Berlin Berghain und Billigjobs - Wie Yulia B. am Start-up-Markt scheiterte

Foto: Amin Akhtar

Yulia B. aus Tel Aviv hat für Google gearbeitet und ist hoch qualifiziert. In Berlin aber findet sie keinen richtigen Job. Der Einstieg in die Gründerszene der Stadt ist nicht so einfach wie gedacht.

"Es ist nicht lange her, da habe ich in Tel Aviv für Google gearbeitet. Wer zu dieser Firma gehört, lebt in Israel wie ein Star. In den Büros stehen Surfbretter, ein Koch serviert köstliches Essen. Ich habe ganz schön zugenommen in dieser Zeit. Aber mein Google-Speck war schnell wieder weg (lacht). Seit 18 Monaten suche ich in Berlin den richtigen Job."

Yulia B. (Name geändert), 33, hat studiert. Sie spricht fließend Hebräisch, Englisch, Tschechisch, Slowakisch und recht gut Deutsch. Sie ist einer jener hoch qualifizierten Zuwanderer, von denen Deutschland laut aktueller Studie der Bertelsmann Stiftung auch finanziell profitieren würde, wenn sie es in den Arbeitsmarkt schaffen. Yulia B. ist flexibel, aber hat Ansprüche. Und sie will am liebsten in Berlin bleiben.

"Mit 19 Jahren bin ich aus Tschechien nach Tel Aviv gezogen. In der Armee war ich im Caracal Battalion, eine Kampfeinheit für Frauen und Männer. Später habe ich für Software-Firmen gearbeitet, Medien und Kommunikation an der Tel Aviv University studiert, bei Google angefangen. Ich dachte, die Welt steht mir offen, ich wollte Europa entdecken. Berlin war zunächst nicht mein Ziel. Erste Gespräche hatte ich in London, Prag und Luxemburg."

Grafiker für 450 Euro im Monat

Dann hat Yulia B. ihr Berlin-Erlebnis. Im Sommer 2013 ist sie einige Wochen hier. Sie will Kraft tanken, dann weiter suchen. Doch schnell findet sie Freunde, sie mag die Mischung der Kulturen. Yulia B. hofft auf die Start-up-Szene, über die auch im Ausland geredet wird. Sie lernt Deutsch.

"Erst habe ich von Ersparnissen gelebt. Bis zu viermal pro Woche hatte ich Job-Interviews. Ich war selbstbewusst und habe 4000 Euro brutto im Monat gefordert. Bis ich merkte, wie viele Mitbewerber es gibt. Mal waren es zweihundert Bewerber auf eine Stelle. Nach fünf weiteren Bewerbungsgesprächen waren es noch 45 Mitbewerber. Das ist wirklich typisch Berlin. Zwar sieht der Arbeitsmarkt erst gut aus. Aber oft suchen Firmen schon monatelang. Ich kenne das eher so: Wachsende Start-ups stellen schnell ein. Und falls es nicht läuft, ist man eben schnell wieder raus."

Yulia B. ist eine, die Fehler zuerst bei sich selbst sucht. Aber sie ahnt, dass die Start-ups in Berlin doch nicht so international sind. Meist kriegen deutsche Muttersprachler die Jobs. Zwar versteht Yulia B. so gut Deutsch, dass sie auch langen Konferenzen folgen kann. Nicht schlecht, nach nicht mal zwei Jahren im Land. Eigentlich. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung beobachtet, dass Zuwanderer gegenüber Landsleuten bei gleicher Qualifikation oft schlechter beschäftigt sind.

Nachtlager auf fremden Sofas

"In letzter Zeit denke ich oft an diesen Witz. Einem ausländischen Freund wurde mal gesagt, dass er so gut Deutsch könne wie ein Hund. Er verstehe die Sprache, aber spreche sie nicht (lacht). Programmierer sind begehrt, die können in allen Sprachen arbeiten. Wer kein Techniker ist, arbeitet in Berlin oft für sehr wenig Geld. Es gibt Grafiker, die 450 Euro im Monat verdienen. Diese Jobs machen sehr junge Zugezogene, die für Partys nach Berlin gekommen sind. Das Berghain halt. Die haben meist Geld von ihren Eltern und arbeiten, damit sie mehr Geld für Partys haben."

Es ist Januar 2014. Yulia B. gehen die Ersparnisse aus. Aber sie will Berlin nicht aufgeben. Sie mag die Stadt und übernachtet bei Freunden. An manchen Tagen schleppt sie ihr Gepäck mit hohem Fieber von Wohnung zu Wohnung.

"Das ist wirklich cool an Berlin: Die Stadt ist nicht spießig. Da ist eine besondere Solidarität. Für viele ist es okay, wenn man auf ihrem Sofa schläft. Das kenne ich aus anderen Städten nicht. Verbreitet ist auch das: Wenn Tierbesitzer in den Urlaub fahren, fragen sie auf Facebook, wer auf ihre Katze oder Hund aufpassen kann. Das machen dann Leute wie ich: Freunde von Freunden. Wer ein bisschen arm ist, lernt Berlin wirklich gut kennen. Ich bin so viel zu Fuß gegangen, dass ich keinen Stadtplan mehr brauche."

Ungewöhnlicher Ratschlag

Yulia B. hat einen israelischen und einen tschechischen Pass. Sie ist EU-Bürgerin. Sie kann zum Jobcenter gehen.

"Der Mitarbeiter im Jobcenter gab mir einen merkwürdigen Rat. Ich sollte nicht verraten, dass ich in Berlin bin, um einen Job zu finden. Ich sollte sagen, dass ich bei meinem deutschen Freund gelebt hätte, der sich aber getrennt hätte. Offenbar hat eine unselbstständige Frau, die rausgeflogen ist, bessere Chancen als eine selbstständige Frau, die arbeiten will. Aber ich habe diesen Quatsch nicht erzählt. Lügen habe ich nicht nötig."

Es wird Frühjahr. Yulia B. überlegt, welche Schuhe sie auf dem Flohmarkt im Mauerpark verkaufen kann. Dann komm das Angebot einer großen Firma per E-Mail. Sie wurde gefunden, weil ihr Profil in einem digitalen Netzwerk passte. Nur, dass dieser Job anders wird, als sie dachte.

Einsam am Computer

"Man sitzt zu Hause am Laptop und tippt Daten ein. 40 Stunden pro Woche. Recherchen im Netz. Per Webcam kann die Firma kontrollieren, ob man vor dem Computer sitzt. Eine Software überprüft, wie die Arbeit vorangeht. Zwölf Euro die Stunde gibt es. Davon muss man alles zahlen: Computer, Internet, Arbeitsplatz. In einem Büro gibt es eine Mittagspause. Bei diesem Job muss man auf Pause drücken, wenn man zur Toilette geht. Liegen Präzision und Geschwindigkeit unter einem Wert, fliegt man raus."

Nach drei Monaten verliert Yulia den Job. Sie ist belastbar und achtet nicht auf Überstunden. Aber alleine vor dem Computer zu sitzen, die ständige Kontrolle, das hat sie nicht ausgehalten. Traurig ist sie trotzdem. Gut, dass der Sommer kommt. Sie geht auf Musikfestivals und wäscht dort Teller ab, um das Ticket zu finanzieren. Sie verkauft fast alle ihre Schuhe auf dem Flohmarkt. Yulia B. gibt nicht auf. Sie denkt an eigene Projekte.

"Ich habe einem Freund geholfen, seine Applikation "Grab a Fruit" zu entwickeln. Per Smartphone findet man damit öffentliche Obstbäume. Geld gibt es für so etwas nicht. Aber auch das ist typisch Berlin: Wer Zeit hat, hilft Freunden bei einem schönen Projekt."

Endlich ein Job in Berlin

Arbeitgebern gefällt das Projekt auch. Der Sommer ist heiß, überall wird gefeiert, aber Yulia B. schreibt Bewerbungen, mit "Grab a Fruit" in ihrem Lebenslauf. In einer Woche reagieren drei Unternehmen. Ein Job in London. Ein Praktikum in München. Und, tatsächlich: Ein Job in Berlin!

"Ein Freund sagte, die Unternehmen seien mutiger, weil Deutschland Fußballweltmeister geworden ist. Ich fühlte diesen Aufbruch und habe sofort den Arbeitsvertrag unterschrieben für Berlin. In London hätte ich mehr Geld bekommen. In München wäre es ein bezahltes Praktikum gewesen. Aber ich wollte in Berlin bleiben. Vermutlich ein Fehler."

Yulia B. fängt ihren Job an. Online-Marketing in einem Start-up.

Fast nur Männer in Start-ups

"Meine Aufgaben waren ähnlich wie bei Google in Tel Aviv. Nur, dass Google wirklich schon bessere Methoden hatte. Also war ich motiviert, Ideen einzubringen. Aber ein Vorgesetzter sagte nur, er wolle das Wort "aber" nicht hören. Stattdessen gab es Konferenzen, in denen stundenlang über dasselbe Problem gesprochen wurde. Keine Ahnung, ist das typisch deutsch? Gerade Technologieunternehmen müssen sich schnell entwickeln. Ein weiteres Problem: Wenn es schnell gehen musste, habe ich Englisch gesprochen. Wie bei meiner Bewerbung habe ich gesagt, dass ich Deutsch noch lerne, es aber nicht mehr lange dauert, bis es ohne Englisch geht. Dann hörte ich den Satz: 'Deutsch sprechen ist eine Anweisung von oben' Vermutlich habe ich einfach nicht in diese Firma gepasst."

Kurz vor Ende der Probezeit hat Yulia B. eine Grippe. Als sie nach drei Tagen ins Büro kommt, liegt ihre Kündigung auf dem Schreibtisch. Sie war bereits einen Tag vorher ausgestellt worden.

"Ich finde, dass Deutschland einerseits sehr tolerant mit Zuwanderern ist. Es ist nicht schwer, nach Berlin zu kommen und hier zu leben. Aber in der Arbeitswelt wird überraschend wenig Rücksicht genommen. Auch arbeiten fast nur Männer in Berliner Start-ups, und die wollen unter sich bleiben. In Israel ist das anders."

Kein Einzelfall

Nun wohnt Yulia B. bei zwei netten Punkern in Kreuzberg. Ihr Geld reicht noch bis Februar. In ihrem Zimmer steht ein uralter Ofen. Inzwischen hat sie gelernt, Feuer zu machen, wenn es sehr kalt ist.

"Die Suche geht weiter. Ich habe in Berlin viele Leute kennengelernt, denen es ähnlich geht wie mir. Wahrscheinlich ist es so: Mein Fall erzählt die Geschichte von vielen Menschen: von Zuwanderern in Berlin. Von Menschen auf dem Arbeitsmarkt, die keine Programmierer und älter als 30 Jahre sind. Von Menschen, die nicht als Putzfrau arbeiten wollen, obwohl sie studiert haben."

In dieser Woche kam die Einladung von einer Firma in Hamburg. Yulia B. hat gehört, dass die Wirtschaft dort klassischer funktioniere. Vielleicht, weil es dort kein Berghain gibt, das junge Grafiker anlockt. Yulia B. sagt, sie werde sich diesen Job anschauen und nach Hamburg fahren. Sie muss Geld verdienen. Aber viel lieber würde sie in Berlin bleiben.

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