Trauer und Entsetzen, aber auch Hilflosigkeit. Das waren am Freitag die Reaktionen auf den erneuten tragischen Unfall auf dem Güterbahnhof im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg am Abend zuvor.

Zum zweiten Mal in diesem Jahr hatte auf dem Gelände ein Jugendlicher beim Spielen auf den abgestellten Waggons einen Stromschlag erlitten, in diesem Fall war er tödlich.

Der 15 Jahre alte Ramon F. verstarb noch an der Unfallstelle, ein Notarzt konnte nichts mehr für ihn tun. Hinweise auf ein Fremdverschulden lagen zunächst nicht vor, sagte ein Polizeisprecher am Freitag. Die sofort einsetzende Debatte über mögliche Sicherheitsvorkehrungen, die künftige Unglücke dieses Ausmaßes verhindern könnten, machte schnell deutlich: Es gibt sie nicht.

Entgegen ersten Meldungen ist der 15-Jährige offenbar nicht direkt mit der unter Hochspannung stehenden Oberleitung in Berührung gekommen. Er kam ihr allerdings so nahe, dass ein sogenannter Lichtbogen entstand, über den der Starkstrom mit 15.000 Volt in den Körper des Jugendlichen schoss. 1,50 Meter, näher sollte man einer Oberleitung nicht kommen, andernfalls bestehe akute Lebensgefahr, sagte Bahn-Sprecher Holger Auferkamp. Ramon F. war auf einen abgestellten Kesselwagen geklettert und damit wesentlich näher an der Leitung, wie Vermessungen des Tatortes zeigten.

Was auf diese Unvorsichtigkeit folgte, war ein tödliches Drama, dessen erschreckenden Ablauf weitere Jugendliche am Donnerstagabend aus nächster Nähe miterleben mussten. Sie hörten einen lauten Knall und sahen danach, wie der in Flammen stehende 15-Jährige von dem Waggon stürzte.

Bahnanlage beliebter Ort für Jugendliche

Dass es auf dem Gelände nicht noch häufiger zu tragischen Unglücksfällen kommt, ist fast schon ein Wunder, darauf deuten zumindest Aussagen von Anwohnern und Personen hin, die sich regelmäßig auf dem Gelände an der Storkower Straße, nahe dem S-Bahnhof Greifswalder Straße aufhalten. Die berichteten am Freitag, dass die Bahnanlage mit den dort abgestellten Waggons ein überaus beliebter Aufenthaltsort von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist. Häufig stellte das Herumklettern auf den Waggons eine Art Mutprobe dar, berichtete ein Zeuge. Ein weiterer Anwohner, der im nahe gelegenen Park regelmäßig seinen Hund ausführt, machte ähnliche Beobachtungen: „Ich habe schon erlebt, dass einer hochklettert, seine Arme in Richtung Oberleitung streckt und dabei von seinen johlenden und Beifall klatschenden Kumpels gefilmt wird.“ Ob die Jugendlichen nichts von der tödlichen Gefahr ahnen, der sie sich damit aussetzen, oder ob sie sie gar bewusst ignorieren, vermag derzeit niemand zu sagen.

Das Gelände an der Storkower Straße gehört zwar nach wie vor der Bahn AG, wird aber schon seit Jahren nicht mehr als Güterbahnhof genutzt. Hauptnutzer des Geländes ist eine Zementfabrik, die dort eine Verladestation betreibt. Bereits am 17. Mai ereignete sich an dieser Stelle ein ähnlich dramatisches Unglück. Damals kletterte ein Neunjähriger auf einen der abgestellten Kesselwagen und wurde ebenfalls von einem Lichtbogen getroffen. Das Kind überlebte schwer verletzt. Direkt nach diesem Vorfall gab es Überlegungen, ob das Areal so gesichert werden kann, dass Unbefugte nicht hineingelangen. Eindeutiges Ergebnis der Überlegungen war, dass dies schlechterdings nicht möglich ist.

Lückenlose Überwachung des Geländes nicht möglich

Eine lückenlose Überwachung des ebenso weitläufigen wie unübersichtlichen Geländes ist nach Überzeugung der Bahn nicht möglich. Ein Zaun bietet ebenfalls keine Abhilfe. Da die Gleisanlagen nach wie vor genutzt werden, unter anderem für die Zementtransporte, kann das Gelände nicht vollständig eingezäunt werden. Wer auf das Grundstück will, findet immer ein Schlupfloch, hieß es am Freitag von Seiten der Bahn AG. „Das bedeutet allerdings keineswegs, dass wir nichts tun können“, stellte Bahn-Sprecher Auferkamp klar.

Gemeinsam mit der Bundespolizei habe man schon vor geraumer Zeit Präventionskonzepte entwickelt. Dazu gehört vor allem Aufklärungsmaterial, in dem auf die tödlichen Gefahren hingewiesen wird, denen sich Jugendliche mit leichtsinnigen Aktivitäten auf Bahngeländen aussetzen. Dazu gehören auch regelmäßige Besuche von Bundespolizisten in Schulen sowie Jugend- und Freizeiteinrichtungen. Dort schildern die Beamten ihrem jungen Publikum sehr anschaulich, was so alles passieren kann. „Bahnanlagen sind keine Spielplätze, dass kann man nur immer wieder klarmachen“, sagte Auferkamp.

Tödliche Unfälle in Brandenburg

Die Realität in Form zweier tragischer Unfälle in Berlin in diesem Jahr zeigt aber auch, dass diese Warnungen lange nicht bei jedem fruchten. Ramon F. ist in diesem Jahr nicht der erste Tote in der Region, der auf so schreckliche Weise ums Leben kam. Erst Ende November kletterte ein 13-Jähriger im Bahnhof Rathenow (Havelland) auf einen Kesselwagen. Auch er wurde von einem Lichtbogen getroffen. Er konnte zunächst von Rettungskräften wiederbelebt werden, erlag aber wenige Tage darauf in einem Krankenhaus seinen schweren Brandverletzungen. Und im Juni starb ein 14-Jähriger, der nahe Lübbenau (Dahme-Spreewald) ebenfalls beim Spielen auf einem Waggon an die Oberleitung geraten war.

Im aktuellen Fall dauern die Ermittlungen an. Eine Obduktion soll die genaue Todesursache bei Ramon F. klären, mit einem Ergebnis ist aber erst in einigen Tagen zu rechnen. Weitere Auskünfte erhoffen sich die Ermittler zudem von Befragungen der Jugendlichen, die am Donnerstag dabei waren. Am Freitag versammelten die sich zuvor allerdings noch an der Unfallstelle, um ihres toten Freundes zu gedenken.