Gerhart-Hauptmann-Schule

Im Kreuzberger Flüchtlingsheim kämpft jeder für sich allein

Wenn es um Flüchtlinge geht, schauen in Berlin alle auf den Oranienplatz. Auch in der Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg leben Flüchtlinge, dazu Obdachlose, Lebenskünstler und Musiker. Ein Besuch.

Endlich mal läuft die Musik. Bob Marley singt: "Wenn du deine Geschichte kennst / Dann würdest du wissen, wo du herkommst." Mimi schließt die Augen, der Song "Buffalo Soldier" ist bekannt wie ein Schlager, sie hat ihn mehr als tausendmal gehört, aber immer wieder summt sie mit. "If you know your history / then you would know where you coming from." Dann schreckt sie von ihrem Sofa hoch. Die Musik ist verstummt.

So ist es meistens, hier läuft selten ein Lied einfach so durch. Weil die Sicherung rausfliegt oder der Computer streikt. Und wie so oft, dauert es auch diesmal nicht lange, bis die Tür von Mimis Zimmer aufgeht und die Ruhe vorbei ist. Irgendwie ist die Tür ja immer offen, seit sie jemand eingetreten hat.

Fighting on arrival / fighting for survival. Die Musik läuft wieder, Mimi hat auf die Tasten ihres Computers geschlagen. Der Mann, der das Zimmer betritt, ist ein Freund. Alles okay. Aber wehe, es wäre jemand Unbekanntes gewesen, der einfach so reinkommt. Dann kann es sein, dass Mimi aufsteht, sie ihre Zähne zeigt, die Fäuste ausstreckt, die Rastazöpfe schüttelt und brüllt: "Verschwinde." Sie muss sich Respekt verschaffen in einem Haus voller Männer, in dem neue Bewohner so plötzlich auftauchen wie andere für immer verschwinden.

Offene Türen. Sie sind das, was die besetzte Schule an der Reichenberger Straße einerseits ausmachen. Andererseits sind sie der Fluch hier.

Mitbewohner strangulierte sich mit Gürtel

Mimi schenkt Tee für ihren Besuch ein. Heiße Milch mit Gewürzen und Zucker. Was für Gewürze? "Verrate ich dir nicht, Mann, damit du wieder kommst, um ihn hier zu trinken", sagt sie und zeigt wieder ihre Zähne. Zum Lächeln. Sie stellt den Besucher vor, er kommt aus Ruanda. Ein athletischer Mann in Sportjacke. "Los, erzähl deine Geschichte, die Leute sollen die Wahrheit wissen."

Der junge Mann, er nennt sich Johann, steht auf und geht ans Fenster. Er zeigt hinaus und sagt: Im Lager in Eisenhüttenstadt, dort, wo er herkomme, habe er aus dem Fenster nur eines gesehen: "Nothing." In Kreuzberg schaut er aus dem Fenster und sieht ein Transparent mit der Aufschrift: "Freedom of Movement." Bevor er das Flüchtlingslager in Eisenhüttenstadt verlassen hat, fanden sie seinen Mitbewohner aufgehängt am Fenster. "Eisenhüttenstadt." Johann reißt die Augen auf bei diesem Wort. Sein Mitbewohner, ein 20-Jähriger, hatte sich am Gürtel stranguliert, er war aus dem Tschad geflohen, über Italien nach Deutschland, einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht. Das war im Juni, der Fall ging durch die Presse. So wurde auch bekannt, dass das Auffanglager überfüllt ist. Nun steht Johann, der das miterlebt hat, im Zimmer von Mimi und trinkt Tee. Er sei nach dem Tod des Mitbewohners nach Berlin gekommen, weil er von diesem Ort in Kreuzberg gehört hatte.

Wer hier aus dem Fenster schaue, hatte er gehört, der sehe eine lebendige Stadt. Man dürfe jederzeit kommen und gehen. Es sei vor allem: kein Lager.

Hast du noch Papiere?

"Nein, ich bin frei."

Düstere Fantasie der Zukunft

Diese Freiheit in der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule an der Reichenberger Straße hat verschiedene Gesichter. Auch viele hässliche. Seit vergangenem Winter ist der Klinkerbau aus dem 19. Jahrhundert besetzt, er erinnert an düstere Zukunftsfantasien: Menschen ohne Heimat, von denen die meisten für sich alleine kämpfen. Wild wuchernde Pflanzen, zerbrochene Fensterscheiben, Matratzen. Es ist ein Ort, der auch Angst machen kann.

Der Bezirk duldet die Besetzung seit einem Jahr, erst als Kälteschutz für die Flüchtlinge, die nebenan auf dem Oranienplatz campieren. Doch längst wohnen Menschen von überall hier. Da sind Flüchtlinge, die ihre Bundesländer verlassen haben. Flüchtlinge, die illegal in Deutschland sind. Welche, die über die italienische Insel Lampedusa nach Europa kamen. Allein in dieser Woche sind vor dem Strand der Insel Hunderte Menschen ertrunken. Und da sind Menschen, die seit vielen Jahren in Deutschland leben, aber keine Wohnung mehr haben. Aus unterschiedlichen Gründen.

Nach Plänen des Bezirks sollte aus der Schule längst ein Projekthaus für Flüchtlinge entstanden sein. Zum Arbeiten, weniger zum Wohnen. Stattdessen räumen die Verantwortlichen ein, dass sie nicht mal einen Überblick haben, wer in dem Haus lebt. Sie bezeichnen das offiziell als "Experiment". Nun, im Herbst vor dem zweiten Winter seit der Besetzung, fällt es schwer, Fortschritte zu erkennen. Bis zu 250 Menschen aus 40 Nationen sollen in der Schule wohnen. Die Schule an der Reichenberger Straße, so kann man es sehen, zeigt, wie das Miteinander von Menschen gelingen könnte – und woran es scheitert. Sie erzählt aber auch eine Geschichte über einen Irrtum. Anders als die grünen Bezirkspolitiker es offenbar glauben, ist die Situation anders als in der Kreuzberger Hausbesetzerszene der 80er-Jahre, in der sie selber aufgewachsen sind.

Schwer den Überblick zu behalten

Politische Arbeit findet in der Schule kaum noch statt. Die Aktivisten, die anfangs die Besetzung unterstützten, auch Eingänge auf ungebetene Gäste kontrollierten, sind nahezu verschwunden. Niemand hat bisher diese Aufgabe übernommen. Während am sichtbaren Oranienplatz um die Ecke die Proteste gegen Flüchtlingspolitik weitergehen, ist es still geworden um die Reichenberger Straße. Wer mit Hilfsorganisationen spricht, bekommt keine offizielle Aussage. Nur, dass man die Proteste und Hilfsprojekte am Oranienplatz und das Wohnen in der Schule als Einheit begreifen müsse, beides gehöre zusammen.

Die Wahrheit ist wohl auch: Kaum jemand hat einen Überblick. Im Alltag geht es um zerschlagene Fenster, ein marodes Stromnetz und darum, dass Toiletten und Flure nicht regelmäßig geputzt werden.

Wer will sich schon andauernd mit verstopften Abflüssen und durchgeknallten Sicherungen beschäftigen?

Mimi zupft Weintrauben, es sind viele faulige an der Rebe. Schließlich ist es eine Spende, abgelaufene Lebensmittel. Supermärkte würden sie tonnenweise wegschmeißen. Sie weiß, dass man dieses Obst sortieren muss, sonst faulen auch die frischen Trauben. Lange hat Mimi sich um solche Sachen gekümmert, in der gemeinsamen Küche, wo morgens die Spenden ankommen, sie hat für alle Bewohner gekocht. Sie ist ein bisschen die Mutter der Schule. Eine Mutter, die kämpfen muss.

"Die wollen mich fertigmachen, Mann", sagt sie. Die Küche ist geschlossen. Mal wieder. Weil einige Bewohner randaliert haben. Aber es hat auch andere Gründe, warum Mimi derzeit nicht kocht. Zur Küche, diesem zentralen Ort, gibt es verschiedene Meinungen. Einige sagen, dass sie lieber auf ihrem Zimmer kochen. Andere, wenn auch wenige, sind offensichtlich traumatisiert von schrecklichen Umständen ihrer Flucht, sie trinken Alkohol und scheinen unberechenbar. Und da sind Bewohner und Aktivisten, die sagen: Es soll keinen Chef geben, der in der Küche das Sagen hat.

Niemand soll etwas zu sagen haben.

Jedes Haus braucht einen Boss

Mimi sieht das etwas anders: "Jedes Haus braucht einen Boss." Sie ist in Kenia aufgewachsen, aber schon seit mehr als 17 Jahren lebt sie in Berlin. Sie hat als Altenpflegerin gearbeitet und sich als eine der wenigen Frauen als DJ in der Reggae-Szene behauptet. Als ihre Wohnung in Kreuzberg zwangsgeräumt wurde, zog sie in die Schule. Seitdem schläft sie auf einer Matratze im ersten Stock. Sie hat einen Kühlschrank, einen Couchtisch und einen Kocher. Mit "Boss" meint sie keinen Befehlsgeber. Sondern jemanden, der das Haus emotional zusammenhält. "Keine Nation, keine Grenzen", das sind auch ihre politischen Schlagwörter. Wenn sie über Flüchtlingspolitik spricht, sagt sie Sätze wie: "Deutschland macht die Drecksarbeit für die Europäische Union" und "Ich bin in diesem Land, weil zumindest im Grundgesetz steht, dass die Würde der Menschen unantastbar ist".

Mimi sagt, sie muss den Flüchtlingen helfen, weil diese Aufgabe kaum jemand übernehmen kann, der sich noch nicht in dem Land zurechtfindet, in dem er lebt. Sie hat die Handynummern der Bezirkspolitiker in ihrem Telefon gespeichert, sie steht zwischen der Politik und zwischen den Bewohnern. Sie gehört keiner Organisation an und klingt inzwischen ein bisschen verbittert: "Viele Aktivisten wollen vor allem eines: Spenden und Fördermittel vom Staat für ihre Projekte." Sie frage sich auch, wo eigentlich das Geld hingehe, das mit den vielen Solidaritätspartys für Flüchtlinge eingenommen werde.

Kalt und ärmlich

Das Leben im Haus ist kalt und ärmlich. Matze ist ein Mann um die 50, er war obdachlos. Das Leben auf der Straße hat Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, doch seine Augen sind hell und wach. Mit starkem Willen hat er seinen Kampf gegen die Alkoholsucht gewonnen. Auch wenn Matze im Haus freiwillig Aufgaben übernimmt, die an einen 24-Stunden-Hausmeister erinnern, ihm geht es um mehr: Eine Gemeinschaftsstruktur zu schaffen, die Zukunft hat. Auch für ihn selbst. Sonst, sagt er, "könnte man ja ein Bild von mir aufhängen und Mitarbeiter des Monats darunter schreiben".

Oben schlafen Menschen auf dem Boden in der Aula. Die besten Plätze sind auf der Bühne, hinter dem zerschlissenen Vorhang. Die Treppen kleben vor Dreck. Es ist nicht so, dass hier niemand putzt. Aber selten und dann oft so, dass Dreckwasser von einem Stockwerk ins nächste läuft. In den Toiletten beißt der Gestank. Immer wieder sind die Rohre verstopft. Weil zu viel Papier in die Toiletten geworfen werde, sagt das Bezirksamt. Matze weiß aber, dass viele Afrikaner gar kein Toilettenpapier benutzen, in vielen Kulturkreisen ist es üblich, sich mit Wasser zu säubern. Sicher ist nur: Wie vieles in diesem Haus sind die Rohre vor allem sanierungsbedürftig. In einem besetzten Haus aber werden Rohre schnell zum Politikum.

Auch weil es kaum warme Duschen gibt, eine davon hat die Diakonie gespendet, waschen sich viele Bewohner mit kaltem Wasser: Sie füllen es in große Flaschen, setzen sich auf einen Stuhl und begießen sich. Wer hier lebt, kann es sich nicht gemütlich machen, sondern ist in Not. Matze versucht derzeit, über den Bezirk einen Elektriker zu organisieren. Einen, der Schaltkreise durchmisst und erneuert, damit die gespendeten Waschmaschinen angeschlossen werden können. Auch müsse die Heizung gewartet werden, damit sie es über den Winter schaffe.

"Dann stehe ich wieder vor dem Nichts"

Außen am Gebäude hat der Bezirk eine Fluchttreppe anbringen lassen: Damit wenigstens für den Fall gesorgt ist, wenn es lichterloh brennt in der Schule.

Runter auf den Hof. Wie meistens steht dort eine Gruppe Männer. "Was ist mit der Küche?", fragt Matze. Einer antwortet: "Ich werde langsam müde, Mann." Die Männer haben nicht die Aufsicht über die Küche, die hat ja niemand, trotzdem bleibe sie erst einmal geschlossen, sagen sie. Matze bleibt nichts anderes übrig, als zu nicken und weiterzugehen.

Matze isst pappiges Brot, mit einer dicken Schicht Butter drauf und geräucherter Forelle aus der Packung. Abgelaufene Ware. Er ist ein dünner Mann mit großem Hunger. Man habe ihm angeboten, dass er in ein Heim ziehen könne. "In ein Altenheim." Doch was soll er dort? Wer Matze bei seiner ehrenamtlichen Arbeit beobachtet, merkt, dass es ihm guttut, unter Menschen zu sein. Er sagt, er habe Angst davor, dass sie aus der Schule rausmüssen. "Dann stehe ich wieder vor dem Nichts."

Es gibt auch andere Stimmen dazu, was nach einer Räumung passieren würde, wenn all die Bewohner auf der Straße stünden: Dann sei es nachts in Kreuzberg wie in "Fucking Brooklyn", hört man.

Bezirk will kein Wohnhaus

Klar ist nur: Der Bezirk will hier letztlich kein Wohnhaus haben, sondern Projekte ansiedeln. Wenn es dabei bleibt, müssen neue Unterkünfte gefunden werden. Allerdings sind viele der Flüchtlinge – die mit offiziellem Status – in anderen Bundesländern gemeldet. Einige sind mit Protestmärschen im vergangenen Jahr nach Berlin gekommen. Nach Informationen der Berliner Morgenpost wird der Senat aber nicht versuchen, die Flüchtlinge wieder in die Städte zurückzubringen, aus denen sie gekommen sind. Man werde versuchen, "die Kontingente" auszutauschen. Bei anderen Bewohnern wurde der Antrag auf Asyl bereits abgelehnt.

"Weißt du, was Abgeschobenen passiert, wenn sie nach Afrika zurückkommen?", fragt einer. "Die Leute sagen: 'Was, du bist in Deutschland gewesen und hast nichts mitgebracht?' Sie machen sich lustig."

Vom Bezirk kommt regelmäßig der Baustadtrat, Hans Panhoff, in die Schule. Er ist Politiker der Grünen, die Partei hat in Kreuzberg eine unerschütterliche Macht. Rund um die Reichenberger Straße haben zur Bundestagswahl 50,4 Prozent der Wähler dem grünen Kandidaten Christian Ströbele ihre Erststimme gegeben und 24,4 Prozent die Zweitstimme. Kaum ein Anwohner will die Lage offiziell kritisieren. Wenn allerdings ein Fahrrad geklaut wurde, so hört man, dann suchen viele Anwohner zuerst in der Schule danach.

Eine Dusche als Druckmittel

Panhoff, der Stadtrat, hat selbst in den 80er-Jahren in einem besetzten Haus gewohnt. Auf Deutschlandradio, die Sendung hieß "Die lange Nacht der Hausbesetzer", hat er vor einem Jahr davon berichtet. Damals war die Schule noch nicht besetzt. Dreieinhalb Jahre habe seine Gruppe damals verhandelt mit der Stadt. Dann sei der Punkt gekommen, an dem man gesagt habe: "Okay, wir wollen hier auch bleiben, Verantwortung übernehmen für das Haus, damit wir dann auch Gelder bekommen für die weitere Instandsetzung, die wir dann nicht nur mit Muskelkraft bewältigen konnten."

Auf diesen Punkt, dass auch heute jemand sagt: Okay, wir wollen bleiben und Verantwortung übernehmen, wartet Panhoff offensichtlich. Besetzte Häuser, die hat er in einer Zeit erlebt, als dort Partys gefeiert wurden, um gegen die verklemmte Gesellschaft zu protestieren. Einmal habe man tote Fische an die Wand genagelt, als Tabubruch, erzählte er damals im Radio. In der Reichenberger Straße aber wohnen Menschen, von denen viele erst mal nur den Kontinent gemeinsam haben, von dem sie geflohen sind: Afrika. Viele der Zimmer, in einigen wohnen zwölf Personen, sind aufgeteilt nach Christen oder Muslimen. Auch untereinander gebe es Vorurteile und Rassismus, ist auf den Fluren zu hören. Es kommt auch immer wieder zu handgreiflichen Streits. Die gibt es allerdings auch in anderen Wohnhäusern.

Panhoff versucht, mit Vertretern der Zimmer zu sprechen, Struktur aufzubauen, eine sehr kleinteilige. Kürzlich gab der Stadtrat wieder zu Protokoll, dass die Lage "kompliziert" sei. So versucht er etwa, Druck aufzubauen mit einer weiteren Dusche. Die werde man nicht einbauen, "solange es kein Verhandlungsergebnis gibt, das uns in Richtung Projekthaus bringt".

Eine Dusche als Druckmittel für mehr als 200 Menschen, von denen die meisten lieber alleine kochen, als in einer Gemeinschaftsküche zu essen. Man darf zweifeln, ob die Taktik aufgeht.

Platzhalter für den Bezirk

Die Dusche spenden die Eltern von Isabel. Sie studiert Psychologie und gibt mit Freunden einmal in der Woche einen Deutschkurs in der Schule. "Ich bin in einem Einfamilienhaus aufgewachsen und viele der Bewohner in einem Dorf in Afrika", sagt sie. Die Unterschiede auf der Welt seien gewaltig, und doch hätten alle Menschen die gleichen Bedürfnisse und sollten die gleichen Rechte haben. Einmal hat sie ihre Eltern in die Schule mitgenommen. Ihr Vater hat spontan gesagt, er wolle etwas spenden. Isabel gibt ihren Kurs in einem Raum zwischen Glassplittern und zerbrochenen Stühlen. Manchmal muss sie einen Betrunkenen abwimmeln. Aber wenn sie unterrichtet, kommen die Bewohner. Sie bringen Schulhefte mit und sagen zur Begrüßung: "Hallo, wie geht's?" Die direkte, schnörkellose Hilfe: Sie funktioniert.

Claude zum Beispiel, Musiker und Rastamann, lebt in einem großen Zimmer, er hat ein Schlagzeug und Studioausrüstung. Er war einer der Ersten nach der Besetzung, er lebt seit Jahren in Berlin. Von ihm kann man zwei Erkenntnisse zum Zusammenleben lernen. Erstens, er habe keine Angst, dass ihm jemand die Geräte klaue. "Wenn sie dich mögen, dann klaut hier niemand etwas." Zweitens: Man erkenne sofort, ob die Bewohner in einem Zimmer Alkohol trinken oder nicht. "Diese Zimmer sind dunkel, auch tagsüber", sagt er.

Noch vor der Besetzung kam Astrid Leicht in das Gebäude, im Juli vergangenen Jahres, sie leitet in der Schule das Büro der Drogenhilfe Fixpunkt. In dem einsamen Haus habe sie sich manchmal gefühlt wie in Stephen Kings "Shining", wo dieser Autor nahe am Durchdrehen den Winter mit seiner Familie in einem eingeschneiten Hotel verbringt. Abends lungerten Jugendliche herum, Unbekannte warfen einen Brandsatz ins Haus. "Wir waren die Platzhalter für den Bezirk, weil der Bezirk noch keine konkreten Pläne für die Nachnutzung des Gebäudes hatte."

Sicherheit ist nicht gewährleistet

Sie sagt, es gebe keine gezielten Aktionen der Bewohner gegen sie. Aber die Sicherheit des Hauses sei nicht gewährleistet: "Hier werden Scheiben eingeworfen, das Stromnetz ist immer wieder überlastet, wir sehen eine Brandgefahr." Sie müssen nun einen Notstromaggregat anschaffen, damit die Computer nicht beschädigt würden. Wenn der Bezirk entscheidet, dass die Menschen im Haus leben dürfen, "dann ist das für uns in Ordnung", sagt Leicht. "Wir finden es aber wichtig, dass der Bezirk einen Rahmen setzt, was geschehen darf." Der Bezirk habe Verantwortung. Eine einschlägige Drogenszene habe sich im Haus nicht entwickelt, sagt Leicht. Das würde die Expertin sofort erkennen. Sie frage sich allerdings, ob das bezirkliche Gesundheitsamt – also die Kollegen des Stadtrates Panhoff – die Zustände in dem Haus überhaupt kennen würden.

Nebenan, bei Mimi im Zimmer, ist ausnahmsweise mal Ruhe. Natürlich hört sie wieder Musik. "Fighting on arrival / fighting for survival." Man hofft, dass wenigstens diesmal das Lied durchläuft.

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