Vielleicht war es etwas voreilig, das Fahrrad zu nehmen? Erst jetzt wird es ihr so richtig bewusst: „Es gibt da noch eine Verbindung zwischen uns. Wir könnten mit dem Schiff zueinander kommen.“

Rund 34 Kilometer Wasserweg, über Havel, Spree und Dahme, führen von der Altstadt Spandau in die Altstadt Köpenick. Vorausgesetzt, man chartert ein Boot. Keine der regulären Schifffahrtsrouten reicht aus dem äußersten Westen Berlins bis kurz vor die östliche Landesgrenze. Nicht einmal mit Umsteigen. Vermutlich ist die Strecke einfach zu selten gefragt.

Vermutlich würden Touristen, angezogen von Berlins Innenstadtkulisse, doch auf halber Strecke rausspringen. Und vielleicht reisen auch die Spandauer nicht allzu oft bis nach Köpenick und umgekehrt.

Das Spandauer Rathaus ist ganz anders

Katrin Germershausen ist Spandauerin, und sie steht an diesem Herbsttag im Köpenicker Rathaus und staunt. „Natürlich war ich schon in Köpenick“, sagt sie, „aber noch nie hier drin.“ Schon von außen beeindruckt das im Altstadt-Maßstab gewaltige Gemäuer märkischer Backsteingotik. „Das Spandauer Rathaus ist ganz anders, sehr wilhelminisch“, bestätigt Stefan Förster.

Er ist an diesem Tag als Stadtführer angetreten. Ein Köpenicker zeigt einer Spandauerin „seine“ Altstadt, so wie es eine Woche zuvor mit derselben Besetzung umgekehrt schon in Spandau stattfand. Denn Germershausen wie Förster sind zwar nicht qua Amt, aber in ihrem Selbstverständnis so etwas wie Besucher- und Touristenwerber für das Zentrum ihres jeweiligen Heimatbezirks. Und beide wissen zugleich auch um dessen Schwierigkeiten, sich weitab von Berlins Mitte mit deren Attraktionen und dem Metropolenflair zu behaupten.

Lokalhistoriker und Geschäftserbin

Unzählige Male war Stefan Förster schon im Köpenicker Rathaus, in dem das Bezirksamt Treptow-Köpenick arbeitet. Nicht zuletzt als Vorsitzender des örtlichen Heimatvereins, dem er seit 2007 vorsitzt. Anfang 2012 hatte der Verein dafür gesorgt, dass im Treppenhaus des Rathauses, mit seinen Bleiglasfenstern und den rot abgesetzten Kreuzgängen ohnehin ein Prunkstück, drei verloren gegangene Schmuck-Wandfliesen ersetzt wurden.

Die Recherche führte bis zu einem privaten Sammler und einem Antiquitätenhändler in den USA. Als Historiker hat Förster die Lokalgeschichte schon immer fasziniert. Die Altstadt lag dem heute 32-Jährigen auch in seiner zehnjährigen Tätigkeit als Bezirksverordneter am Herzen.

Ebenso wie Katrin Germershausen das Spandauer Pendant. In vierter Generation führt sie das Juweliergeschäft Brose am Marktplatz. 1889 ist die Uhren- und Optikerwerkstatt in der Breiten Straße 23 von Wilhelm Brose gegründet worden.

Dass das Wirken für das Wohl der Altstadt quasi zu den Geschäftspflichten gehört, bekam Katrin Germershausen schon in der Familie vermittelt. Ihr Vater reparierte die Uhr am Rathausturm, wann immer sie stehen blieb. Die Mutter schmückte die Ladenfassade mit einem Glockenspiel, das optisch wie klanglich längst zu Spandau gehört.

Spandauer und Köpenicker sind eigene Völkchen

Seit der Übernahme des Geschäftes 1987 engagiert sich nun die Urenkelin Wilhelm Broses für die Havelstadt und ihren Kiez. Im ehemaligen Pferdestall hinter dem Laden gründete die heute 55-Jährige die Galerie Spandow. Dort stellt sie neben modernen Schmuckkreationen bildende Künstler aus. Im Kunstsalon im Obergeschoss gibt es Lesungen und Musik.

Egal, welche Veranstaltung der Wirtschaftshof Spandau als lokaler Unternehmerverband in der Altstadt plant, Germershausen ist immer dabei. 2009, im Jahr des 120. Geschäftsjubiläums, erhielt sie vom Bezirksamt die September-Auszeichnung „Spandauerin des Monats“.

Ein eigenes Völkchen, so heißt es in Berlin, seien Spandauer wie auch Köpenicker. Nicht nur, weil sich beide Stadtteile zugute halten, älter zu sein als Berlins Keimzelle Cölln. Mit touristischem Potenzial und ihren Geschäftsvierteln strahlen ihre Altstädte bis über den jeweiligen Bezirk hinaus.

Beide Handelszentren haben seit der Wende allerdings auch Veränderungen durchlebt. Köpenick musste beheben, was die DDR an Verfall hinterließ. Über Spandau strömten Anfang der 90er-Jahre Brandenburger nach Berlin, nicht wenige blieben in der Altstadt hängen. „Die Umsätze gingen derart nach oben, das war der einmaligen Situation geschuldet“, erinnert sich Katrin Germershausen beim Besuch Försters in der Havelstadt.

Konkurrenzkampf durch die Spandau Arcarden

2001 dagegen erwuchs der Altstadt mit der Eröffnung der Spandau Arcaden eine starke Konkurrenz. Die Geschäftsleute zwischen Juliusturm und Stabholzgarten klagten über Attraktivitätsverluste des klassischen Zentrums und die Ausbreitung von Billigketten.

Das aber lächelt Katrin Germershausen in ihrer lebensfrohen Art hinweg. „Ich bin froh, dass wir die Arcaden haben“, sagt sie, und: „Die jungen und die ausländischen Geschäftsinhaber kriegt man viel eher ins Boot, wenn man etwas auf die Beine stellen will.“

Ihren Besucher führt sie auf der Suche nach einem Aussichtspunkt zunächst zur St.-Nikolai-Kirche. Hier sind die Gassen besonders eng, hier fühlen sich Besucher ganz wie in einer Kleinstadt. Die gotische Hallenkirche bildet den Mittelpunkt der Altstadt, nicht nur architektonisch. Die Kirche hat gut besuchte Gottesdienste und wunderbare Konzerte. Aber der Kirchturm ist verschlossen. Im Gemeindebüro setzt man sich prompt, wenn auch erfolglos ans Telefon.

„Macht nichts, wir versuchen es mit dem Rathausturm“, sagt Germershausen, findet die nötigen Nummern in ihrem Handy und im Leiter der Wirtschaftsförderung spontan einen Führer, der seine Gäste die 242 Stufen hoch zur Spitze des Verwaltungsgebäudes bringt. Man kennt sich eben. So ist das in Spandau.

Was der Blick von oben ermöglicht, fehlt noch unten auf den Straßen: Ein einheitliches Leitsystem entlang der Sehenswürdigkeiten wie dem Gotischen Haus, den Mauerresten eines Dominikanerklosters oder den typischen Altstadtgassen könnte Touristen besser lenken, findet Kerstin Schmiedeknecht vom Altstadtmanagement, das Anfang 2013 gegründet wurde.

Die Zitadelle als Hauptattraktion ist jenseits einer sechsspurigen Straße schwer zu finden. „Vor einigen Jahren hat sich die Havelstadt in Zitadellenstadt umbenannt. Wirklich angekommen ist das aber weder bei den Spandauern noch den Besuchern“, sagt Schmiedeknecht.

Genau so ein Leitbild für die touristische Vermarktung soll das Altstadtmanagement jetzt finden, das vom Bezirksamt eingesetzt wurde. Kein leichtes Unterfangen, so Schmiedeknecht: „Wir müssen mit den lokalen Akteuren und Geschäftsleuten noch sehr genau bereden, wohin es gehen soll.“

Baustellen in der Selbstvermarktung

Dabei sind die Strukturen da. Von den inhabergeführten Geschäften der Altstadt ist der größte Teil im Wirtschaftshof. „Beim Unternehmerfrühstück ist es immer voll“, sagt Katrin Germershausen. „Da kommen auch Lehrer, die Praktikumsplätze für ihre Schüler suchen.“ Es ist dieses Seite kleinstädtischer Intimität, die manche Schieflage in Spandau auszugleichen hilft.

Eine Kehrseite gibt es allerdings auch, so Schmiedeknecht. Die offensichtlichen ‚Baustellen‘ in der Selbstvermarktung der Altstadt seien seit Jahren allen Akteuren bekannt. „Das führt leicht zu Ermüdungserscheinungen nach dem Motto: Das haben wir doch alles schon zigmal diskutiert.“ Ein Patentrezept für ein neues, spannenderes, auch jüngeres Image hat das Altstadtmanagement noch nicht gefunden.

Dafür sind viele der Händler bei den Festen und Veranstaltungen dabei, wie sie die Bezirksmarketinggesellschaft Partner für Spandau und der Wirtschaftshof organisieren. Beliebte Feste, liebevoll und mit viel Einsatz organisiert. Förster und Germershausen stellen da viele Gemeinsamkeiten fest: Was in Köpenick Winzerfest heißt, ist in Spandau der Weinsommer. Der „Köpenicker Sommer“ ähnelt dem Spandauer Altstadtfest. Einen Weihnachtsmarkt gibt es hüben wie drüben – klein und romantisch auf der Schlossinsel in Köpenick, weit über den Bezirk hinaus bekannt und ein Magnet für Besucher aus ganz Berlin in Spandau.

„Wir müssen das ausspielen, wo wir stark sind. Und wir haben viele Künstler und Kulturschaffende“, sagt Katrin Germershausen. Bei der gelb markierten Altstadtmeile, die von Juni bis September unter dem Motto „Kunst verbindet“ vom Spandauer Rathaus bis zur Breiten Straße führte, gehörte sie zu den Initiatoren. Straßenkunst, Theater und Musik begleiteten Besucher entlang der knapp 30 Geschäfte, die in den Fenstern Kunst zeigten.

Originelle Ideen wie diese und eine Art Frischzellenkur für eingeführte Feste tue der Altstadt gut, findet Kerstin Schmiedeknecht. An der Langen Kunst- und Shoppingnacht zum Abschluss, die für einen Tag das alte Streitthema gemeinsamer Ladenöffnungszeiten ins Gespräch brachte, beteiligten sich nach erstem Protest 80 Prozent der Händler. Katrin Germershausen sagt: „Wenn die merken, es geht um die Altstadt, dann hören die auf zu schimpfen.“

Kunstgewerbe in den Gassen

In Köpenick ist mancher, der Grund zum Schimpfen hatte, schon nicht mehr da. Der Wandel, den die Ostberliner Altstadt seit der Wende vollziehen musste, ist ungleich größer als der im Westen der Stadt.

„Da hinten“, sagt Stefan Förster bei einer Kaffeepause während des Köpenick-Rundgangs und zeigt in die Grünstraße, „war früher ein Plattenladen. Da standen die Leute zu DDR-Zeiten für die Bückware meterweit auf die Straße hinaus.“ Ende 2001 gab Besitzer Karl Jendrysik das Geschäft auf. Damals waren die Häuser noch unsaniert, der Gewerbemix veränderte sich nicht zuletzt, als 1997 das Forum Köpenick eröffnet wurde. Ein Kaufhaus, wie es die Spandauer Altstadt besitzt, fehle in Köpenick, sagt Förster. Dafür kamen, je herausgeputzter die Gassen wurden, immer mehr Souvenirläden, Galerien, Kunsthandwerksgeschäfte.

Aber nicht alle alten Läden sind verschwunden. Die Universum-Buchhandlung gibt es noch, das Ledergeschäft Zerle, die Stadtapotheke. Rund 20 Gewerbetreibende engagieren sich in der IG Altstadt, die sich dem Altstadtmarketing verschrieben hat. Zwischen zehn und 15 Geschäfte stünden dennoch immer leer, klagt deren Vizechef Bernd Lemaitre.

Und es fehlen Parkplätze. Seit 2004 ist die Grünstraße für den Autoverkehr gesperrt. Damals wurden Umsatzeinbußen befürchtet, erzählt Stefan Förster. „Aber es kommen doch viele gezielt zu bestimmten Geschäften, vor allem aber zum Bummeln in die Altstadt.“ Auch der Wochenmarkt auf dem Schlossplatz locke wie in Spandau Kunden an. Eine Baulücke an der Grünstraße wurde im Rahmen des Projektes „Kunst und Architektur in Alt-Köpenick“ (Kaiak) geschickt durch ein Kletternetz für Kinder aufgewertet – ein weiterer Anziehungspunkt.

Die Figur des Schusters Voigt ist ein Selbstläufer für den Tourismus

Das touristische Leitsystem, das Spandau noch entwickeln will, hat Köpenick schon. Zu 80 Prozent lenke es bisher Tagestouristen durch die Gassen, sagt Förster. Allerdings nähmen auch die Übernachtungszahlen in Köpenick zu, sagt Michael Diehl vom lokalen Tourismusverein. Dieser ist in Berlins Bezirken eine fast einzigartige Institution.

Was Diehl und auch die IG dagegen seit Jahren anmahnen, sind Hinweisschilder auf die Altstadt und ihr Hohenzollernschloss schon am Autobahnring. Schließlich kennt fast jeder die Geschichte des Kronprinzenprozesses 1730 gegen den späteren Friedrich II. sowie die vom Hauptmann von Köpenick. „Dort ist das Quartier der Hauptmanngarde“, sagt Stefan Förster während des Köpenick-Spaziergangs vor der Restauration zur Gardestube nahe dem Rathaus.

Eine Stadtgarde hat auch Spandau. Eine Figur wie der Schuster Voigt allerdings fehlt hier. Schauspieler Jürgen Hilbrecht, der diesen seit 20 Jahren verkörpert, gilt mit seinen Auftritten zweimal pro Woche als Selbstläufer für den Fremdenverkehr.

Der Nachteil: Seinen Ruf hat Köpenick damit weg – vor allem für Auswärtige. Sich nur auf diese Historie festlegen zu lassen, das widerstrebt dem Tourismusverein: „Wir wollen den Wassertourismus ausbauen und auf Aktiverholungsuchende setzen“, so Diehl. Dabei hofft er auch auf die immer stärkere Vernetzung mit Berlins Tourismusvermarkter Visit Berlin. In dessen Broschüren, im Internet und den zentralen Info-Stores werde zunehmend auch für die Außenbezirke mit ihren Eigenheiten geworben.

Weg vom musealen Image

Was in Spandau der Kolk ist, ist in Köpenick der Kietz mit seinen Fischerhäuschen, den auch Stadtführer Stefan Förster nicht auslässt. Über den Frauentog hinweg fällt der Blick auf die Schlossinsel, wo der Bezirk Konzerte oder Theater organisiert.

Private Veranstalter bieten weitere Vergnügungen, wie das Whiskyfest oder das Jazzfestival. Vor allem aber lockt allerorten der Fluss. „Gibt es hier viel Gastronomie mit Wasserblick“, staunt Katrin Germershausen. „Das fehlt in Spandau unbedingt.“ Ein Punkt, in dem ihr Kerstin Schmiedeknecht voll zustimmen kann. Einer von vielen Verbesserungswünschen, denen am West- wie am Ostende Berlins vielleicht noch der konzeptionelle Überbau fehlt.

Manches, wie der ausgefallene Ladenmix, den sich Kerstin Schmiedeknecht wünscht, ist schwer zu steuern. Die Clubszene und die jungen Metropolenhungrigen an die Ränder der Stadt zu locken, dürfte auch in Zukunft schwierig bleiben.

Das eigene Profil zu schärfen, auf das Besondere zu setzen, ohne sich mit dem Rückgriff auf das historische Erbe zufrieden zu geben – dieser Herausforderung aber wollen sich Spandau wie Köpenick stellen. Und dass sie dabei auch voneinander lernen können, das haben sie längst begriffen.