Die Staatsoper Unter den Linden, das Bundesratsgebäude Am Leipziger Platz und die Baustelle für die Verlängerung der Linie U5 haben ein gemeinsames Problem: Sie stehen im Berliner Urstromtal – und damit im Wasser. Doch nicht nur diese prominenten Berliner Bauwerke haben nasse Fundamente. Auch viele Unternehmen und Hausbesitzer beklagen zunehmend Schäden an ihren Gebäuden.

Nach einer aktuellen, von der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) beauftragten Studie sind mittlerweile neun Prozent der Berliner Stadtfläche von ständig steigendem Grundwasser betroffen. Das Gebiet umfasst rund 33 Quadratkilometer und ist damit größer als der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Schäden nur vereinzelt erfasst

Experten der Beratungsunternehmen KWS Geotechnik und des Ingenieurbüros für Grundwasser und Boden (IGB) stellten das detaillierte Gutachten am Mittwoch vor. Nach Erkenntnissen der Geologen sind neben Siedlungs- und Industriegebieten im Nordwesten und Südosten der Stadt vor allem auch Innenstadtbereiche in Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Charlottenburg betroffen. Dort würden die Schäden zwar weniger gehäuft auftreten, so die Experten. Allerdings seien diese Bereiche durch eine höhere Wohndichte geprägt. Insgesamt, so das Ergebnis der Studie, sind rund 200.000 Berliner vom steigenden Grundwasser betroffen.

Mehr als 200 Berliner waren am Mittwoch zur ersten „Grundwasserkonferenz“ in das Ludwig Erhard Haus an die Charlottenburger Fasanenstraße gekommen, um neben den Ergebnissen der Studie auch zu erfahren, wie der Senat sich der Grundwasserproblematik stellt. Denn das Ausmaß der tatsächlichen Schäden ist bisher nur vereinzelt erfasst worden. So meldeten die Verbände der Immobilien- und Wohnungswirtschaft rund 900 Gebäude mit etwa 19.000 Wohneinheiten, die unter zu hohem Grundwasser leiden. Den Haus- und Grundstückseigentümerverbänden in Berlin liegen nach eigenen Angaben Hunderte weitere Einzelfälle vor.

Verbrauch von Industrie und Haushalten hat sich halbiert

Zukünftig ist jedoch mit noch mehr Schäden zu rechnen. Zum einen verlieren Abdichtungsmaßnahmen an Gebäuden nach einigen Jahrzehnten ihre Wirkung. Zum anderen steigen seit den frühen 90er-Jahren die Grundwasserspiegel wieder an, weil die Industrie, aber auch die Privathaushalte nur noch halb so viel Wasser verbrauchen wie vor 25 Jahren. Zwischen 1989 und 2012 stieg das Grundwasser laut Studie um mehr als einen halben Meter an.

„Zum tatsächlichen Ausmaß der Schäden in der Stadt gibt es derzeit zwischen den Vertretern der Betroffenen und der Berliner Verwaltung keinen Konsens“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder. Doch steigende Grundwasserstände könnten sich schnell zum Standortnachteil entwickeln. Die Berliner Politik brauche deshalb den Mut, die Diskussion über neue Wege für ein nachhaltiges Grundwassermanagement voranzutreiben. „Andere Bundesländer zeigen uns, wie mögliche Lösungswege aussehen können“, so Eder weiter. Eingeladen zur Konferenz waren deshalb auch Vertreter dieser Länder, um das das dortige Grundwassermanagement vorzustellen.

So hat etwa die Landesregierung in Sachsen-Anhalt ein umfangreiches Finanzierungskonzept für die „Abwendung von Schäden und Gefahren in Folge von Vernässung und Erosion“ in Höhe von 30 Millionen Euro aufgestellt. Die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt hatte allerdings keinen Vertreter in das Ludwig Erhard Haus entsandt.

BUND warnt vor Absenkung des Grundwasserspiegels

„So wie es beim Klimaschutz gelungen ist, einen gesellschaftlichen Konsens zu finden und das aktive Handeln der einzelnen Partner zu aktivieren, muss dies auch für den Grundwasserschutz möglich sein“, forderte die Geschäftsführerin des Berliner Landesverbandes der Freien Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), Hiltrud Sprungala. Hauseigentümer erlitten durch steigendes Grundwasser massive Schäden – zudem nehme das Land Berlin jährlich rund 50 Millionen Euro Grundwasserentgelt ein, die im Landeshaushalt versickern würden.

Der Berliner Landesverband der Umweltschutzorganisation BUND warnte unterdessen vor einer gezielten Absenkung des Grundwasserspiegels. Er würde die Natur schädigen und den Steuerzahler bis zu 90 Millionen Euro pro Jahr kosten.