Christina Brüning

Die dunkle Erde am Flüchtlingscamp ist von Löchern durchzogen. Kaninchen. Auf Ratten lassen an diesem Freitagnachmittag auf dem Kreuzberger Oranienplatz nur leuchtend neonfarbene Aufkleber schließen, die alle paar Meter an den Zäunen kleben. Es sind Warnhinweise eines vom Bezirksamt beauftragten Schädlingsbekämpfers, der am Freitag neues Gift ausgelegt hat.

Am Rande des Camps vor einem Supermarkt wird es plötzlich laut. „Hau ab, du Hetzer“, brüllen Männer aus dem Kreise der Unterstützer der Flüchtlinge einem grauhaarigen Mann entgegen. Kurt Wansner, CDU-Abgeordneter des Bezirks, verzieht bei dieser Begrüßung keine Miene. Er und drei weitere CDU-Mitglieder haben Flugblätter in der Hand, die sie vor dem Supermarkt verteilen. „Warnung Seuchengefahr“ steht darauf. Wansner will, so sagt er, die Anwohner über die Hygienezustände auf dem Oranienplatz informieren, weil Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) das versäumt habe.

Sein Schreibtisch würde knarzen unter der Last der Beschwerdeschreiben von Anwohnern über das Flüchtlingscamp, sagt Wansner. Der Dreck störe die Menschen. Und dass ihnen der einst bei Familien als Treffpunkt beliebte Platz genommen worden sei. „Ich würde mir wünschen, dass Frau Herrmann mal direkt mit den Anwohnern spricht“, sagt er. „Sie ist Bürgermeisterin des ganzen Bezirks und muss sich um alle Belange kümmern, nicht nur um die der Flüchtlinge und ihrer Unterstützer.“

„So einen Nazi-Dreck möchte ich nicht haben“

Am Freitagnachmittag jedoch machen sich die Beschwerdebriefschreiber rar, nur wenige Passanten wollen das in deutsch und türkisch verfasste Flugblatt nehmen. „So einen Nazi-Dreck möchte ich nicht haben“, sagt ein Radfahrer, dem Wansner sein Infoschreiben anbietet. „Ich will nicht, dass dieser Mann im Namen der Anwohner spricht“, sagt eine Frau. Sie sei selbst Anwohnerin und störe sich überhaupt nicht am Camp. Ihren Namen mag sie ebenso wenig sagen wie ein Nachbar aus der Dresdner Straße, der sich über die Diskussionen der Politiker über das Camp aufregt. „Da geht es nie um Lösungen, sondern immer nur um Schuldzuweisungen“, sagt er. Natürlich sei eine Grünfläche auf dem Platz schöner als „hässliche Zelte“, aber darum gehe es doch nicht. „Wir müssen verstehen, warum diese Leute hier sind. Und dann müssen wir uns mit den Gründen dafür beschäftigen.“ Ratten jedenfalls seien doch nur ein vorgeschobener Grund, das Camp schlecht zu machen, sind sich diese Anwohner einig. „Ratten gibt es in Berlin überall.“

Es ist eine Einschätzung des örtlichen Gesundheitsamtes an die Polizei gewesen, die Wansner, der gerade erst auch Strafanzeige gegen die Bezirksbürgermeisterin gestellt hat, zu seiner Aktion veranlasst hat. Wie berichtet hatte Monika Herrmann die Polizei darüber informiert, dass es auf dem Oranienplatz Rattenbefall und damit eine Infektionsgefahr für bestimmte von Ratten übertragbare Krankheiten gebe. Die Polizei reagierte mit einer Empfehlung an ihre Beamten, bei möglichen größeren Einsätzen dort Handschuhe und Atemschutz zu tragen.

„Gehen Sie doch mal ins Camp“

„Die Anwohner müssen darüber doch auch Bescheid wissen, hier spielen doch auch Kinder“, sagt Wansner. Auf seinem Flugblatt jedoch werden die Anwohner auch nicht über Ratten und Krankheitserreger informiert. Wansner schreibt stattdessen, Herrmann habe die Polizei vor einer drohenden Seuchengefahr gewarnt, was nach Informationen der Berliner Morgenpost nicht zutreffend ist. Es gebe keine Seuchengefahr, hatte Herrmann zuletzt am Donnerstag betont. Auch Erkrankungen im Zusammenhang mit dem Rattenbefall gibt es laut Senatsgesundheitsverwaltung nicht.

Als die CDU-Männer gerade aus einer Kneipe am Oranienplatz kommen, in der sie mit den Gästen gesprochen haben, fragt ein junger Mann mit Rasta-Frisur nach einem der Flugblätter und überfliegt die elf Zeilen. „Was schlägt denn die CDU vor, um hier die Hygienezustände zu verbessern“, fragt der 17 Jahre alte Schüler höflich. „Man müsste die Anwohner besser informieren und die Ratten besser bekämpfen“, sagen Wansners Mitstreiter. „Gehen Sie doch mal ins Camp und machen was mit den Leuten zusammen“, schlägt der Schüler vor. Die CDU-Männer nicken freundlich, sagen aber nichts dazu. Die Stimmung auf beiden Seiten ist offenbar nicht nach Gemeinschaftsaktionen zwischen CDU und Campbewohnern.

Auch die Polizei muss schließlich noch kurz aktiv werden bei der Flugblattaktion, als ein Mann erst Wansner die Fluglätter entreißen will und dann aggressiv die Umstehenden mit dem Inhalt einer Flasche bespritzt. Als „reine Vorsichtsmaßnahme“ sind sogar Zivilpolizisten dabei, bei Aktionen am Oranienplatz ist die Polizei hellhörig. Doch Anzeige erstatten will Wansner nicht. Er wolle die Tage wiederkommen und in Ruhe mit Anwohnern sprechen und seine Flugblätter verteilen, „wenn weniger Zuschauer dabei sind“.