Berlin-Neukölln

Eine jüdisch-muslimische Initiative gegen No-Go-Areas

Armin Langer kämpft gegen das Klischee von Neukölln als No-Go-Area für Juden. Der Student will einen interkulturellen Dialog fördern - und findet dafür muslimische Unterstützer.

Foto: Amin Akhtar

Dass er Jude ist, erfuhr Armin Langer erst mit 16. Damals nahm ihn sein Vater mit zu einer Holocaust-Gedenkveranstaltung und erzählte ihm dort, dass seine Groß- und Urgroßeltern in Auschwitz waren. Dass er, der Vater, Jude sei, und Armin selbst auch. Langer ärgert sich nicht über seine Eltern, weil sie ihm diesen Teil seiner Identität so lang verschwiegen haben. "Ich verstehe sie", meint der mittlerweile 23-Jährige. "Sie wollten mich schützen." Sopron, die ungarische Kleinstadt nahe der österreichischen Grenze, in der Armin unter 40.000 Einwohnern aufwuchs, empfanden die Eltern als kein geeignetes Pflaster, um offen jüdisch zu sein.

Ebenso wenig wie Neukölln, jedenfalls wenn man die Meinung des Rabbiners Daniel Alter teilt. Dieser bezeichnete im vergangenen August Teile von Wedding und Neukölln als "No-Go-Areas" für bekennende Juden – wegen ihres hohen Anteils an arabischen und türkischen Migranten. Ein Jahr zuvor war Alter in Friedenau von mutmaßlich arabischstämmigen Jugendlichen zusammengeschlagen worden, nachdem er deren Frage bejaht hatte, ob er Jude sei.

Als Armin Langer von diesen Vorwürfen Alters erfuhr, lebte er bereits seit einigen Jahren in Budapest, wo er Philosophie studierte. Teilen konnte er Alters Ansichten nicht. "Ich kannte Neukölln, besuchte da oft Freunde, jüdische und muslimische", sagt er. "Und hatte immer einen sehr positiven Eindruck von dem Teil der Stadt." Ganze Stadtteile als No-Go-Areas zu stigmatisieren, das empfand er schon damals als falsch. Neukölln sei ein beliebter, bunter Wohnort, auch für junge Israelis. Langer lebte damals in einem Budapester Bezirk mit vielen Roma, der unter seinen Freunden ebenfalls als gefährliches Pflaster für Juden galt. Aber Armin Langer fühlte sich immer wohl und hatte nie Probleme.

Besuch in der Synagoge ausschlaggebend für Rabbinerstudium

Es war auch in Budapest, wo er das erste Mal in seinem Leben eine Synagoge besuchte. "Ich fühlte mich sofort zu Hause", erzählt er. "Und da wurde mir klar, dass ich Rabbiner werden will." Im vergangenen Oktober zog er nach Neukölln und begann in Berlin und Potsdam sein Rabbinerstudium. In seiner neuen Wohnumgebung traf Langer immer mehr Menschen, die eine Kennzeichnung ihres Bezirks als Gefahrenschwerpunkt für bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht akzeptieren wollten. Osama etwa, sein libanesischer Friseur, war hoch empört, als Armin ihm von Rabbi Alters Äußerungen erzählte.

Den Auslöser, sich aktiv zu engagieren, bot für Langer ein Fernsehbericht über Antisemitismus in Deutschland. Zudem meinte der Rabbinerstudent, starke islamfeindliche Tendenzen in der deutschen Gesellschaft zu erkennen. "Muslime sehen sich manchmal ähnlichen Diskriminierungen ausgesetzt, wie wir sie jahrtausendelang erlebt haben", glaubt er. Die mediale Fokussierung auf thematische Teilaspekte stimme ihn traurig, sowohl in Deutschland als auch in Ungarn. Gehe es um Juden, dann meist um Antisemitismus. Gehe es um Muslime, dann oft um Terror. Oder um typische "Erfolgsstorys vorbildlich integrierter Türken oder Araber".

Initiative "Salaam-Schalom" für friedliches Miteinander in Neukölln

Mit Neuköllner Freunden beschloss Langer, ein Videoprojekt zu starten. Im Dezember gründeten sie die Initiative "Salaam-Schalom". "Wir setzen uns ein für ein friedliches Miteinander, in Neukölln, in Berlin, auf der ganzen Welt", fasst Langer das Anliegen der Initiative zusammen. "Für ein Deutschland, wo Juden und Muslime, wo alle religiösen und kulturellen Gemeinschaften gleich behandelt werden."

Seit Dezember entstehen fortlaufend Clips, in denen Juden sich von den Aussagen Alters distanzieren und erzählen, wieso sie sich in Neukölln wohl fühlen. Auf diese Videos wurde unter anderen Ender Çetin aufmerksam, Vorstandsmitglied der Şehitlik-Moschee am Columbiadamm. Er lud die damals zwölf Mitglieder von Salaam-Schalom ein, ihr Projekt in der Moschee vorzustellen. Beim Abschied nach dieser Veranstaltung war die Initiative um etwa zehn muslimische Mitstreiter größer geworden. "Viele Neuköllner Muslime haben Rabbi Alters Statements ja auch mitbekommen", berichtet Langer. "Die haben sich über dieses Stereotyp geärgert. Und waren erleichtert, dass sich gerade eine Gruppe jüdischer Leute dagegen wehrt." Momentan sind 13 Videos online.

Dort meint etwa der junge Moslem Abbas, er würde sich über jüdische Nachbarn freuen. Und Uri sagt, all seine israelischen Freunde lebten in Neukölln. Daneben hat die Initiative zahlreiche weitere Ideen. Die mittlerweile etwa 20 Mitglieder arbeiten aktuell an einem Handbuch für Einwanderer auf Hebräisch, Arabisch, Türkisch und Farsi, wie die persische Sprache im Iran heißt. Auch wollen sie in ganz Deutschland Plakate kleben, mit Slogans wie "Wusstest Du, dass weniger als ein Prozent der Terrorattacken von Muslimen verübt werden?". Außerdem würden sie gern den nach ihrer Ansicht allzu grauen U-Bahnhof Boddinstraße bemalen, mit interkulturellen Symbolen. Einen Antrag bei der BVG und beim Bezirksamt haben sie schon gestellt.

Rabbiner Alter bleibt skeptisch

Daniel Alter sympathisiere mit der jungen Initiative, wie er der Jüdischen Allgemeinen gegenüber betonte, sei aber weiterhin skeptisch. Für Menschen, die als Juden erkennbar seien, bleibe Neukölln eine gefährliche Region. Allerdings würde er sich laut eigenem Bekunden freuen, wenn die Initiative Recht behalte und er Unrecht.

Eine Kippa trägt Armin Langer nicht. Dass er mit Kopfbedeckung in Neukölln ein erhöhtes Risiko eingehen würde, glaubt er aber auch nicht. "Ob ich hier oder in Charlottenburg mit Kippa herumlaufe, macht keinen Unterschied", ist Langer überzeugt. "Verrückte gibt es überall."

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