Bereits seit zweieinhalb Monaten kommt die 700 Tonnen schwere Tunnelvortriebsmaschine „Bärlinde“ nicht voran. Gerade einmal 427 Meter hat sie seit Juni 2013 auf ihrem vorgesehenen Weg vom Roten Rathaus bis zum Brandenburger Tor zurückgelegt, die dreifache Distanz war eigentlich geplant. Intern gehen Fachleute bereits von einem Zeitverzug von rund einem halben Jahr beim Weiterbau der U5 durch Berlins historische Mitte aus. Um den geplanten Eröffnungstermin Ende 2019 zu halten, prüft die Bauleitung, eine Reihe späterer Bauschritte vorzuziehen. „Wir schauen überall, wo wir noch Zeitpolster finden können“, sagte ein Projektmanager der Berliner Morgenpost.
Probleme mit dem Grundwasser
Hauptgrund für den Stillstand sind vor allem erhebliche Probleme mit dem Grundwasser. Sorgen bereitet Experten die bis zu 40 Meter tiefe Baugrube für den neuen U-Bahnhof „Museumsinsel“, der – teilweise direkt unter dem Kupfergraben gelegen – zwischen Schloßplatz und Zeughaus entstehen soll. Der Wasserzulauf ist etwa doppelt so hoch wie erwünscht. Unmittelbar vor der Bahnhofsbaustelle ist der Tunnelbohrer zum Halten gekommen. Experten warnten vor einer Weiterfahrt von „Bärlinde“. Es könnte zu gefährlichen Wassereinbrüchen kommen.
Ende November erklärte BVG-Chefin Sigrid Nikutta, die Bauleute hätten die Probleme im Griff. Doch ihr Optimismus war offenbar verfrüht. Der Baukonzern Bilfinger, der die Tunnelröhren und Bahnhöfe im Auftrag der BVG im Rohbau erstellt, will kein Risiko eingehen und verlangte klare Befunde. BVG und Bilfinger beauftragte kurz vor Weihnachten zwei unabhängige Gutachter, die über die Feiertage intensiv damit beschäftigt waren, die Gefahrensituation zu bewerten. Inzwischen liegen erste Ergebnisse vor, eine Entscheidung über den Weiterbau soll aber erst nach einer gründlichen Auswertung Ende Januar getroffen werden, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz vor Kurzem.
Doch nicht allein die Probleme mit dem schwierigen Berliner Untergrund verschleppen derzeit das Bautempo. So streiten der Baukonzern Bilfinger und die Verkehrsbetriebe seit einiger Zeit auch um Geld. Mit Verweis auf Mehraufwendungen beim U-Bahn-Bau in Berlin fordert Bilfinger einen kräftigen Nachschlag auf den vereinbarten Festpreis von 190 Millionen Euro. Klärung in dem Konflikt soll nun ein Spitzengespräch zwischen BVG-Chefin Sigrid Nikutta und Bilfinger-Vorstandschef Roland Koch bringen, das nach Informationen der Berliner Morgenpost am heutigen Freitag stattfindet. Offiziell bestätigen wollte Bilfinger den Termin nicht, doch es gab auch kein Dementi. Zu gravierend sind offenbar die Probleme, zu diffizil die unterschiedlichen Standpunkte.
Umstrittenes Bauvorhaben könnte deutlich teurer werden
Nennenswert mehr Geld für Bilfinger könnte allerdings das wegen seines verkehrlichen Nutzens umstrittene Infrastrukturprojekt weiter verteuern. Erst im November 2012 hatte BVG-Chefin Nikutta bekannt gegeben, dass sie mit deutlichen Mehrkosten für das Bauvorhaben rechnet. Danach könnten die Kosten für den insgesamt gerade einmal 2,2 Kilometer langen Streckenabschnitt auf 525 Millionen Euro steigen – das sind 92 Millionen Euro mehr als zuvor veranschlagt. Nikutta verwies zur Begründung auf steigende Baupreise, aber auch auf zusätzliche Aufwendungen, etwa für den Bau eines Logistikhafens am Spreeufer. Bisher, so betonte die BVG-Chefin, liege man aber noch gut im Kostenplan. Das könnte sich angesichts der Nachforderungen von Bilfinger allerdings schnell ändern, zumal auch jeder Tag Bauverzug erheblich Geld kostet.
Für die BVG ist ein solcher Kostenstreit nicht neu: Bereits beim Bau des U-Bahnhofs Brandenburger Tor hatte es Probleme mit dem Grundwasser gegeben. Zwei Wassereinbrüche verzögerten die Fertigstellung des Bauwerks um rund drei Jahre. Statt vor der Fußball-WM 2006 wurde die als „Kanzler-U-Bahn“ bekannte Stummelstrecke U55 erst im August 2009 eröffnet. Der Baukonzern Hochtief, der gemeinsam mit dem bayerischen Unternehmen Max Bögl die Station im Rohbau errichtet hatte, machte anschließend erhebliche Nachforderungen geltend, unter anderem wegen der Baupause während der Fußball-WM und einer Schicht sehr dicht gelagerter Steine und Blöcke, die im geologischen Gutachten der BVG nicht verzeichnet gewesen seien. Von Zusatzforderungen von mehr als 40 Millionen Euro war damals die Rede, vereinbart waren für den Bahnhofsbau knapp 30 Millionen Euro. In einem außergerichtlichen Vergleich einigten sich die BVG und der Essener Baukonzern Ende 2010 schließlich auf eine Nachzahlung von zwölf Millionen Euro. Insgesamt kostete der Bau der nur 1,9 Kilometer langen U55 zwischen Hauptbahnhof und Brandenburger Tor am Ende 320 Millionen Euro.









