„Ich bete in der Kabine während der Hymne und bevor das Spiel losgeht“, sagt der deutsche Fußballstar Mesut Özil, „ich bete Verse aus dem Koran in mich hinein. Das gibt mir Kraft und erleichtert mich.“
Serdinc, 16 Jahre alt, liest das Zitat von Özil und muss schmunzeln. Er steht vor einer Wand mit der Überschrift „Wissen – Allah, Koran, Muhammad, Islam, Muslim“ und dreht an einem Rädchen, woraufhin ein neues Zitat in einer Sprechblase erscheint. „Die Eigenschaft Gottes, mit der Gott sich selbst im Koran am häufigsten beschreibt, ist Barmherzigkeit“, Mouhanad Khorchide, Islamwissenschaftler an der Universität Münster. Serdinc geht ein Stück weiter, nimmt einen Kopfhörer und schaut sich einen kurzen Film an, der seine eigene Geschichte erzählt.
Ausstellung soll Vorurteile abbauen
Was Muslime in Deutschland bewegt, was Jugendliche prägt, das ist Thema der Ausstellung „Was glaubst du denn? Muslime in Deutschland“, die am Montag an der Otto-Hahn-Oberschule in Berlin-Neukölln eröffnet wurde. In den kommenden zwei Jahren soll die Ausstellung durch ganz Deutschland wandern. Ziel ist es, Vorurteile übereinander abzubauen, die Deutsche gegenüber Türken, Muslime gegenüber Christen, Deutsche gegenüber Deutschen mit Zuwanderungsgeschichte haben – es geht in alle Richtungen.
„Wir haben vier Millionen Muslime in Deutschland, es wird Zeit, dass wir sie näher kennenlernen“, sagt Thomas Herzog, Leiter der Abteilung „Integration“ des Bundesinnenministeriums, das die Ausstellung gemeinsam mit dem Europäischen Integrationsfonds finanziert.
Ausstellung zeigt sieben Lebensgeschichten aus der ganzen Republik
Herzstück der Ausstellung sind die Lebensgeschichten von sieben Protagonisten aus ganz Deutschland, darunter muslimische Jugendliche aus Berlin und Nordrhein-Westfalen, Sunniten und Alewiten, Jungs aus Akademikerfamilien und Mädchen, die in einfachen Verhältnissen aufwachsen, sowie Flüchtlinge und deutsche Staatsbürger. Die Kuratorin der Ausstellung ist zwei Jahre lang durch das Land gereist, um die passenden Jugendlichen zu finden. In kleinen Videoclips („Meine Religion“, „Meine Familie“, „Meine Heimat“) erzählen sie, wer sie sind, wie sie in Deutschland als Muslime leben, wem sie sich zugehörig fühlen, ob sie beten oder nicht.
Einer von ihnen ist also Serdinc Mengüslü, Schüler der neunten Klasse des Albrecht-Dürer-Gymnasiums in Neukölln. Er trägt Sneakers und Röhrenhose, um den Hals eine Kette, auf deren Anhänger ein Koranvers zitiert ist, der dem Träger gegen Unglück helfen soll. Das dichte, schwarze Deckhaar ist mit sehr viel Haarspray nach oben toupiert, die Seiten rasiert. „Jede Woche muss ich dir die Haare schneiden“, sagt seine Mutter im Film, in dem sie ihrem Sohn in der heimischen Küche ein Handtuch um die Schultern legt, den Rasierer anschaltet. „Ach, mein Schatz, du weißt ja, deine Mutter muss immer meckern.“
Die Geschichte von Serdinc aus Neukölln
Serdinc’ Eltern stammen aus der Türkei, sie haben sich getrennt, als er drei Monate alt war. Als seine Ethik-Lehrerin ihn fragte, ob er bei der Ausstellung mitmachen und seine Geschichte erzählen wolle, sagte er gleich zu. „Ich will doch zeigen, dass wir muslimische Jugendliche in Neukölln nicht so sind, wie wir immer dargestellt werden“, sagt Serdinc. „Ich meine, klar leben hier viele Ausländer, und die Kriminalität ist hoch, aber wir sind eigentlich total in Ordnung, die Menschen hier gehen sehr herzlich miteinander um.“ Es gebe schlechte Muslime, schlechte Christen, schlechte Juden, deswegen solle man eben vorsichtig sein, sagt er.
Sein sieben Jahre alter Bruder ist Serdinc’ ein und alles. „Er ist sehr frech, für ihn würde ich alles geben“, sagt er. Und weil er so gerne Kinder mag, trainiert er zwölf- und 13-Jährige im Basketball. „Ich will die Kinder fördern, ich will, dass die mal was werden.“ Die Disziplin im Sport fließe eben auch in die Schule ein. Serdinc ist Alevit. In seiner Religion schreibt niemand vor, wie man beten und ob die Frau ein Kopftuch tragen soll. Die Rolle der Frau im Islam werde überhaupt von Nichtmuslimen oft falsch eingeschätzt, findet Serdinc. „Mama ist die Königin der Familie, was sie sagt, ist Gesetz. Man denkt ja immer, die Männer haben bei uns die Oberhand, aber das ist nur draußen, das ist nur Show.“
Besucher der Ausstellung sollen ihre Meinung sagen
Serdinc ist nach dem Interview mit der Kuratorin sehr über sich selbst erschrocken, dass er so offen über seine Familie und sein Leben geredet hat. Darüber etwa, dass er sich immer nach seinem Vater gesehnt hat. „Indem ich darüber gesprochen habe, ist mir klar geworden, dass er eigentlich da war, ich es nur nie gesehen habe. Seitdem hat sich unsere Beziehung verbessert.“ Außerdem, sagt er, müsse ja irgendjemand mal anfangen damit, offen zu erzählen, sonst würde sich ja nie was ändern in Deutschland.
Organisiert hat die Ausstellung die Bundeszentrale für politische Bildung. „Es ist uns wichtig, dass die Besucher nicht ihre Positionen fixieren, sondern sich mit dem Thema auseinandersetzen“, sagt Präsident Thomas Krüger. Dementsprechend sind die Besucher dazu aufgefordert, in der Ausstellung ihre Meinung zu sagen, zum Beispiel auf einer großen Tafel oder mit der Aufnahme eines Videoclips, versteckt in einem Fotofix-Automaten. Die Beiträge sollen integriert werden – und so wird die Ausstellung weiter wachsen.
98 Prozent der Muslime leben in Westdeutschland und Berlin
Neben persönlichen Geschichten erfährt der Besucher auch Grundlegendes zum Thema Islam in Deutschland. Dass 98 Prozent der Muslime in Westdeutschland und Berlin leben etwa. Dass 50 Prozent von ihnen sich selbst als „eher gläubig“ und 36 Prozent als „stark gläubig“ bezeichnen, aber nur die Hälfte der stark gläubigen Frauen Kopftuch tragen.
„Die Ausstellung ist ein Zeichen der religiösen Vielfalt unseres Landes“, sagt Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen, während er durch die Ausstellung schlendert. „Sie räumt mit Vorurteilen auf, und zwar beiderseits. Darüber etwa, dass jeder Muslim ein Islamist ist oder dass sich alle katholischen Priester an kleinen Kindern vergreifen.“ Man könne also das, was man von zu Hause falsch mitbekommt, hier reflektieren. Oder besser gesagt, mit der Wirklichkeit abgleichen.


