Schwule und Lesben

CSD politischer als sonst, aber dennoch eine große Party

Tausende Schwule und Lesben haben in Berlin einen sehr politischen Christopher Street Day (CSD) gefeiert. Diesmal wurde die CDU böse aufs Korn genommen.

Männer in knappen Höschen, Transvestiten mit Pfauenfedern auf dem Kopf, Konfetti-Kanonen, freche Sprüche und Transparente mit Forderungen an die Politik: Der diesjährige Christopher Street Day (CSD) in Berlin war wieder ein buntes, aber auch ein sehr politisches Spektakel.

Unter dem Motto "Schluss mit Sonntagsreden" fand am Sonnabend die 35. Ausgabe der Berliner Parade für die Rechte von Schwulen, Lesben, Transsexuellen und Transgendern, Inter- und Bisexuellen statt.

Der Demonstrationstag, der in Gedenken an die Diskriminierungs-Aufstände, die sich 1969 in der New Yorker Christopher Street ereigneten, fand in Berlin 1979 zum ersten Mal statt. 400 Demonstranten gingen damals für Gleichberechtigung auf die Straße.

Dieses Jahr waren es rund 50 Wagen und laut Veranstalter 700.000 Besucher aller Altersklassen. Auch die Botschafter Philip D. Murphy (USA), Yakov Hadas-Handelsman (Israel) und Marnix Krop (Niederlande) feierten mit.

Waren die Demonstranten Ende der 70er-Jahre noch aus Angst maskiert, sind sie es heute nur zum Spaß. Trotzdem ist der Christopher Street Day nicht nur eine Party. "Das ist der der politischste CSD seit langem." Diesen Satz hörte man am Sonnabend von vielen Teilnehmern.

Proteste gegen Russlands Präsidenten Putin

Die staatliche Diskriminierung von Homosexuellen in Russland war das Thema des ersten Wagens der Parade und wurde auch auf vielen weiteren Wägen und Plakaten thematisiert.

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Und auch in Berlin war es im Vorfeld zu politischen Streitigkeiten gekommen. Nach dem langen Zögern der CDU in Sachen steuerlichen Gleichstellung von homosexuellen Lebenspartnerschaften sowie der anhaltenden Ablehnung des Adoptionsrechtes für homosexuelle Paare, hatte die Berliner CSD e.V. die Regierungspartei zum ersten Mal ausgeladen.

Nur den Mitgliedern des Landesverbandes der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) war ein Wagen genehmigt worden. Martin Och, der Landesvorsitzende der LSU, nahm die Situation am Sonnabend betont gelassen. "Wir sind hier und das ist auch gut so", sagte er kurz vor der Parade der Berliner Morgenpost. "Die Hauptstadt-CDU steht hinter der homosexuellen Bewegung. Es gibt keinen Grund sie blockieren."

Och sagte, sein Verband würde innerhalb der Partei die Gespräche in Sachen Adoptionsrecht weiter vorantreiben wollen. "Es steht völlig außer Frage: Natürlich kann ein homosexuelles Paar ein Kind genauso gut erziehen, wie ein heterosexuelles. Aber es gibt eben noch immer gesellschaftliche Vorbehalte", sagte Och. Diese Vorbehalte müsse man nun "langsam aufweichen".

Vereinzelte Buh-Rufe für die CDU

Wenig später rollte der CDU-Politiker gemeinsam mit Alexander Straßmeir, Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz, und dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Berliner CDU, Stefan Evers, auf dem Wagen von der Joachimstaler Straße aus über den Kurfürstendamm Richtung Brandenburger Tor.

Der Popsong "Ein Kompliment" der Sportfreunde Stiller tönte aus dem Boxen des orange geschmückten LSU-Wagens. "Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das größte für mich bist", sangen die Insassen lauthals mit und zeigen dem Publikum am Straßenrand strahlend das "Daumen-hoch"-Zeichen. Sie ernten vereinzelte Buh-Rufe, Mittelfinger und das "Daumen-runter"-Zeichen.

2012 hatte der Vorsitzende der Berliner CDU Frank Henkel den CSD noch gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) eröffnet. Dieses Jahr blieb er den Feierlichkeiten fern. "Er ist glaube ich schon im Urlaub", sagte Och.

Wowereit forderte bei seiner diesjährigen Eröffnungsrede die Bundesregierung auf, in Sachen Adoptionsrecht "endlich einzulenken". Und zitierte Barack Obama der bei seiner Berliner Rede am Mittwoch gesagt hatte: "Wir sind alle freier, wenn alle unsere Mitmenschen, egal ob schwul, lesbisch, transgender oder hetero nach ihrem eigenen Glück streben können." Wowereit stellte klar: "Es ist eben falsch, wie mancher behauptet, dass auch in Berlin nicht mehr gegen Diskriminierung von Schwulen und Lesben gekämpft zu werden braucht." Engagement bleibe auch in Zukunft unverzichtbar.

An der Spitze der Parade fuhr in diesem Jahr dennoch ein russischer Wagen. Auch viele Teilnehmer zu Fuß trugen Plakate mit russischen Schriftzeichen. "Liebe ist stärker", konnte man dort lesen. Oder: "Stoppt die Hetze und Gewalt gegen Russlands Schwule und Lesben". An einem grünen Catering-Wagen hing ein Zettel mit der Botschaft: "Herr Putin, mit Verlaub Sie sind ein Arschloch".

Barbara Jaeschke, 39, Teilnehmerin aus Charlottenburg versuchte es eher auf die friedliche Art. Ihr Schild trug die Aufschrift "Liebesgrüße nach Moskau": "Ich nehme seit fast 15 Jahren am CSD teil und eigentlich ging es mir bisher vor allem um die Party", sagt die Sozialpädagogin. "Aber dieses Jahr ist das anders." Gemeinsam mit ihren Freunden hatte sie dem Berliner CSD e.V. zuvor vorgeschlagen, einen Umweg an der russischen Botschaft vorbei zufahren. Ihr Vorschlag sei aber zu kurzfristig gekommen.

Seifenblasen und Techno-Bässe

Trotz aller politischen Botschaften kam die reine Party beim CSD nicht zu kurz. Auf dem Wagen der Grünen tanzte die Chefin der Bundestagsfraktion Renate Künast ausgelassen zum "Great Gatsby"-Soundtrack, während Seifenblasen über sie hinweg flogen. Menschen in Einhorn-Kostümen trabten über den Asphalt. Klaus Wowereit trug Hut und warf Gummi-Bärchen vom SPD-Wagen.

Und auf dem Gemeinschaftswagen des Lesben- und Schwulenverband in Deutschland, Berlin Summer Rave, Kaiser's und der Berliner Morgenpost vibrierte der Boden im Takt des Techno-Basses.

Stefan, ein 25 Jahre alter Koch aus Friedrichshain, tanzte an Deck des Wagens. ,"Als Schwule haben wir Glück, in Berlin zu leben", sagte er, während ihn die Sonne zum blinzeln brachte. Hier könne er offen leben. Wenn man vom dem Adoptionsrecht absehe, habe er nicht das Gefühl, benachteiligt zu werden. "Ich würde mir wünschen, dass dieser Berliner Zustand Normalität wird", sagte er.

Der Umzug war bunt und phantasievoll wie immer. Wir zeigen in Bildern, was passierte - via Twitter und Instagram.

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