16.01.13

Gründerzeit

Wie sich Berlins Start-ups miteinander vernetzen

Sich auszutauschen ist für junge Gründer essenziell. In Berlin gibt es sogar Unternehmen, die sich nur ums Netzwerken kümmern.

Von Judith Luig
Foto: Reto Klar

Lukas C. Fischer, Oskar Volkland und Alex Schwaderer (v.l.) von Fraisr.com
Lukas C. Fischer, Oskar Volkland und Alex Schwaderer (v.l.) von Fraisr.com

Dienstagmorgen, neun Uhr, Sankt Oberholz. So früh am Tag ist das Café noch leer. Die Gäste könnten sich eigentlich über die beiden Etagen verteilen. Tun sie aber nicht. Knapp 30 junge Leute haben sich in einer Ecke zurechtgedrängelt, sitzen Schulter an Schulter. Beim "Meet Up" der Internet-Plattform Silicon Allee geht es schließlich darum, sich zu vernetzten. Und das gelingt anscheinend besser mit Körperkontakt.

Es ist ein Phänomen der Start-up-Szene: Auch wenn ein Großteil der Neugründungen sein Geld mit Internet-Geschäften macht, so bleibt das Herz der Branche doch das persönliche Netzwerken. Aufgeregte junge Menschen strömen durcheinander. Meist wird Englisch gesprochen, mal mit spanischem, mal mit deutschem und auffallend häufig mit nordamerikanischem Akzent. Da kaum einer über die Weihnachtstage in Berlin war, gibt es umso mehr auszutauschen. "Did you hear about this investor?" – "Did you pitch for that?" ("Hast du von dem Investor gehört?" – "Hast du bei der Ausschreibung mitgemacht?")

Als die Veranstalter des Meet ups vor ein paar Jahren aus dem Silicon Valley nach Berlin zogen, stellten sie fest, dass der Stadt eine englischsprachige Plattform fehlte. Zwar gab es viele gute Ideen und Projekte, doch wenn man nur auf Deutsch über sie spricht und schreibt, dann beschränkt man das Netzwerk unnötig. Also gründeten sie Silicon Allee, Zeitung, Blog und Netzwerk für Start-ups.

Dann wurde er von der Euphorie angesteckt

Heute ist Silicon Allee ein Teil der Factory, einem gigantischen Gemeinschaftsbüro für Start-ups, welches gerade an der Brunnenstraße entsteht. Betrieben wird der Blog Silicon Allee von David Knight, einem Londoner, der das Netzwerken als Lokaljournalist gelernt hat. Knight war eigentlich nach Berlin gekommen, um über die Neugründer-Szene zu berichten, aber dann wurde er von der Euphorie angesteckt und mischt seitdem selber mit.

"Silicon Allee ist auch ein Start-up", sagt David Knight. "Wir haben die gleichen Probleme und Fragen, die gleichen Höhen und Tiefpunkte." Das ist es auch, was das Netzwerken so attraktiv macht in dieser Branche. Man tauscht sich über die Hürden aus, die alle nehmen müssen, wie die Finanzierung, die Personalgewinnung, man hilft sich durch die Schwierigkeiten der deutschen Bürokratie, die vor allem englischsprachigen Gründern zu schaffen macht. Wenn man Knight so reden hört, hat man den Eindruck, die ganze Branche sei ein einziger großer Freundeskreis.

"Die Tech-Szene lebt von den persönlichen Kontakten, in Berlin noch mehr als anderswo", sagt Knight. Natürlich sei es viel leichter, einen berühmten Gründer oder einen Personalexperten mal inoffiziell auf einem Treffen anzusprechen, als mit ihm ein Meeting zu vereinbaren. Hat denn keiner Angst, dass ihm ein anderer die Idee klauen könnte, wenn er darüber spricht? "Nein", winkt Knight ab, "es geht gar nicht so sehr um deine Idee in dieser Branche, es geht viel mehr darum, wer du bist. Und wenn du gut bist, dann kommst du sowieso ans Ziel."

Ein "Networker" zu sein, ist ein Prädikat

Soweit Knights Start-up-Credo. Dennoch ist er sicher, der Nutzen, den man aus dem Netzwerken ziehe, sei immer größer als die Gefahr, dass ein sogenannter Copy Cat das Konzept nachmache. Investoren oder Paten, wie die Business Angels, würden ihr Geld und ihre Expertise schließlich nicht in Projekte stecken, sondern Menschen unterstützen. "Es geht bei den Start-ups um Persönlichkeiten", sagt Knight.

Ein "Networker" zu sein ist deshalb ein Prädikat der Szene. Wer glaubt, einen Kontakt zu haben, der für einen anderen wichtig sein könnte, der gibt deswegen nicht einfach dessen Webseite an. Oh, nein. Der fragt erst einmal nach: "Soll ich Dir mal ein Intro machen?" oder "Ich mach Dir mal einen Kontakt." Später schickt man eifrig Mails plus Kopien. Schließlich will man ja zeigen, wer hier die interessanten Leute kennt. Wer andere verknüpft, macht auch gleich sein eigenes Netz dichter und größer.

Die meisten Start-ups sind schließlich noch mit Gründung und Überleben beschäftigt, in diesen Phasen sind sie besonders stark auf Unterstützung angewiesen. Neuen in der Branche wird als erstes empfohlen, ein Netzwerk aufzubauen. Das ist etwas schwieriger, wenn man in München oder Hanau lebt. In Berlin jedoch ist es ein Kinderspiel. Es gibt im Grunde keine Tageszeit, zu der nicht irgendjemand irgendetwas organisiert, damit man sich kennen lernt. Mehr als zwei Drittel der Start-ups nutzen offizielle Netzwerke wie Gründerszene oder den Entrepreneurs Club, so das Ergebnis einer aktuellen Studie über die Branche. Diese vereinigen junge Unternehmer unterschiedlicher Branchen, stehen gleichzeitig aber auch der Politik als Ansprechpartner in gründungspolitischen Fragen zur Verfügung.

Meet ups und Mentorenprogramme

Das Angebot an Netzwerken ist so groß, dass zur Orientierung bereits verschiedene Kalender mit Events im Netz angelegt sind, wie beispielsweise startupdigest.com. Es gibt monatliche und jährliche Treffen, es gibt Pizza-Meet-ups und Lunchdates, es gibt Konferenzen und Bootcamps. Mittlerweile haben sich innerhalb der Branche auch Unter-Netzwerke gebildet. Die Berlin Geekettes zum Beispiel, die Unternehmerinnen in dieser männlich dominierten Tech-Welt vernetzen wollen. "Frauen brauchen ihre eigene Grassroots", so die Gründerin Jess Erickson. Jeden Monat wird auf dem Blog eine neue Berliner Geekette vorgestellt. Meet ups und Mentorenprogramme sind die Tools, um noch mehr Frauen für die Szene zu begeistern. Und, wie von der Branche erwartet werden darf, gibt es ständig neue Ideen fürs Netzwerken.

"Fridays at six" von Derk Marseille zum Beispiel, eine monatliche Start-up-Talkshow, die durch die Büros der Branche tourt und in der Gründer interviewt werden. Man hilft sich gegenseitig. Denn am Beginn einer Neugründung, noch vor der großen Idee und vor der Finanzierung, beherrsche eine große Unsicherheit die Gründer. Daher sei das persönliche Treffen besonders wichtig, so Marseille. Netzwerken ist also essenziell, wenn es um Gründung und erste Schritte geht. Es bleibt bei vielen aber auch für das laufende Geschäft wichtig. Einige Start-ups gibt es überhaupt nur, weil es die sozialen Netzwerke wie Facebook oder Twitter gibt.

Eine Institution ist die Social Media Week

Eine Institution in Sachen Netzwerken ist die Social Media Week, die zuletzt im September vergangenen Jahres in Berlin und parallel in einem Dutzend Städten stattfand. Eine Woche lang hatten sich dazu wieder mehr als 6000 Menschen an drei Veranstaltungsorten zwischen Kreuzberg und Mitte getroffen, um bei mehr als 130 Vorträgen und Workshops über Start-ups, Soziale Netzwerke und das Miteinander-verknüpft-sein an sich zu diskutieren und von einander zu lernen.

Dass Netzwerken aber nicht allein unter den Gründern funktioniert, zeigt Fraisr, der digitale "Marktplatz für einen guten Zweck". Die Gründer von Fraisr nutzen die Tatsache, dass sich auch die Nutzer gerne miteinander vernetzen. Das nächste große Ding im Internet, so hieß es in der Branche, sei nämlich die Kaufempfehlung durch Freunde. Also überlegten Alex Schwaderer, Oskar Volkland und Lukas C. Fischer was ihr Beitrag dazu sein könnte. "Im sozialen Netzwerk dreht sich alles um die Kommunikation", erzählt Schwaderer. "Aber der Informationsgehalt eines Schuhkaufs ist eher dünn, also kommuniziert den niemand." Sie mussten also das Handeln im Netz mit Bedeutung aufladen. So kamen sie auf die Idee, Kaufen und Spenden zu verknüpfen. Was noch einen guten Nebeneffekt hätte: "Die Spendenbereitschaft in Deutschland ist sehr gering", sagt Lukas C. Fischer. "Wir wollten das Spenden bewusst banalisieren, um mehr Leute dafür zu gewinnen."

Weitere Unterstützer mobilisieren

Mit Fraisr betreiben sie eine Plattform für Käufer und Verkäufer mit Spendenanteil. Das bedeutet konkret, dass die Nutzer neben den üblichen Waren und dem Gewinn obendrauf noch ein gutes Gefühl bekommen. Denn ein vorher festgesetzter Teil des Erlöses wird an eine ebenfalls vorher festgesetzte wohltätige Organisation gespendet. "Commerce with a cause", nennen die Macher das. Man könnte es, etwas trutschig vielleicht, mit "Kommerz mit Herz" übersetzen.

Fraisr wohnt gerade noch zur Untermiete bei einem anderen Start-up in einem Neuköllner Hinterhof. Allerdings sieht es hier nicht – wie sonst in der Branche häufig – nach Studenten-WG aus. Es ist deutlich aufgeräumter. Überhaupt wirkt das Unternehmen erstaunlich vorbereitet. Die Plattform ist erst vor knapp zwei Monaten online gegangen, aber schon jetzt gibt es dort ein perfekt gemachtes Video über Fraisr. Das Start-up hat mit dem Firmenlogo bedruckte T-Shirts und Jute-Tasche und jede Menge Postkarten.

Fehlt noch der entscheidende Schritt: Das "Friendraising", auf das der Firmenname anspielt. "Wir haben uns angeschaut was die NGOs machen", erklärt Fischer. "Viele Leute klicken den 'Gefällt mir'-Button, wenn die über ihre Aktionen berichten." Doch diese Gruppe würde nicht ebenso leicht auch mit Geld die karitative Arbeit unterstützen. Das läuft immer noch analog über Briefe. Wenn man nun aber darüber redet, dass man gespendet hat, dann erfahren über die Netzwerke automatisch auch mehr Leute über die Arbeit der NGOs. Und mobilisieren so weitere Unterstützer. "Wir sehen uns als ein Crowdfunding-System", sagt Schwaderer.

Wieder eigene Communitys

Wenn jetzt also Alex ein Bild verkaufen möchte, um damit einen guten Zweck zu unterstützen, dann kann er das über Facebook, Pinterest oder Twitter seinen Freunden mitteilen. Somit bekommt er mehr potenzielle Käufer. Oskar unterstützt das dann beispielsweise mit seinem "Gefällt mir"-Button, weil er das Anliegen gut findet. So erfährt Lukas davon und kauft das Bild, weil er Oskar kennt und Alex' Anliegen gut findet (und das Bild, was Alex verkauft, auch). Und ein neues Netzwerk entsteht.

Momentan ist die Anzahl der Projekte, für die man bei Fraisr spenden kann, noch eher übersichtlich. Der Bundesverband Deutsche Tafel zum Beispiel, oder die Björn Schulz Stiftung. Jeder Verkäufer aber kann auch für seinen eigenen Zweck Spenden sammeln. Für eine Berliner Jugendtheatergruppe, einen Tierschutzverband, oder für eine private Kita-Gründung. Dabei finden sich auch ganz eigennützige Zwecke, wie zum Beispiel das Projekt "Emma braucht Farbe": Potenzielle Käufer würden dabei die Verkäuferin Anne darin unterstützten, dass sie ihr Auto neu lackieren kann. Jeder Verkäufer trägt sich mit Foto und Namen ein, von jedem Projekt, das unterstützt wird, gibt es eine kurze Beschreibung. Also bilden sich auch durch Fraisr mit ein bisschen Glück wieder eigene Communitys.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Unglück in Moskau Total-Chef stirbt bei Kollision mit Schneepflug
Afghanistan Terroranschlag in Kabul auf Armeebus
Ukraine Panik bei Pressekonferenz in Donezk nach Explosion
DJ Hardwell Holländer zum zweiten Mal bester DJ der Welt
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Lichterglanz

Berlin erstrahlt beim "Festival of Lights"

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote