Internetbotschafterin

Gesche Joost fordert neues Schulfach "Programmieren"

Foto: Krauthoefer

Als neue Internetbotschafterin der Bundesregierung will die Designforscherin Gesche Joost die digitale Agenda vorantreiben. Sie fordert ein Bündnis für digitale Arbeit und ein Schulfach Programmieren.

Die Berliner Designforscherin Gesche Joost wurde zur neuen Internetbotschafterin der Bundesregierung bei der EU-Kommission ernannt. Die Professorin der Universität der Künste und Leiterin des Design Research Lab soll als "Digital Champion" die Regierung bei der Umsetzung der digitalen Agenda beraten. Jürgen Stüber sprach mit der Wissenschaftlerin über die Zukunft des Netzes, Lehren aus der NSA-Affäre und Medienkompetenz. Schon Grundschüler sollten Programmieren lernen, findet Gesche Joost.

Berliner Morgenpost: Frau Joost, wo sehen die Schnittstelle Ihrer Arbeit als Designforscherin und "Digital Champion" der Bundesregierung für die digitale Agenda in Europa?

Gesche Joost: Das ist das Spannende für mich. Ich bin ja nicht allein Politikerin, sondern Vollblutwissenschaftlerin. Was ich als Wissenschaftlerin erforsche, ist die Quelle, aus der ich Strategien für die vernetzte Gesellschaft speise.

Was ist denn Designforschung?

Früher verstand man unter Design, Sachen hübsch zu machen. Heute fragt man sich in der Designforschung zum Beispiel, welche Rolle der Körper in der Interaktion von Mensch und Maschine spielt. Und die erforscht man ganz praktisch durch Designprojekte.

Haben Sie ein Beispiel?

Wir entwickeln interaktive Textilien und fragen uns, ob es zum Beispiel angenehm ist, wenn man eine intelligente Jacke trägt. Sie kann für Schlaganfallpatienten im Notfall automatisch Hilfe rufen – das ist dann der praktische Nutzen im Alltag.

Also eine sehr praktische Fragestellung.

Genau. Und das ist es, was mich daran so reizt. Durch die Technologien, die es heute gibt, kann man aus jeder Idee direkt einen Prototypen bauen. Es gibt elektrisch leitendes Garn, mit dem man stricken kann. Man kann sich also ein Stirnband mit einem gestrickten Lautsprecher und einem Bluetoothsensor gestalten, der Musik direkt in das Stirnband überträgt. Beim Joggen kann das praktisch sein.

Sie haben mal getwittert, sie seien nicht Internetexpertin, sondern Expertin für Mensch-Maschine-Interaktion. Ist das ein Unterschied?

Das Internet ist die Grundlage für alles, was wir erforschen. Was mich spezifischer interessiert, sind diese Übersetzungen von Maschine zu Mensch und umgekehrt. Und ohne Internet geht in diesem Bereich gar nichts.

Kommen wir zu ihren neuen Hauptaufgaben als Digital Champion, als Beraterin der Bundesregierung in digitalen Fragen.

Die Bundesregierung arbeitet an ihrer eigenen digitalen Agenda. Und in Brüssel wird eine digitale Agenda für Europa entwickelt. Es wird spannend sein, diese Arbeitsebenen zu koppeln.

Wie könnte das aussehen?

Ein Projekt ist das Bündnis für digitale Arbeit vor dem Hintergrund der großen Jugendarbeitslosigkeit in Europa und dem Fachkräftemangel in der IT-Branche. Diese Probleme kann man gemeinsam lösen, wenn man die Ausbildung verbessert, Industrie und Universitäten vernetzt. Und das Internet ist das Vehikel dazu. Man muss die Fragestellungen des Netzes zumindest europäisch denken, wenn nicht global.

Macht eine nationale Sichtweise hier überhaupt noch Sinn?

Ich glaube nicht. Es ist wichtig, Europa als Wertegemeinschaft zu sehen, in der das offene Internet nach vorne gebracht wird.

Aber der Industrieausschuss des Europaparlaments stellt das offene Internet in Frage. Ist dieser Zug nicht schon abgefahren, seit die Telekom Internet-Flatrates deckeln will und Tarife mit kostenfreiem Spotify-Zugang anbietet, während andere Dienste bezahlt werden müssen ?

Die Frage der Netzneutralität darf nicht dem Markt überlassen werden. Dann werden nämlich kleinere Dienste und kleinere Start-ups weniger Chancen haben. Es ist wichtig, dass man das auf europäischer Ebene durchsetzt.

Ist die Internet-Kommissarin der EU-Kommission, Neelie Kroess, hier ihre Verbündete?

Sie ist da sehr optimistisch und setzt sich sehr dafür ein, dass die Ideen des offenen Internets wie Open Data, Open Education und Open Government ein gemeinsamer europäischer Wert sind.

Finden Sie in Berlin ähnliche Unterstützung für solche Ideen?

Das klare Votum für Netzneutralität war gemeinsame Basis in den Koalitionsverhandlungen. Das ist die Zielsetzung, ohne eine ökonomische Herangehensweise nivellieren zu wollen.

Ist das Thema denn in der Bunderegierung tief genug verankert?

Es gibt den ständigen Ausschuss des Bundestages, der übergreifend die digitale Agenda mitbestimmt. Genau das wird auch auf europäischer Ebene diskutiert. Ich bin sehr optimistisch, dass das Thema der digitalen Agenda in die erste Reihe gerückt ist. Alle Minister wissen, dass man an dem Thema nicht mehr vorbeikommt. Ich hoffe, dass ich da eine kritisch begleitende Rolle spielen kann.

Aber wie unabhängig sind Sie da denn?

Ich trage kein politisches, sondern ein Experten-Ehrenamt. Insofern bin ich unabhängig in dem, was ich sage. Die Herausforderung wird sein, wie ich gute Schnittstellen zu den Ministerien gestalte, damit ich Gehör finde.

Wäre ein Internetministerium in Deutschland wünschenswert?

Jedes Ministerium muss digitale Themen mitdenken.

Eng mit der Netzneutralität verknüpft ist das Thema Privatsphäre. Steht sie auf dem Spiel, wenn derjenige, der die Daten verteilt, sich auch die Inhalte ansieht?

Das wäre schlimm. Und auch auf europäischer Ebene herrscht einhellig die Meinung, dass das verhindert werden muss. Die Frage ist aber, ob wir unsere jetzige Vorstellung von Privatsphäre aufrecht erhalten können und ob nicht viele Vorteile der vernetzten Gesellschaft verloren gehen, wenn wir den Begriff konservativ fassen. Fraglich ist auch, ob sich die nachfolgende Generation überhaupt noch für Privatsphäre interessiert. Ich sehe das kritisch, daher müssen wir gemeinsam einen neuen Begriff des Privaten entwickeln.

Wo verläuft für Sie bei der Privatsphäre denn die rote Linie. Sie sind ja sehr aktiv in sozialen Netzwerken unterwegs?

Bei Twitter geht es mir um Nachrichtenaustausch. Ich nutze das nicht für Privates. Es ist ein politisches Medium für mich. Auf Facebook will ich transparent machen, woran ich arbeite.

Sehen Sie eine Gefahr, dass sich unsere Gesellschaft digital in Onliner und Offliner spaltet?

Die Gefahr ist groß. Es ist eine wichtige Aufgabe, dass sich diese Spaltung nicht noch vertieft. Die Linie verläuft zwischen denen, die immer online sind und denen, die damit wenig anfangen können, denen die Medienkompetenz fehlt oder die sich keinen Computer leisten können. Man kann heute nicht mehr offline sein, selbst wenn man das Handy ausschaltet. Jeder Bürger ist Teil eines vernetzten Systems, wenn man beispielsweise Carsharing nutzt.

Was haben Sie aus der NSA-Affäre gelernt?

Man ist aufgewacht. Sie war eine Erschütterung des Ideals eines offenen Internets. Die Konsequenz daraus ist eine höhere Sensibilität, was man zum Beispiel auf Facebook postet oder ob man den Messagingdienst WhatsApp benutzt. Verschlüsselung und IT-Sicherheit sind wichtiger geworden.

Brauchen wir denn eine Vorratsdatenspeicherung?

Die brauchen wir nicht und ich würde genau diese Konsequenz aus dem NSA-Skandal ziehen. Es ist wichtig, dass das gerade am Europäischen Gerichtshof entschieden wird.

Machen denn Insellösungen einen Sinn, wie das kontrovers diskutierte Internet für Deutschland?

Die Idee des globalen Internet ginge damit verloren. Die Frage ist aber schon, ob es in Europa nicht ergänzende Infrastrukturen wie lokale Netzwerke geben müsste.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Es gibt zum Beispiel die Smartphone-App Shoutr, die Handys ohne Internet direkt und ohne Server miteinander vernetzt. Das ist ein Berliner Start up mit einer wirklich guten Idee.

Müssen die Kulturtechniken des Internets in der Bildung stärker verankert werden?

Meine Traumvorstellung wäre das Unterrichtsfach Programmieren ab der Grundschule. Es ist wichtig, früh zu verstehen, dass das Internet kein Ort allein des Konsums ist, sondern etwas, das man selber gestalten kann. Die Programmiersprachen werden immer einfacher. Es muss ja nicht gleich C++ sein. Ein wichtiges Projekt ist auf europäischer Ebene hier die Code Week im Oktober.

Wie beurteilen Sie denn die Situation Berliner Internetunternehmen im globalen Kontext?

In Brüssel beobachten alle interessiert die Berliner Start-up-Kultur, ihre Infrastruktur und die Aufmerksamkeit für die Gründerszene. Berlin ist ein Leuchtturm.

Wo sehen Sie hier den größten Handlungsbedarf?

Die Möglichkeiten für Start-ups in Berlin sind schon ganz in Ordnung. Es fehlt in Deutschland generell jedoch Risikofreudigkeit. Und wir haben einen ganz hohen Nachholbedarf bei jungen Frauen in diesem Bereich.

Gehen Frauen anders an das Thema ran?

Frauen nähern sich digitalen Technologien interdisziplinärer und haben einen alltagspraktischeren Blickwinkel. Eine Gruppe junger Frauen konzipiert in unserem Lab interaktive Textilien. Sie entwickeln ihre Ideen gemeinsam mit Demenzkranken und Schlaganfallpatienten. Die Frauen können programmieren, entwerfen die Schaltkreise und ein Design – und davon bin ich begeistert. Wir müssen mehr Frauen zu solchen Projekten ermutigen.

Was sind ihre nächsten großen Ziele als Internetbeauftragte der Bundesregierung?

Ich will die Allianz für digitale Arbeit auf den Weg bringen. Wir müssen definieren, ob in Zukunft nicht alle Arbeit digitale Arbeit ist und welche Profile dabei entstehen. Und ich will die Code Week aufs Gleis setzen und damit zeigen, was Medienkompetenz bedeutet.

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