Kommentar

Die Online-Petition gegen Markus Lanz ist digitales Mobbing

Nach dem harten Schlagabtausch zwischen Markus Lanz und Sahra Wagenknecht fordert eine Petition im Netz den Abgang des Moderators. Kommentator Hajo Schumacher nervt der Wahn mit Online-Petitionen.

Foto: ZDF / dpa

In einem relativ freien Land hat jeder Bürger das Recht, Talkshows zu besuchen, Talkshows zu moderieren, Talkshows zu schauen oder aber Talkshows zu meiden. Sahra Wagenknecht meidet die TV-Gespräche selten. Die Politikerin der Linkspartei hat in Jahren harten Talk-Trainings die Kunst vervollkommnet, klare Fragen wortreich nicht zu beantworten. Und zuletzt hatte sich Markus Lanz offenbar vorgenommen, die aparte Linke zu grillen. Der ZDF-Moderator bohrte und unterbrach, zuweilen ziemlich charme-reduziert, und manövrierte Frau Wagenknecht damit unerwartet in die Rolle des Talk-Opfers. Der Erkenntnisgewinn war überschaubar, aber der Unterhaltungswert immens: kein durchinszeniertes Bauerntheater wie bei so vielen anderen Sendungen, sondern eine entgleisende Schlacht mit slomkaesken Elementen, die das verkünstelte Medium Fernsehen mit Fetzen von Echtheit anreicherten.

Zuschauer dürfen dankbar sein für solche Momente des Nicht-Geplanten, für Überraschendes, Entlarvendes, im besten Sinne Transparentes. Erst wenn Erwartungen durchkreuzt werden, wundert, ärgert, freut sich das Publikum, und am Ende hat sich jeder ein bisschen Meinung gebildet – so geht Demokratie. Zum Glück gibt es keine Gesetze, die den Ablauf von Talkshows regeln, im Gegenteil: von aggro bis kuschel, von doof bis klug, von souverän bis peinlich reicht die Palette der allabendlichen Gespräche. Man nennt es Vielfalt. Und die gilt es auszuhalten.

Mediale Basisdemokratie ist das nicht

Nun hat jenes Wagenknecht-Tribunal, das für das Schicksal unseres Planeten nur nachrangige Bedeutung hat, eine Zuschauerin so erbost, dass sie eine Petition ins Netz stellte, die weit über 100.000 Menschen unterzeichneten. Die Forderung: Weg mit Lanz. Haben wir es mit einem Fall von medialer Basisdemokratie zu tun? Eher nicht.

Die Petition dient Minderheiten als Instrument, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Für Berufsverbote sind Petitionen nicht vorgesehen. Der Anti-Lanz-Aufruf kommt im Gewand des Bürgerentscheids daher, ist aber in Wirklichkeit digitales Mobbing. Denn hier geht es nicht um große Probleme, sondern um Befindlichkeit, Geschmack und Meinung, also private Dinge, die auch mit dem ewig wiederholten Hinweis auf die Rundfunkgebühren nicht gesellschaftsrelevanter werden.

Nie war es einfacher, im Minutentakt aufbrausenden Stimmungen den Anschein von demokratischer Mitbestimmung zu verleihen. Im ersten Wahlkampf von Roland Koch 1998 brauchte es noch eine Unterschriftenliste gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, um eine Meute aufzuhetzen, die unbedingt "gegen Ausländer" unterschreiben wollte. Heut reicht ein Klick.

Jemandem einfach mal eine reinzuhauen, digital und anonym, das scheint ein ewiges Bedürfnis zu sein, ganz wie früher in der Schule, als sich die Horde großer Jungs sehr stark vorkam, weil sie den bebrillten Schwächling kopfüber in den Mülleimer gestopft hatten. Was manche Schwarm-Intelligenz nennen, ist bisweilen animalische Rudel-Aggression. Höchste Zeit für eine Online-Petition gegen schwachsinnige Online-Petitionen.

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