Es ist Mai, der Tag vor Christi Himmelfahrt. Zwei 24-jährige Berliner sind zusammen mit Freunden aus. Sie gehen in einen Schwulenklub, später verbringen sie die Nacht miteinander. Nichts Außergewöhnliches in Berlin. Aber ein paar Tage später fühlen sich beide krank. Der eine leidet unter Übelkeit, Fieber und einem steifen Nacken. Er wird ins Krankenhaus eingeliefert. Später liegt er im Koma, und sein Gehirn hat einen erheblichen Schaden genommen.
Der andere geht noch arbeiten. Doch auch er fühlt sich nach zwei Tagen sehr krank. Er stirbt kurz darauf in seiner Wohnung. Eine gefährliche Ansteckungserkrankung kostete schließlich beide das Leben: Meningokokken. Jetzt sind Ärzte und Schwulenszene alarmiert.
Übertragung durch Küssen
Der Berliner Impfbeirat hat Männer, die Sex mit Männern haben, bereits dazu aufgerufen, sich gegen Meningokokken-Erkrankungen impfen zu lassen. Die Empfehlung ist zunächst einmal befristet bis 31. Januar 2014. Normalerweise empfiehlt die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut bei Erwachsenen nur eine Impfung für bestimmte Personen mit Immundefekten, wie zum Beispiel Menschen, die das Aids-Virus in sich tragen.
Auch für Reisen in bestimmte Länder mit vielen Meningitis-Fällen etwa in Asien und Afrika hält die Kommission eine Impfung für wichtig. Auch Kinder und Jugendliche sollten sich schützen. Geimpft wird einmal, der Schutz wird nach zwei Wochen wirksam.
Meningokokken sind Bakterien, die im Nasen-Rachen-Raum des Menschen vorkommen und zum Beispiel durch Küssen oder direktes Anhusten übertragen werden können. Rund zehn Prozent der Bevölkerung tragen diese Bakterien in sich, ohne dabei zwangsläufig zu erkranken. Es wird davon ausgegangen, dass unter Schwulen gut 40 Prozent Träger der Bakterien sind und somit möglicherweise ein höheres Erkrankungsrisiko besteht.
Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts äußert sich die Infektion mit Symptomen wie Kopfschmerzen, Fieber, Schüttelfrost und Schwindel. Auch ein empfindlicher Nacken gilt als typisch. Die Krankheit kann sehr schnell verlaufen und mit schweren Komplikationen einhergehen. So kommt es bei zwei Dritteln der erkrankten Patienten zu einer Hirnhautentzündung und bei einem Drittel zu einer lebensgefährlichen Blutvergiftung (Sepsis).
Sterblichkeit mit zehn Prozent sehr hoch
In zehn bis 20 Prozent der Fälle bleiben bei den Betroffenen Schäden zurück. Die Sterblichkeit ist bei einer Erkrankung mit Meningokokken der sogenannten Serogruppe C mit bis zu zehn Prozent sehr hoch. Oft sterben die Betroffenen noch binnen der ersten 48 Stunden der Krankheit. Allerdings kann es das Leben retten, rasch Antibiotika zu nehmen.
Erkrankungen durch das Bakterium Neisseria meningitidis, wie die Meningokokken wissenschaftlich heißen, sind in den Industrieländern selten geworden, unter anderem weil viele Menschen inzwischen geimpft sind. Wenn überhaupt, waren in den vergangenen Jahren Kinder und Jugendliche davon betroffen. Für sie gilt schon länger eine Impfempfehlung. Entsprechend hat die Zahl der erkrankten Kinder nach Informationen der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin abgenommen.
2011 hatten sich 15 Kinder bis 16 Jahre angesteckt, 2012 waren es neun. In diesem Jahr sind bisher drei erkrankt. Mit Meningokokken der Serogruppe C, die die gefährlichste ist, haben sich 2010 noch vier, 2011 und 2012 je eines und 2013 bisher kein Kind angesteckt. Dafür stieg die Zahl der Älteren, die daran erkrankten, auf bisher sieben im laufenden Jahr.
18 Fälle seit Jahresbeginn
Seit Jahresbeginn sind in Berlin nach Angaben der Gesundheitsverwaltung insgesamt 18 Erkrankungen mit Meningokokken gemeldet worden. Drei Erkrankte sind gestorben, wie das Ärztefachblatt „Eurosurveillance“ berichtete. Der erste Fall in diesem Jahr war ebenfalls ein junger Mann, Ende 20. Er wurde im Februar ins Krankenhaus eingeliefert. Auch er war in den Tagen davor in verschiedenen Lokalen der Schwulenszene gewesen. Er starb bei einer Operation, zehn Stunden nachdem er ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Auch im vergangenen Oktober starb ein Berliner an einer Meningokokken-Infektion.
Das Phänomen ist nicht auf die deutsche Hauptstadt beschränkt. Aktuelle Erkrankungsausbrüche unter Schwulen und Bisexuellen seien auch aus New York bekannt geworden, berichtete die Berliner Gesundheitsverwaltung. Seit August vergangenen Jahres hätten sich 22 Personen angesteckt, sieben seien gestorben. Auch Belgien und Frankreich meldeten Fälle.
Warum sich derzeit vor allem Schwule anstecken und erkranken, ist noch unklar.
art/lui/dpa


