In grüner Arbeitslatzhose steht Marc-Wilhelm Kohfink vor dem Berliner Hotel Mondial. Ein Gärtner? Aber was macht er in einem Hotel, das gar keinen Garten hat? Das Vier-Sterne-Haus liegt nämlich direkt am Kudamm, zwischen Schlüter- und Bleibtreustraße.

Mehr als einen asphaltierten Hof mit ein paar Büschen gibt es da nicht hinterm Haus. Aber Kohfink ist auch kein Gärtner, sondern Imker. Gerade ist er unterwegs auf seiner wöchentlichen Tour durch die Stadt. Das heißt, er besucht seine Bienen auf den Dächern der Stadt.

Das Mondial ist nicht das einzige Hotel, auf dessen Dach die Bienen schwirren und Honig produzieren. Auf insgesamt zehn Hotels hat Kohfink seine Bienen „stationiert“, unter anderem auch auf dem Scandic am Potsdamer Platz, dem Westin Grand in der Friedrichstraße und ganz neu auch auf dem Monbijou hinterm Hackeschen Markt, mittendrin in der Stadt.

Aber der 48-Jährige ist nicht der einzige, der mit seinen Bienen auf den Dächern Berlins ein Geschäft macht. Auch andere Imker und mitunter auch die Küchenchefs persönlich halten sich Bienen auf Hoteldächern und auf anderen Gebäuden zum Beispiel dem Berliner Dom, dem Haus der Kulturen der Welt, dem Abgeordnetenhaus, sogar auf Wohn- und Geschäftshäusern.

Tausende Bienenvölker in Berlin

Immerhin gibt es in Berlin inzwischen drei Erwerbsimker sowie mehr als 800 Hobby-Imker. Zusammen halten sie etwa 3500 Bienenvölker. Zu jedem Volk gehören etwa 30.000 bis 50.000 Bienen. In den vergangenen vier Jahren ist die Zahl der Mitglieder im Berliner Imkerverband um 50 Prozent gestiegen.

Als Kohfink, der dem Verein vorsitzt, vor fünf Jahren begann, Imkerkurse zu geben, kamen sechs Schüler, „heute sind es 75 in jedem Kurs und das Interesse reißt nicht ab“. Bienenhaltung ist in Berlin „ortsüblich“, wie es im Amtsdeutsch heißt, vielerorts sogar ausdrücklich erwünscht. Immerhin sorgt die Biene für den Erhalt der Pflanzenvielfalt und ist nach Rind und Schwein das drittwichtigste Nutztier. Die Wirtschaftsleistung der fleißigen Tiere beträgt allein in Deutschland vier Milliarden, weltweit mehr als 150 Milliarden Euro.

Mit der Bienenkultur auf Berliner Hotels hat vor drei Jahren das Westin Grand begonnen. Anfangs hatte Hoteldirektor Rainer Bangert Sorge, die neuen Mitbewohner könnten die Gäste stören, womöglich sogar in die Zimmer fliegen. Aber nichts dergleichen passierte und bald meldeten sich andere Hoteliers bei Kohfink.

So brachte er vor zwei Jahren auch vier Bienenvölker zum Mondial. Die Bienen gehen in einem Umkreis von bis zu drei Kilometern Honig sammeln. Normal fliegen sie dann immer wieder zurück zum Bienenstock, aber manchmal löst sich ein Schwarm von seinem Volk und sucht sich einen neuen Platz, wie in der vergangenen Woche am Rosenthaler Platz. Um das zu verhindern, schaut Kohfink regelmäßig nach dem Rechten und führt notfalls eine künstliche Trennung herbei, aus dem sich dann ein neues Jungvolk bildet.

Steuerfahnder als Ideengeber

Pro Bienenvolk werden etwa 40 bis 50 Kilo Honig produziert. „Die Berliner Bienen sind in Deutschland die produktivsten überhaupt“, sagt Kohfink. Das liegt vor allem an den guten Bedingungen, die sie in der Stadt vorfinden: die Vielfalt der Blumen und Bäume, statt Monokultur wie auf dem Land, keine Pestizide und im Winter Temperaturen, die ein paar Grad über denen auf dem Land liegen.

Darum trotzt Berlin dem allgemeinen Bienensterben. Auch in dem vergangenen Winter starben deutschlandweit etwa 15 Prozent aller Bienen. Manche Imker bringen ihre Bienen daher im Winter bis nach Italien. Auch Kohfink reist mit seinem Anhänger voller Bienenvölker im Winter Richtung Rheinland-Pfalz. Die meisten seiner Völker aber bleiben in der Hauptstadt: „Mein Italien ist der Potsdamer Platz“.

Der Feinstaub, von dem es in Berlin reichlich gibt, macht den Tieren offenbar wenig zu schaffen. Viele Blüten bleiben lange geschlossen, so dass Feinstaub nicht eindringen kann. Und der Nektar liegt zudem ganz unten in der Blüte. Bei Untersuchungen des Berliner Honigs findet man keine Rückstände durch Luftverschmutzung, versichert Kohfink und dann erzählt der Schwabe, wie er Imker wurde.

Letztlich habe ihn die Steuerfahndung darauf gebracht. Aber eigentlich setzt die Geschichte noch früher an. Der 48-Jährige arbeitete früher als Wirtschaftsjournalist. 1998 wurde er Chefredakteur eines Wirtschaftsmagazins in Berlin: „Von da an rannte ich nur noch von Meeting zu Meeting“. Zum Ausgleich machte er einen Imkerkurs und hielt sich die ersten Bienenvölker im Garten hinter seinem Köpenicker Haus. Schon sein Opa hatte Bienen und war Honigfan wie sein Enkel.

Mit der Zeit wurden es immer mehr Bienen, und eines Tages stand die Steuerfahndung vor der Tür. Die freundlichen Herren wollten wissen, wo denn die Einnahmen aus der Imkerei seien. Die hatte er aber offenbar nicht: „Das, was ich einnahm, gab ich auch wieder aus.“ Aber wieso eigentlich nicht mit den Bienen ein Geschäft machen, dachte er sich, verließ den Chefsessel in der Redaktion und legte sich noch mehr Bienen zu. „Bis meine Frau streikte“, erzählt Kohfink lachend, und er auf ein Grundstück in Kaulsdorf ausweichen musste.

Vielleicht hatte es einfach zu viele Bienenstiche gegeben. „Als meine Kinder im Krabbelalter waren, wurden sie im Garten ständig gestochen“, erzählt er. Heute sind die vier Kinder zwischen neun und 16 Jahre alt, da passiert das weniger, dafür haben es die Bienen aber umso mehr auf den Vater abgesehen.

„Ich trage nicht gern Handschuhe“, erklärt er, während er sich eine cremeweiße Imkerbluse überstreift, einen Hut mit Schleier aufsetzt und den Smoker mit Kleintierstreu befüllt, bevor er sich seinen kleinen Arbeitern auf dem Dach des Mondial nähert. „Bei Schwarz wittern die Bienen Gefahr und werden aggressiv“, erklärt der Profi, wobei die Berliner Bienen eigentlich friedlich seien.

Geschmack von Blüte und Linde

Allerdings so ganz gelassen bleiben sie dann doch nicht, als aus dem Smoker neben dem Bienenstock der Rauch aufsteigt und Kohfink eine Wabe herauszieht. „Klar, Rauch bedeutet für sie ja auch größte Gefahr“, sagt der Imker. Draußen in der Natur bedeutet der Rauch Waldbrand und Gefahr für ihr Haus, da hilft auch der Stachel nichts mehr.

Der dickflüssige Honig, den die Bienen auf dem Mondial produzieren, schmeckt nach Blüten. Die Bienen werden sich wohl an dem Kirschbaum und den vielen anderen Blumen, die im Hof neben dem Hotel stehen, reichlich genährt haben. Und er hat einen sehr intensiven Geschmack, „das liegt daran, dass es in Berlin recht trocken ist“ erklärt Kohfink. Je mehr Wasser im Honig ist, desto lascher ist der Geschmack.

Geerntet wird der Honig im Juni und Juli, manchmal fallen sogar zwei Ernten ab. Die Hotelbienen im Mondial werfen zusammen etwa 100 Kilo Honig ab. Ein „Wirtschaftsvolk“ produziert etwa 40 bis 50 Kilo Honig. Was nicht in der Küche und auf den Tellern der Gäste landet, wird in Gläser abgefüllt und als Souvenir für fünf Euro das 250-Gramm-Glas verkauft. Für Kohfink sind die Hotelbienen ein Nebengeschäft. Im vergangenen Jahr hat seine Imkerei drei Tonnen Honig geerntet, in diesem Jahr rechnet er sogar mit vier. Wie viel Umsatz er damit macht, verrät er allerdings nicht.

Für die Hotels haben die Bienen noch ganz andere Vorteile. Zum einen verschaffen sie sich damit einen Pluspunkt, um eine Öko-Zertifizierung zu erlangen. Zum anderen ist der Honig auch ein gutes Werbemittel. Wer sich ein Glas Honig aus dem Hotel mitnimmt, wird vielleicht noch lange an den Berlin-Besuch denken, wenn er sein Brötchen in den heimischen vier Wänden schmiert.

Und schließlich würden die Bienen auch zur Mitarbeiterbindung beitragen, hat Kohfink beobachtet. „Wenn ich komme, fragen mich schon die Angestellten: Geht es unseren Bienen gut?“ In einer Kreuzberger Schlosserei, in der er auch Bienenhäuser aufgestellt hat, haben die Mitarbeiter eine Bank, auf der sie ihr Frühstück einnehmen, so umgestellt, dass sie nun „ihre“ Bienen besser beobachten können. Und zu Weihnachten verschenken sie jetzt Honiggläser von ihrem Arbeitsplatz.

Auch wenn es schon vielerorts in Berlin summt und brummt: Genug Bienen gibt es noch lange nicht. Darum sucht Kohfink weitere Standorte für seine Völker. Er steht auch in Verhandlungen für den neuen Flughafen BER und ist überzeugt, dass seine Bienen hier wohl eher einchecken werden als die Passagiere.