Um an das schnelle Geld zu kommen, beweisen Kriminelle oft erstaunliche Kreativität. Nahezu kein erdenkliches Geschäftsfeld wird ausgelassen, auch der weltumspannende Arzneimittelmarkt bleibt nicht außen vor. In Potsdam läuft derzeit ein Strafprozess, der zeigt, wie ein raffiniert organisiertes Netzwerk illegal ein erkleckliches Stück vom Milliarden Euro schweren Kuchen des Pharmaziemarktes ergattern konnte.

Die kriminelle Gruppierung hatte in weniger als drei Jahren 22 Millionen Euro eingenommen – überwiegend mit gefälschten Potenzmitteln namhafter Hersteller sowie mit Nachahmer-Präparaten.

Uruguay lieferte aus

Sieben Männer aus Brandenburg, Berlin und anderen Bundesländern müssen sich seit Anfang März vor dem Landgericht Potsdam wegen banden- und gewerbsmäßigem Betrugs verantworten. Der letzte von vier Bandenbossen ist erst kurz nach Prozessbeginn aus Uruguay nach Deutschland ausgeliefert worden. Der 44-jährige Matthias M. hatte sich nach Südamerika abgesetzt, wo er nach Angaben der Staatsanwaltschaft Potsdam weiter von den Einnahmen der Fälscherbande profitierte. Er werde in einem abgetrennten Verfahren angeklagt, die Ermittlungen gegen den Mann seien noch nicht abgeschlossen.

Den Angeklagten wird vorgeworfen in illegalen Labors in Indien oder China hergestellte Potenzpillen gegen harte Devisen im Internet verkauft zu haben. Vertrieben wurden die gefälschten Potenzpillen über Internetseiten mit Namen wie “viagrasicherbestellen.com“ oder „maennerapotheke.com“.

Chemische Untersuchungen ergaben, dass die Potenzpillen tatsächlich die Wirkstoffe der legalen Marken enthielten. Jedoch nicht in der Dosierung des Originalherstellers. „Es gab Fälschungen mit geringeren und höheren Dosen. Die Wirkstoffe waren oft verunreinigt. Und wenn der passende Wirkstoff mal nicht vorrätig war, wurde er einfach durch jene der Konkurrenzmarken ersetzt, sagten Ermittler auf Anfrage.

Einnahmen über Briefkastenfirmen verwaltet

Eine weitere gesundheitliche Gefährdung bestand durch völlig unzureichende Beipackzettel. Zudem bot die Fälscherbande auch Appetitzügler an, die teilweise mit extrem überdosierten Wirkstoffen versetzt waren. Von schweren „gesundheitlichen Gefährdungen“ oder Ausfallerscheinungen wie „erhöhte Aggressivität“ nach der Einnahme der „Schlankmacher“ durch die Käufer ist in den Ermittlungsakten die Rede.

Als Kopf der Bande mit mehr als 100 Helfershelfern gelten nach Angaben der Staatsanwaltschaft Potsdam vier Männer. Ihnen direkt untergeben waren Mittäter in Schlüsselpositionen: Grafikdesigner, die den Webauftritt der Verkaufsplattform gestalteten, Computerexperten, welche die dazu passenden Programme erstellten. Sie wurden ebenso mit Top-Gehältern ausgestattet, wie die Verwalter der Finanzen. Die Einnahmen mussten schließlich über Briefkastenfirmen und von Strohmännern eröffnete Konten in Europa und der Karibik gut verwaltet und später an die Bandenmitglieder verteilt werden.

Die dritte Hierarchie-Ebene der Pillen-Bande war für einfache Zuarbeiten zu vergleichsweise geringen Löhnen zuständig. Postumschläge beschriften, Lagerhaltung, Packer, Fahrer- und Kurierdienste. Die Pillenmafia unterhielt Lager in Tschechien und Rumänien, von dort gab es regelmäßig Transporte nach Deutschland. Eine Sonderstellung in der kriminellen Vereinigung hatten sogenannte Webmaster, zuständig für Kundenakquise. „Diese Täter arbeiten wie Franchisenehmer, praktisch freiberufliche Angestellte, die nach Umsatzzahlen bezahlt wurden. Die Erfolgreicheren unter ihnen sorgten dafür, dass die angebotenen Medikamenten-Fälschungen auch leicht in Suchmaschinen zu finden sind.

Großrazzia brachte Durchbruch

Einige dieser Webmaster kassierten 25 bis 30 Prozent vom generierten Umsatz, der Topmann kam auf 40 Prozent und strich fast eine Million Euro ein, andere brachten es ebenfalls auf sechsstellige Euro-Beträge. Am unteren Ende gab es jedoch auch Hunderte Internetverkäufer, die nur wenig verdienten.

Knapp drei Jahre schwungvollen Handels konnten die Ermittler der Pillenbande nachweisen. Die Entdeckung von 18 großen Luftpostsäcken durch Zollbeamte am Leipziger Flughafen – randvoll mit gefälschten Potenzmitteln der Marken Viagra, Cialis und Levitra – hatten die Ermittlungen 2010 in Gang gebracht. Im April 2011 gab es eine Großrazzia mit der Durchsuchung von 60 Wohn- und Geschäftsadressen durch 300 Beamte des Zolls und der Polizei, 40 der Objekte lagen in Deutschland.

Sieben Haftbefehle konnten zunächst vollstreckt werden. Die daran anschließenden umfangreichen Ermittlungen des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg dauerten mehr als zwei Jahre an, führten zu etlichen weiteren Festnahmen, bis das international agierende Netzwerk schließlich vollständig enttarnt war. Die Staatsanwaltschaft Potsdam spricht vom größten Arzneimittelbetrug der Geschichte für die Region Berlin-Brandenburg.

16 Beschuldigte erhalten Geld- und Bewährungsstrafen

Zur Abschöpfung der illegal Gewinne beschlagnahmten die Ermittler bei den gefassten Tatverdächtigen insgesamt 2,7 Millionen Euro auf Konten sowie Bargeld, Immobilien und sechs Autos.

16 Beschuldigte wurden bereits vor Beginn des Potsdamer Hauptprozesses zu Geldstrafen und Freiheitsentzug bis zu eineinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt. 15 weitere Tatverdächtige sollen sich noch in vom Hauptverfahren abgetrennten Strafprozessen verantworten müssen, teilte die für Wirtschaftsdelikte zuständige Ermittlungsbehörde aus der Havelstadt mit.