noch andere Körperteile abzuschneiden.

Fassungsloses Schweigen im Saal. Später wird ein Radioreporter den Berliner Opferbeauftragten Roland Weber fragen, ob diese Wahnvorstellungen vielleicht nur eine Schutzbehauptung seien. Weber schüttelt den Kopf, verweist auf psychiatrische Gutachten.

"Das ist ein schwer kranker Mann." Er sei froh, so Weber, dass die sechs Kinder von dem Geschehen nichts mitbekommen haben. Sie schliefen sogar, als die Polizei erschien. Derzeit sind sie in zwei Pflegefamilien untergebracht. Es gehe ihnen halbwegs gut, sagt Weber. "Aber wie sie diese Tragödie verkraftet haben, das wird erst die Zukunft zeigen."

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia
Kriminalität

Mutter in Berlin-Kreuzberg getötet

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Doppelgänger Wie 130 Männer Ernest Hemingway nacheifern
Sky Ferreira Großer Wirbel um nackte Brust auf Albumcover
Doppelgänger Wie 130 Männer Ernest Hemingway nacheifern
Flugzeugabsturz Aufräumarbeiten ähneln einem "Ausmisten im…
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Wetter

So schön schwitzt Deutschland!

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote