Große Gefühle

In Berlin trennt man sich anders als auf dem Dorf

Foto: Reto Klar

Romantische Wünsche und Entscheidungsdruck lassen Beziehungen oft scheitern. Ethnologe Wolfgang Kaschuba diagnostiziert im Interview mit der Morgenpost: Trennungsschmerz tut heute mehr weh als früher.

Der Berliner Stadtethnologe Wolfgang Kaschuba von der Humboldt-Universität hat Lust auf dieses Interview, obwohl das Thema auch für ihn ungewöhnlich ist. Er ist streng genommen kein Experte für Trennung oder Loslassen. Für ihn ist Ethnologie aber eine Wissenschaft, die nahe an die Menschen herantreten soll. Er will verstehen, warum Menschen tun, was sie tun, im Guten und im Bösen. Heute eben: Lassen Berliner anders los als andere? Als Ort für dieses Gespräch hat er sich den Ostbahnhof erbeten. Er sagt, hier sei das Loslassen spürbar.

Berliner Morgenpost: Herr Kaschuba, wir treffen uns im Ostbahnhof, überall trennen sich um uns herum Menschen. Warum ist Loslassen in einer Großstadt wie Berlin ein anderes Thema?

Wolfgang Kaschuba: Eine Großstadt wie Berlin ist zunächst eine besondere Kontaktzone: Fremde Menschen, fremde Dinge und fremde Ideen treffen hier aufeinander, das bringt auch Spannung und Reibung und führt – wenn es gut geht – zu Kreativität. Deshalb auch immer wieder die Rede von der "Urban Contact Zone". Aber dies meint natürlich auch das Gegenteil: Kontakt bedeutet auch Abgrenzung. Eine Entscheidung für etwas ist oft zugleich auch eine Entscheidung gegen etwas.

Es geht also um Auswahl?

Ja, immer. Kontakt führt vielleicht in die Liebe. Führt aber auch umgekehrt vielleicht zur Trennung. Und dann geht es auch um das Loslassen können. Da scheint die Großstadt oft eine Wundertüte zu sein, die eben auch viele neue Möglichkeiten und Beziehungen anbietet. Und das ist ja auch das Versprechen von Berlin. Im Dorf wiederum und in der Kleinstadt mag es anders sein: Dort sind Beziehungen stets "überwacht" und "kontrolliert" – von Eltern, Nachbarn, Freunden. Das macht das Loslassen und das Neusuchen schwer, zwingt zu Konformität – die dann dort oft "Treue" heißt.

Wie hält man das aus?

Ich sehe bei unseren Studierenden, wie schwierig das oft ist. Ganz generell: Sie sollen in kurzer Zeit ihre Chancen nutzen, nichts verpassen und ihre Entscheidungen in der richtigen Reihenfolge treffen. Studium, Beruf, Partnerwahl, Kinder und dann möglichst gleich noch an die Rente mitdenken: Da ist die Angst, etwas zu verpassen, groß, und deswegen ist es ein zentrales Thema unserer Zeit.

War also Lieben und Loslassen früher einfacher?

Es war anders. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war Alleinleben oder sich trennen keine Option, weil man nur in der Gruppe überleben konnte. Der Einzelne verfügte schlicht nicht über genügend Mittel, um sich ein Überleben zu sichern. So waren alle Ideen der romantischen Liebe damals nur für eine winzige Minderheit lebbar.

Was genau war daran leichter?

Wenn man damals zwangsverheiratet wurde, war das gewiss nicht leichter, denn Gefühle spielen dabei meist nur eine geringe Rolle. Es ging mehr um materielle Vereinbarungen als um Liebe. Was interessiert eine Dorfgemeinschaft Gefühle, wenn sie bei Trennung die Zurückbleibenden versorgen musste.

Unterscheidet sich also Loslassen im Dorf von der Stadt heute?

Ich denke schon. Soziale Kontrolle im Dorf ist einfach stärker, zwingt zur Konvention. Und wenn man unter diesen Bedingungen eine Beziehung anfängt, lässt sie sich nicht einfach umstandslos wieder beenden. Denn dort werden solche Trennungen gleich öffentlich. Und wer danach trauert, kann auch nicht einfach durch die Kneipen ziehen. Das ist in der Stadt etwas anderes, weil die Anonymität dort größere Freiräume schafft – gerade auch im Beziehungsverhalten.

Wann kam das Gefühl dazu?

Natürlich war Liebe immer ein Thema. Doch wir gehen erst für die Mitte des 19. Jahrhunderts davon aus, dass dort tatsächlich in größerem Maße "Liebesheiraten" stattfanden. Und zwar bei den beiden neuen und freien städtischen Gruppen: den Bürgern und den Arbeitern. Die Bürgerlichen konnten es sich nun leisten, ein sehr emotionales Ehe- und Familienbild zu vermitteln. Und die Arbeiterinnen und Arbeiter kamen meist ledig in die Stadt und taten sich dort dann mit oder ohne Trauschein zusammen. Die ersten Kintopps in Berlin zum Beispiel nach 1910 waren da gute Treffpunkte.

Das ist heute kein Thema mehr, wir sind also freier?

Kommt darauf an: Im englischen Königshaus können die Royals immer noch nicht ganz frei heiraten. Wir anderen vielleicht schon. Die Moderne versetzt die Leute eben in neue Situationen der Entscheidungsfreiheit, die sich insbesondere auch auf Beziehungen erstreckt. Aber die neue Wahlfreiheit birgt natürlich auch die Gefahr der Fehlentscheidung. Jedenfalls zeugen die heutigen Scheidungsraten offensichtlich nicht nur von Glücksgriffen.

Tut Loslassen dann heute mehr weh als früher?

Wahrscheinlich schon. Das hängt eben mit unserem Liebesideal zusammen, das fast unerfüllbar ist. Es muss eben immer die "wahre" Liebe sein, und zu der reicht es dann im "wahren Leben" eben oft doch nicht.

Die wahre Liebe gibt es also nicht?

Ja, da sind wir wahrscheinlich wirklich ein wenig zu fundamentalistisch. Denn wir wollen ja, dass der/die andere sich ganz und gar auf uns einlässt – wie wir auf sie oder ihn. Und zugleich sollen beide in der Partnerschaft selbstständig und unabhängig sein – ja gerade auch im Blick auf Biografie und Beruf. Diesen Widerspruch können wir tatsächlich selten auflösen.

Also führt das Absolute zum Schmerz?

Vielleicht. Früher hatte man wohl mehr formale Gemeinsamkeiten, ging als bürgerliches Paar zusammen in die Oper und las dasselbe Buch. Heute wollen wir intensiver in unseren gemeinsamen Gefühlen sein, so dass eine Trennung fast wie eine Amputation wirkt. Es wird oft sehr schmerzhaft und wir ahnen, dass auch die Suche nach einer neuen Partnerschaft ein ebenso harter Stoff werden kann.

Besonders harter Stoff, wenn es so wie jetzt ständig regnet und außerdem alle Geschenke für ihre Liebsten einkaufen?

Da sind wir dann wieder bei Berlin als Kontaktzone. Stellen Sie sich jetzt, im Dezember, einfach die nächste Fußball-WM 2014 vor: überall Sonne, überall Public Viewing, überall kontaktfreudige Menschen. Da fallen einem Gefühle der Liebe wie der Trennung sicherlich doch etwas leichter als inmitten der Dekorationen der Weihnachtszeit.

Die geschmückte Stadt, ist das auch neu?

So geschmückt wie heute schon. Gerade Berlin im Sommer: Das ist ja schon ein fast mediterrane Szenario mit der ganzen Verpalmung und Verstrandung der Innenstadt. Jedes Ufer wird zum Strandcafé. Und die ganze Stadtlandschaft, die früher eher als Verkehrs- und Arbeitsraum betrachtet wurde, wirkt da dann fast wie ein Urlaubsressort. Diese Romantisierung des Stadtraums ist ein relativ neuer Trend.

Also ist Berlin mit seinen vielen Einzelhaushalten jetzt ein Single-Paradies?

Das weiß niemand mit Sicherheit. Und zwar zum einen deshalb, weil die traditionell hohe Zahl an Einzelhaushalten in Berlin oft täuscht: Dahinter stehen häufig genug "Zwei-Einraum-Wohnungs-Beziehungen".

Also trennen sich Berliner doch nicht leichter von Dingen?

Also auf jeden Fall nicht von Wohnungen. Kein Wunder unter den Bedingungen von Gentrifizierung und Mieterhöhungen. Aber die Berlinerinnen und Berliner haben auch eine starke emotionale Bindung an die Stadt, gerade wenn sie nicht hier geboren sind. Insofern hat fast jeder einen "Koffer in Berlin". Kiez, das engere Wohnumfeld, das ist in den letzten Jahren wieder angesagt. Wer Verbindungen in seinem Kiez hat, lebt "authentisch". Der Stadtraum wird attraktiv. Ich führe gerade ein Forschungsprojekt mit Studierenden durch, in dem das Tempelhofer Flugfeld untersucht wird, diese ehemalige Verkehrsbrache, die uns plötzlich als reine "Natur" erscheint und erhalten werden muss. Diese "Raumkämpfe" in Berlin zeigen, wie sehr wir mittlerweile an den Räumen und Dingen in unseren Städten hängen.

Obwohl sich diese Orte verändern?

Ja, genau deshalb. Für eine Studie haben Studierende Interviews an der Weserstraße in Neukölln durchgeführt. Dort gab es ein junges Pärchen, einen Polizisten und eine Verkäuferin, glaube ich, und diese wollen nicht ausziehen, obwohl ihre Miete von 650 auf rund 1000 Euro gestiegen war. Sie mochten die Atmosphäre so sehr. Heimat – das steht dem Loslassen entgegen.

Letzte Frage: Viele sagen, Trennungsschmerz dauert halb so lang wie die Beziehung. Ist das ein urbaner Mythos?

Ja, das ist sicherlich eine Legende. Wahrscheinlich ist es wie mit den 100 Tagen Schonzeit der Regierung: Da kann man nicht gleich für beziehungsunfähig erklärt werden, wenn man noch nichts Neues hat.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter