Der Fahrer des Rettungswagens hatte alles gegeben, um noch rechtzeitig am Tatort zu sein. Doch bereits ein Blick in das Wageninnere reichte den Sanitätern, um ihnen zu zeigen, dass ihre Reanimationsversuche vergeblich bleiben würden. Der Mann auf dem Fahrersitz des silbernen Toyota war tot, getroffen in der Nacht zum Sonntag von mehreren Kugeln.
Kurz darauf sperrten Polizisten den Parkplatz an der Braunschweiger Straße in Neukölln ab. Die Mordkommission wurde verständigt. Wenig später sah man überall Taschenlampen aufleuchten, als die Fahnder auf Spurensuche gingen.
Die Tat ist Mord Nummer fünf in diesem Jahr - in gerade einmal sechs Wochen. Erschossen wurde ein 35 Jahre alter Türke. Vom Täter fehlt jede Spur, ebenso von der Waffe. Das Motiv ist unbekannt. Deswegen wendet sich die Mordkommission mit einem Zeugenaufruf an die Öffentlichkeit.
Bislang haben die Ermittler nur wenige Erkenntisse. Fest steht nur, dass Selim Özel die Abendstunden in einer Shisha-Bar an der Braunschweiger Straße verbracht hatte. Gegen 2.50 Uhr, so andere Gäste des Lokals, hatte er bezahlt und sich auf den Weg zu seinem Auto gemacht, das er auf dem Parkplatz eines gegenüber liegenden Supermarktes geparkt hatte.
Mehrfach im Oberkörper getroffen
Wie die Ermittler weiter wissen, hatte er bereits auf dem Fahrersitz Platz genommen, aber die Tür noch nicht geschlossen, als der Täter offenbar wie aus dem Nichts auftauchte und mehrmals auf den 35-Jährigen schoss. Özel wurde nach Informationen der Berliner Morgenpost mehrfach in den Oberkörper getroffen, eine Kugel durchschlug zudem die Beifahrerseite und blieb im Außenspiegel eines daneben geparkten Autos stecken. Passanten sahen den Schützen kurz nach dem Mord zu Fuß flüchten.
Die Polizei vernahm die anderen Lokalgäste, auch den Besitzer der Shisha-Bar. Der reagierte aggressiv, sein Lokal habe nichts mit der Tat zu tun. Zur gleichen Zeit deckten Gerichtsmediziner die Leiche ab und brachten sie in die Gerichtsmedizin. Noch in der Nacht wurde eine Obduktion für den Sonntag angeordnet, das Ergebnis steht noch aus.
Bis in die Morgenstunden suchten die Ermittler den Bereich um den Tatort nach Beweisen wie Fußabdrücken und Patronenhülsen ab. Ob und wenn ja was gefunden wurde, haben die zuständigen Stellen aus ermittlungstaktischen Gründen zunächst nicht mitgeteilt. Einem Ermittler zufolge muss es allerdings eine Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer gegeben haben.
„Das war eine geplante Tat, dem Opfer ist mit einer Waffe aufgelauert worden, damit wurde vorsätzlich gehandelt“, sagte er. Der Mord komme einer regelrechten Hinrichtung gleich, Selim Özel sei chancenlos gewesen. Bislang gebe es allerdings keinerlei Hinweise auf das Motiv.
„Eine Auseinandersetzung wegen einer Frau ist ebenso denkbar wie ein Streit im Bereich der organisierten Kriminalität, beispielsweise im Drogenmilieu“, so der Beamte. Nach Informationen der Berliner Morgenpost ist Özel der Polizei aus der Vergangenheit wegen Drogendelikten und auch Körperverletzungen bekannt. Diese würden laut einem Beamten allerdings lange her sein.
Schnell machten Gerüchte die Runde, das Lokal werde regelmäßig von Rockern besucht, auch das Opfer solle demnach in diesem Milieu verkehren. Nach Angaben von Polizeisprecher Michael Maaß gibt es bislang keine Hinweise in diese Richtung. „Wir befinden uns noch ganz am Anfang der Ermittlungen, und diese gehen in alle Richtungen. Es wurden kurz nach der Tat die szenekundigen Beamten des Rockerdezernats zum Ort gerufen. Sie kannten das Opfer nicht.“
Zudem gab es Spekulationen, dass die Tat auch politisch motiviert sein könnte. Das Lokal heißt seit Oktober 2013 „Capulcu“, was übersetzt „Plünderer“ heißt, und von der türkischen Regierung als Provokation von Oppositionellen gedeutet wurde – eine Bezeichnung, die diese aus Trotz für sich übernommen haben. Der für politische Straftaten zuständige Polizeiliche Staatsschutz ist jedoch noch nicht in die Ermittlungen eingebunden.
Polizei sucht Zeugen
Die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat hat die 2. Mordkommission des Landeskriminalamtes übernommen, die folgende Fragen hat:
- Wer kannte Selim Özel?
- Wer kann Angaben zu Özel und zu seinen Aufenthaltsorten machen?
- Wer kann Angaben zum Freundes- und Bekanntenkreis Özels machen?
- Wer hat in der Nacht vom 8.2. zum 9.2.2014, insbesondere zur Tatzeit, im Bereich der Braunschweiger Straße in der Nähe des Tatortes verdächtige Beobachtungen gemacht?
Hinweise nimmt die 2. Mordkommission des Landeskriminalamtes in der Keithstraße 30, in 10787 Berlin-Tiergarten unter der Telefonnummer (030) 4664- 911 222 oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.
Mit mb











