„Am Sonntag geht er immer in die Kirche“: Mit diesem Satz fängt ein Bericht der Berliner Morgenpost an, der das Erzbistum Berlin in Aufregung versetzt hat. Es geht um einen mehrfach verurteilten Missbrauchstäter im Alter von etwa 80 Jahren, der noch immer auf freiem Fuß ist und möglicherweise weiter versucht, im Umfeld von Gemeinden in Kontakt mit Minderjährigen zu kommen.

Der Generalvikar des Erzbistums, Prälat Tobias Przytarski, hat nun in einem internen Brief an „alle Geistlichen im Erzbistum Berlin“ eindringlich vor dem Täter gewarnt. „Da ich nicht ausschließen kann, dass sich der Täter in weiteren Gemeinden Opfer sucht, bitte ich Sie um entsprechende Aufmerksamkeit“, so der Generalvikar in dem internen Schreiben, das der Morgenpost vorliegt. Bereits vier Gemeinden seien ihm in Berlin bekannt, „in denen der Täter sich umtrieb“, schreibt der Prälat weiter.

Deutlich wird in dem Brief, dass der Generalvikar den möglicherweise weiterhin gefährlichen Mann kennt. Der Mann versuche, sich bei Jungen und deren Eltern das „Vertrauen zu erschleichen“, er gebe sich als „freundlicher, fürsorgender Großvater“ aus, so der Prälat. Auch der Berliner Morgenpost ist der Name des Mannes bekannt, doch er darf nicht geschrieben werden: Das Gesetz schützt seine Identität. Zweimal ist der Wiederholungstäter bereits verurteilt worden: in den 60er-Jahren für „versuchte Unzucht mit einem Abhängigen“, wie es damals in der Juristensprache hieß.

Diese Strafe ist inzwischen laut Gesetz aus dem Strafregister gelöscht worden. Die zweite Strafe des Mannes allerdings liegt erst ein Jahr zurück: Die Opfer waren neun und 14 Jahre alt. Der Mann hatte sie bei katholischen Familiengottesdiensten in Berlin angesprochen und zu sich nach Hause gelockt. Er wurde wegen „einfachen Missbrauchs“ zu einer Haftstrafe verurteilt – auf Bewährung.

Mann biete Gemeinden „kleine Hilfsdienste“ an

In dem Brief schildert der Generalvikar eindringlich, wie der Täter vorgeht. So stelle der Mann sich dem Pfarrer und den Eltern „sehr gewinnend“ vor, er präsentiere sich als „kompetent und finanzkräftig“. Auch biete er den Gemeinden „kleinere Hilfsdienste“ an, etwa Reparaturen. Gern besuche der Mann Familien- und Kindergottesdienste, um in Kontakt mit Kindern zu treten. Auch trete der Mann gelegentlich in Begleitung einer älteren Dame auf. Sie würden den Anschein eines „älteren Ehepaares“ erwecken.

Eltern von Jungen im Alter von fünf bis zwölf Jahren sollten laut Brief besonders wachsam sein. Diesen Eltern biete der Mann „Unterstützung“ an: etwa ihre Kinder von der Schule abzuholen, sie zu betreuen oder sie sogar auf Auflüge mitzunehmen. Selbst Ausflüge „über Nacht“ biete er an. Wenn die Chance bestehe, spreche er Jungen auch direkt an, wenn sie allein unterwegs seien. Er bringe auch Geschenke mit.

Nach Recherchen der Berliner Morgenpost gibt es weitere Opfer des Mannes, längst nicht alle Fälle kamen vor Gericht. Nicht alle haben ihn angezeigt, viele der Taten sind verjährt. Der Generalvikar ruft in dem Brief alle Gemeinden auf, Ansprechpartner für Fälle von sexuellem Missbrauch gut sichtbar bekannt zu geben. Hinweise nimmt, neben der Polizei und weiteren Beratungsstellen, der Präventionsbeauftragte des Erzbistums an: {telvoll} 204 5483-27. Weitere Informationen im Internet: www.praevention.erzbistumberlin.de.

pvs