Christina Brüning

Der Mann in der blauen Regenjacke wechselt die Straßenseite. Schon gut 50 Meter vor der Kreuzung steigt er von seinem Klapprad und schiebt es über die Kaiser-Wilhelm-Straße. Zum rettenden Bürgersteig gegenüber. Polizeioberkommissar Michael Eschert grinst. „Der weiß schon, warum er jetzt lieber schiebt.“ Auch auf die Entfernung ist leicht zu erkennen, dass an dem roten Klapprad praktisch alles fehlt, was Vorschrift ist. Licht vorn und hinten, Reflektoren, Klingel. Aber so lange der Mann das Rad nur schiebt, können Eschert und seine Kollegen wenig tun. Sie lassen ihn ziehen.

Ein Oktobertag in Lankwitz. An der Paul-Schneider-Straße Ecke Kaiser-Wilhelm-Straße steht Michael Eschert, 53, mit seinen Kollegen Lisa, 26, und Björn, 23. Die jungen Polizisten möchten ihren vollen Namen nicht so gern in den Medien lesen. Radfahrerkontrollen haben die drei Beamten für diesen Vormittag geplant. Sie wollen Radler auf die Verkehrsregeln hinweisen, die Verkehrstüchtigkeit der Räder prüfen und die ein oder andere Rahmennummer kontrollieren um nach gestohlenen Rädern zu suchen. Dass ergiebiger Regen von den Meteorologen vorhergesagt ist, stört die Polizisten nicht im Geringsten. „Gehört bei uns dazu, auch mal nass zu werden“, meint Eschert. Und Radfahrer seien bei jedem Wetter an der Kaiser-Wilhelm-Straße unterwegs. Auch wenn die Hauptsaison der Radler im Herbst vorüber sei.

Die Straße mit ihrem dichten Verkehr ist ein Unfallschwerpunkt im Südwesten der Stadt. Wie zum Beweis dafür startet der Termin am Morgen in Lankwitz mit einem Auffahrunfall an der Kreuzung. Zwei von Escherts Kollegen vom Abschnitt 46 kümmern sich um den Lastwagen eines Umzugsunternehmens und den aufgeregten Passatfahrer. Vergangenes Jahr endete ein Unfall hier tödlich.

Fahrrad innerhalb von zehn Tagen nachrüsten

Valentin gehört zu den ersten Radlern, die von den drei Beamten an die Seite gewunken werden. Sein schwarzes Fahrrad hat kein Frontlicht. Auch die vorgeschriebenen Reflektoren fehlen. Nickend lässt der 17-Jährige die Belehrungen der Polizeikommissarin über sich ergehen. „Die dunkle Jahreszeit fängt an, da ist es umso wichtiger, dass am Fahrrad alles funktioniert“, erklärt Beamtin Lisa. Ihr Kollege Björn schreibt unterdessen den „Mängelbericht“. Innerhalb der nächsten zehn Tage muss der Schüler sein Fahrrad nun nachrüsten und das bei einer Polizeidienststelle belegen. Ein Ordnungsgeld zahlen muss Valentin erst mal nicht – es sei denn, er versäumt die Frist. Ein bisschen genervt ist der Schüler trotzdem. „Wer hat denn Zeit, sich um so was zu kümmern“, sagt er und rauscht ab.

Lankwitz, Lichterfelde und Zehlendorf Ost im Abschnitt 46 gehören zur Direktion 4 der Berliner Polizei, die Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg umfasst. Seit Juli legen die Beamten der Direktion einen Schwerpunkt auf die Kontrolle von Fahrradfahrern. Auch im vergangenen Jahr habe man besonders häufig den Radverkehr überprüft, sagt Michael Eschert. Und das zeige bereits Erfolge. „Letztes Jahr gab es in unserem Abschnitt 181 Unfälle, an denen Radfahrer beteiligt waren“, sagt Eschert. „In diesem Jahr zählen wir Stand Mitte Oktober erst 83.“ Und das, obwohl die sonnigen Sommermonate besonders viele Radfahrer auf die Straßen gelockt haben. „Ich glaube, das liegt an unserer guten Präventionsarbeit“, sagt der Oberkommissar.

1287 Radfahrer und 158 Autofahrer kontrolliert

In einer Zwischenbilanz im September teilte die Direktion mit, in acht Wochen insgesamt 1287 Radfahrer und auch 158 Autofahrer kontrolliert zu haben. 982 Verfahren wegen Ordnungswidrigkeiten wurden dabei eingeleitet. 2700 „Beratungsgespräche“ hätten die Beamten geführt. Noch bis Ende Oktober sollen diese Schwerpunktkontrollen für Fahrradfahrer in der ganzen Direktion weiter gehen. In ganz Berlin ist die Polizei inzwischen sehr dahinter her, den wachsenden Radverkehr kontinuierlich im Auge zu haben. Vergangenes Jahr gab es 4000 Sonderkontrollen für Radler, rund 30.000 Ahndungsverfahren wurden dabei eingeleitet - fast die Hälfte davon betrafen Rotlichtverstöße.

Meist wirkt schon die bloße Anwesenheit Uniformierter im Straßenverkehr. Keiner fährt an diesem Vormittag mit dem Fahrrad auf dem Gehweg oder entgegen der Fahrtrichtung. Auffällig viele Radfahrer zeigen dagegen an der Kreuzung mit ausgestrecktem Arm die gewünschte Richtung beim Abbiegen an. „Wenn wir erkennbar sind, kennen auf einmal alle die Regeln“, sagt Björn.

Freihändig fahren verboten

Ausnahmen gibt es aber doch. Ein junger Mann um die 20 radelt freihändig auf die Polizeibeamten zu, mustert sie freundlich. Als Eschert ihm ein Ordnungsgeld von fünf Euro verhängt, reagiert er erstaunt. „Ich fahre seit zehn Jahren freihändig, ich wusste nicht, dass das verboten ist.“ Den fehlenden Reflektor am Vorderrad sieht ihm Eschert dafür nach und macht ihn nur darauf aufmerksam. Als der junge Mann, beide Hände am Lenker, schon wieder zur Ampel rollen will, fällt ihm noch etwas ein. „Sagen Sie, ist es eigentlich verboten, ein Radio am Fahrrad zu haben“, fragt er den Oberkommissar. Ist es nicht, nur Musik hören mit Kopfhörern ist untersagt, denn die Sinne dürfen im Straßenverkehr nicht beeinträchtigt sein.

Um den Radfahrern zu erklären, wie ihr Fahrrad ausgestattet sein muss, haben die Beamten ein Kärtchen mit einem Schaubild dabei. Das verkehrssichere Rad braucht laut Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) eine helltönende Klingel, zwei voneinander unabhängig funktionierende Bremsen, einen weißen Scheinwerfer und Reflektor vorn, einen roten Rückstrahler und Reflektoren hinten sowie an Pedalen und Rädern gelbe Reflektoren oder weiße Reflektorstreifen an Speiche, Felge oder Reifen. Schutzbleche braucht man dagegen nicht zu haben, auch wenn sich das Gerücht hartnäckig hält. „Aber ob man sich dreckig machen möchte, kann jeder selbst entscheiden“, sagt Michael Eschert.

Radfahrer erstaunlich einsichtig

Auf Protest stoßen die Beamten an diesem Vormittag nicht. Erstaunlicherweise. Sonst sei es üblich bei Verkehrskontrollen, dass sich immer jemand ungerecht behandelt fühle oder versuche, mit ihnen zu diskutieren, erzählt Polizeimeister Björn. „Dabei hilft es ja doch nicht.“ Beliebt sei auch, dass kontrollierte Radfahrer auf die „viel schlimmeren“ Verkehrsrowdys im Auto verweisen oder umgekehrt, ergänzt Eschert. Statistisch gesehen sind bei Unfällen mit Beteiligung von Fahrradfahrern in Berlin übrigens fast gleichermaßen die Radler selbst (49 Prozent) oder die Autofahrer (41 Prozent) die Verursacher, in knapp fünf Prozent der Fälle im vergangenen Jahr lag die Schuld bei Lkw-Fahrern.

Ein Mittvierziger in grüner Jacke freut sich am Mittag richtig, dass er ohne Geld bezahlen zu müssen davon kommt. An seinem Fahrrad fehlen alle Reflektoren, auch einen Frontscheinwerfer hat er nicht. Nicht dabei. Die Vorrichtung zur Befestigung eines Stecklichts am Lenker verrät immerhin, dass der Mann eines besitzt. Am Tag aber habe er nicht daran gedacht. Doch auch die Stecklichter müssen laut Vorschrift immer dabei sein, wenn man auf dem Rad unterwegs ist. Die grüne Jacke bekommt auch einen Mängelbericht und muss nachrüsten. „Das ärgert mich nicht“, sagt er. „Das ist ja schon richtig so.“