Wenigstens diesmal kein brutal ermordetes Kind. Was sich in den letzten Wochen zu einer Art Leitmotiv des sonntäglichen „Tatort“-Rituals auszuwachsen drohte, kehrte im „Brüder“ genannten Fall der Bremer Ermittler Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) nicht zurück. Doch bevor man sich darüber erleichtert zeigen konnte, sah man sich schon in einen anderthalbstündigen Strudel der Gewalt gerissen: eine ins Koma getretene Frau (die bald darauf stirbt), Schüsse, eine kopfüber in die Toilette gestoßene Frau, noch mehr Schüsse, riesige Blutlachen, ein mit Benzin übergossener Rollstuhlfahrer, schon wieder ganz viele Schüsse, ein in der Sauna attackierter Richter, Maschinenpistolensalven, noch mehr Tote.

Wie man so eine Handlung konstruiert? Indem man das Chicago der 20er-Jahre oder das Palermo der Achtziger an die Weser verlegt? Nicht so ganz. Man macht es, indem man die allgegenwärtige, gern auch per Rap überhöhte Gewaltfolklore der kriminellen Familienclans in deutschen Großstädten ins Splatterhafte überdreht und eine gehörige Portion Berlin dazu mischt. Fertig sind anderthalb Stunden kurzweilige, am Ende dann aber doch etwas hysterische Stunden Fernsehunterhaltung.

Das erste Bild, oh Symbol: das Auge Allahs, es baumelt gläsern vom Rückspiegel eines Autos. Mit kriminellen Migranten werden wir es erheblich zu tun bekommen, genauer: die Streifenpolizisten David Förster (Christoph Letkowski) seine Kollegin. Sie erhalten einen Notruf und finden auf einem verlassenen Parkplatz einige Mitglieder des stadtbekannten Nidal-Clans vor, die gerade einen Mann misshandeln, der gegen sie aussagen soll. Weil man sich dabei natürlich ungern von Polizisten stören lässt, treten sie wie von Sinnen auf die wehrlose Polizistin ein und erschrecken ihren Kollegen derart überzeugend, dass er sich für die nächste Zeit erst einmal in brütendes Schweigen hüllen wird.

Das ist die eine Seite: das kompromisslose Vorgehen krimineller Clans mit Migrationshintergrund, die sich in allen denkbaren Bereichen mit dem Gesetz anlegen. Im wirklichen Bremen heißen die Mitglieder dieses Clans nicht Nidal, sondern Miri, doch auch sie, aus dem Libanon nach Deutschland eingewandert, haben es zu einem vollendet notorischen Ruf in Polizistenkreisen und der lokalen Kriminalitätsberichterstattung gebracht. Man muss es den Autoren Wilfried Huismann und Dagmar Gabler hoch anrechnen, dass sie sich an diese Materie herantrauen, zumal sie ohnehin auf vermintem Gelände agieren: Kriminelle Migranten, zudem mafiös organisiert, wie schnell verheddert man sich da in Klischees und Ressentiments.

18-mal vor Gericht

Es mag eine Anspielung auf die Berliner Verhältnisse sein, dass die Autoren ihre Sippschaft auf „Nidal“ umgetauft haben. Es ist erst wenige Wochen her, als der erst 31-jährige Intensivtäter Nidal R. vor dem Moabiter Kriminalgericht stand, der zuvor bereits 18-mal verurteilt worden war. Doch wenn es sich hierbei wenn schon nicht um einen Zufall, so doch nur um eine lustige Anspielung handeln mag, lassen sich die Parallelen zwischen dem Bremen-„Tatort“ und der Berliner Wirklichkeit auf einer anderen Ebene weitaus schwerer von der Hand weisen.

Nachdem wir nämlich die kompromisslose Brutalität des Bremer Nidal-Clans im „Tatort“ vorgeführt bekommen haben, blendet die Handlung ins Gericht, wo seine Mitglieder gleich dutzendfach im Zuschauerraum versammelt sind. Was wir hier erleben, streift in seiner radauhaften Überzeichnung das Possenhafte: Während der Angeklagte Hassan Nidal seinem Anwalt das Plädoyer entreißt, brandet ihm aus den Reihen seiner Sippschaft eine Zustimmung entgegen, die den Vergleich mit Fußballfanchören nicht zu scheuen braucht.

Ein hilfloser Richter

Dass der Richter diesem Treiben so hilflos zusieht wie in diesem Krimi, ist weder in Bremer noch in Berliner Gerichtssälen realistischerweise vorstellbar. Aber es mag die Drehbuchautoren gefreut haben, dass ausgerechnet in der Woche vor Ausstrahlung in Berlin Bushido vor Gericht stand - und damit jener Rapper, der immer wieder im Zusammenhang mit der Familie Abou-Chaker genannt wird, dem Neuköllner Palästinenser-Clan. Die Vorwürfe waren zwar sicher nicht spektakulär genug für ein „Tatort“- Drehbuch - ein 35-Jähriger hatte dem Rapper vorgeworfen, ihn mit einem Schuh attackiert zu haben, wovon dieser dann auch noch freigesprochen wurde -, doch gab der Termin diversen Medien Gelegenheit, von Bushidos trüben und oft genug effektvoll inszenierten Kontakten zu erzählen.

Man sah Bushido mit Arafat Abou-Chaker, beide in schwarzen Anzügen, auf einem zwei Jahre alten Foto im „Spiegel“, man las von getunten Limousinen, die vor dem Moabiter Gericht parkten. Und für eine kurze Sekunde wehte jener Gangsterglamour durch den Blätterwald, von dem Hollywood und HBO uns schon so oft erzählt haben. Und wenn es am Schluss auch keine lautstarken Standing Ovations seiner Weggefährten gab, so konnte Bushido doch wenigstens ein triumphales „Freispruch!“ in die Welt twittern.

Wie viel Berlin steckte also in diesem „Tatort“? Ein wenig schon. Ein paar Gramm des Ermittlungsalltages der hiesigen Polizisten, ja. Und umso bedauerlicher ist, dass diese Folge, sicher aus dramaturgischen Gründen, nicht allzu viel übrig haben konnte für das soziale Funktionieren und die familiären Riten eines solchen Clans. Dass wir seine führenden Köpfe in den immer gleichen, kriminell codierten Szenerien zu sehen bekamen - Industriebrachen, Bordelle, Sozialwohnungen -, die wir schon aus Hunderten anderer Krimis kannten. Und dass in einer Flut aus überschießender Gewalt und Fäkalsprache („Fick Dich, ich scheiß auf Dich, Du bist so ein Arschloch“ usw. usf.) unterging, wovon man doch so spannend hätte erzählen können: Vom kriminellen Alltag in der Großstadt.

Der Tatort war so oder so ein voller Erfolg: 10,18 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 27,4 Prozent) interessierten sich für den Krimi „Brüder“. Erstmals knackte damit ein „Tatort“ aus Bremen die Zehn-Millionen-Marke.

Die historische ZDF-Verfilmung „Der Wagner-Clan – Eine Familiengeschichte“ von Produzent Oliver Berben mit seiner Mutter Iris in der Hauptrolle als Cosima Wagner sowie Lars Eidinger, Eva Löbau und Petra Schmidt-Schaller als ihre Kinder musste sich zeitgleich mit 4,44 Millionen Zuschauern (12,2 Prozent) begnügen.