Vielleicht ist ein bisschen viel Interpretation im Spiel. Vielleicht aber bekommen die Figuren auf dem Spielbrett wirklich auf eine Art einen Charakter: nämlich den des Menschen, der sie bewegt. Ganz fix haben sich die Steine von Claas Fischer zum Konvoi formiert – strategisch, weil sie im Team schneller vorankommen – und wandern ruhig und konzentriert Richtung Ziel. Die vier Männchen von Karin Janner dagegen finden sich zunächst in eher spontaner Aufstellung wieder. Einfach mal loslaufen! Ein Weg wird sich finden! Froher Mut bringt einen auch durchs Leben!

Der Arbeitstitel des Spiels lautet „Dede“, ausgeschrieben „Die Evolution der Elemente“, an dem sich Fischer und Janner gemeinsam mit dessen Erfinder Andre Rases Kühlewein und Andrea Meyer als kommentarfreudiger Beobachterin in der Friedrichshainer Ludothek „Spielwiese“ versuchen. Das Ziel des Spiels ist es, so ähnlich wie bei „Mensch ärgere dich nicht“, seine Spielfiguren ins Ziel zu bringen – dabei aber möglichst viel Energie zu sparen, egal ob man als das Element „Feuer“ oder „Wasser“ unterwegs ist. So kann man in Zügen fahren und damit Energie sparen. Gewonnen hat am Ende der, der möglichst viel Energie übrig hat – und nicht der, der zuerst das Ziel erreicht.

Brettspiel statt Bildschirm

Für Andre Rases Kühlewein ist es eine Entspannung, so einen Spielenachmittag mit Freunden zu verbringen „Wenn man sonst so viel am Bildschirm sitzt, ist es toll, mal wieder ein Brettspiel zu machen“, sagt Kühlewein. Das soll auch erklären, warum er seit etwa einem Jahr eine „analoge“ Dede-Variante bastelt, denn er hatte zuvor als Bachelorarbeit für „Interaction Design“ an der Hochschule für Gestaltung BtK das Ökologiespiel schon einmal in einer elektronischen Version entwickelt. Karin Janner kennt er – genau wie Claas Fischer und Andrea Meyer – über die lose, aber aktive Community von Spieleautoren in Berlin.

Wie viele Erfinder von Brett-, Karten- oder Gesellschaftsspielen es in der Hauptstadt gibt, weiß niemand. Zwischen zwanzig und dreißig könnten es sein, schätzt Janner, die in ihrem Friedrichshainer Spieleverlag „Spieltz“ Spielbretter auf Lkw-Plane druckt. Janner: „Hauptberuflich aber macht das fast keiner.“ Im Vorfeld des bundesweit vom Deutschen Spielemuseum in Chemnitz, dem Deutschen Spielearchiv in Nürnberg und der bundesdeutschen Spiele-Autoren-Zunft (SAZ) ausgerufenen Spieletag unter dem Motto „stadtlandspielt“ am 8. September hat die 43-Jährige zusammen mit vier Mitstreitern das Berliner Netzwerk „Spielemacher“ gegründet. Am vergangenen Wochenende haben sie die Öffentlichkeit zu einem Werkstattgespräch sowie einem Spielenachmittag nach Neukölln geladen.

Seine eigenen Gesetze machen

Eine der Mitinitiatoren des Netzwerkes ist Andrea Meyer, im Nebenberuf Inhaberin des Spieleverlags „Betwiched“ in Kreuzberg und selbst Autorin von mehr als einem Dutzend Spielen. Einige von diesen Spielen sind schon bei renommierten Verlagen wie Kosmos oder Ravensburger erschienen. Spiele erfinden, sagt Meyer, sei im Grunde wie seine eigenen Gesetze schreiben: „Aus Autorensicht ist es leichter, ein kompliziertes Spiel zu machen, als ein einfaches. Hier noch eine Regel für diesen und dort eine für jenen Sonderfall.“

Hürden gebe es viele im Verlauf der Entwicklung. „Schon die Formulierung der Spielanleitung kann zum Fallstrick werden“, sagt die 42-Jährige. Die Regeln für „Die Evolution der Elemente“ sind zwar einfach und übersichtlich – dafür starrt Karin Janner angestrengt auf den Zähler, mit dem sie nach jedem Zug ihren Energieverbrauch einstellen soll. „Ich kann die Zahlen gar nicht lesen“, sagt sie hilflos, schaut auf und lacht ihr häufiges, ansteckendes Lachen: „Da haben wir schon den ersten Fallstrick.“

Spielerische Bildung von Kindern

Dabei, sagt Janner, während sie Energiegewinne aus einer Aktionskarte Wald vermerkt, sei die Spielelandschaft noch vor fünfzig Jahren einigermaßen überschaubar gewesen. „Heute sind die meisten Spiele sogenannte Themenspiele“, sagt sie. Der Mechanismus sei dabei immer ähnlich (würfeln, Figur ziehen, ins Ziel kommen) aber rundherum wird eine Geschichte gebaut. „Das macht es oft komplizierter.“ Claas Fischer entwickelte vor drei Jahren ein psychologisches Kartenspiel namens „Essence“.

Die Idee kam dem Potsdamer bei einem Coachinglehrgang vor Beginn seiner Selbstständigkeit als Naturführer und Autor. „Da habe ich gedacht, so wichtige Dinge zum Thema Selbsterkenntnis, wo sind meine Stärken und wie positioniere ich mich auf dem Markt, das müsste man doch auch spielerisch vermitteln können.“ Kühlewein will auch ihr neuestes Werk „Die Evolution der Elemente“ als pädagogisches Instrument in der spielerischen Bildung von Kindern verstanden wissen.

Mehr Aktionsfelder bitte

Etwas wirklich Innovatives zu erfinden ist auch für erfahrene Spieleautoren oft eine Herausforderung. „Ravensburger, denen ich mein Spiel vorgestellt habe, haben gemeint, da fehle noch der Clou, der das Ganze am Ende dreht“, so Kühlewein. Seine drei Probespieler haben eher praktische Anmerkungen. Die Zahl der Aktionsfelder könne höher sein, findet Fischer. Die Regeln für energiesparende Laufformationen solle er überdenken, so Meyer. Dass das gute alte Brettspiel durch die digitale Konkurrenz jemals abgelöst werden könnte, glaubt keiner von den vieren. Diese Art der Kommunikation lasse sich am Computer nicht simulieren, meint Meyer. „Die Haptik ist ganz wichtig“, sagt Janner.

Verlage, so Kühleweins Erfahrung, wünschten sich deshalb immer häufiger Mechanismen zum Drehen, Drücken oder Schieben. „Spiele sollen dreidimensionaler werden, damit sie sich vom Bildschirm klar unterscheiden“, weiß der 31-Jährige, der sich durchaus zur „Generation Facebook“ zählt. „Aber über Facebook verabrede ich mich auch mit Leuten zum Spielen, dann in einer Runde im Café“, sagt Kühlewein.