Der Mann hat keinen Blick für den Schmuck, der da in raumfüllenden Vitrinen angestrahlt wird und hübsch drapiert vor sich hin funkelt. Diademe, Colliers, Ringe oder Ketten – schöne Stücke gibt es hier – interessieren ihn nicht. Ihm geht es um pures Gold. „Einen Krügerrand bitte“, sagt er vor dem Panzerglasschalter. Er will den Goldklassiker schlechthin. Aus Südafrika, 31,1 Gramm schwer, exakt eine Unze. Geprägt mit Springbock auf der einen und dem rauschebärtigen Buren Paul Kruger auf der anderen Seite. Kostet 1122 Euro. Der Mann zahlt bar. Danach kommt einer, der will den Maple Leaf, Kanadas Goldmünze. Bargeldstapel wandern unter dem Panzerglas hindurch.
Hin und wieder Engpässe
So schnell kann Geldanlage gehen. Ohne stundenlanges Gespräch beim Bankberater, ohne unverständliche Fondsprodukte mit Beipackblättern voller Kleingedruckten, ohne Beratungsprotokoll. Zum Thema Gold muss man nicht viel erläutern. Wenn alles unsicher scheint, wärmt man sich an seinem Glanz. Gold ist die Beruhigungspille für Kleinsparer. „Die Leute kaufen jetzt, wo der Preis runter geht“, sagt Inga Goldenberg.
Sie heißt wirklich so, arbeitet bei der Exchange AG in der Filiale an der Friedrichstraße und hat viel mit wertvollen Metallen zu tun. Exchange ist eine Ladenkette für Pfandleihe, Schmuck und Edelmetall. Hin und wieder, sagt Goldenberg, gibt es Engpässe beim Gold.
Der Goldpreis ist die Fieberkurve der Geldwirtschaft. Steigt er, bedeutet dies wachsendes Misstrauen gegen jenes moderne System, in dem Notenbanken darüber bestimmen, welche Menge Geld in die Wirtschaft strömt. Der Argwohn wächst seit Beginn des Jahrtausends. Er wurde befeuert durch die andauernde Finanzmarkt- und Eurokrise, durch hoch verschuldete Staaten und eine Reihe todkranker Banken in Griechenland, Italien, Zypern und Co. Vor genau zehn Jahren betrug der Preis für eine Unze Gold 360 Dollar. Ende August 2011 durchbrach das Edelmetall die Marke von 1900 Dollar .
Soros und Buffett raten ab
Aber am 15. und 16. April diesen Jahres stürzte der Goldkurs regelrecht ab. Um elf Prozent ging es runter. Großanleger wie Warren Buffett und George Soros riefen das Ende des Goldrausches aus. Derzeit wird die Unze für 1386 Dollar gehandelt, umgerechnet 1071 Euro. Mit dem Verhalten von Kleinanlegern, den Kunden von Inga Goldenberg, hat das nichts zu tun. Die Deutschen und die Berliner kaufen Gold, mehr als jemals zuvor. Nur in seltenen Fällen wollen sie es veräußern.
So hört man es von denen, die mit Edelmetall handeln. „Nach dem jüngsten Preisverfall im April, haben wir so viel verkauft wie noch nie“, sagt Roman Splettstößer, Sales Manager bei Exchange. Deutschlands größter Edelmetallhändler Pro Aurum berichtet gar von sechs Mal höheren Goldverkäufen im April. Heiko Ganß leitet die Berliner Filiale von Pro Aurum an der Hardenbergstraße.
Er ist seit 2005 dabei und hat erlebt, wie sich 2008 nach der Pleite von Lehman Brothers die ersten großen Angstschlangen vor den Schaltern bildeten. Seinerzeit hatte Pro Aurum noch eine kleine Verkaufsstelle an der Torstraße in Mitte. Seit einigen Jahren hat man sich recht großzügig zwischen Bahnhof Zoo und Ernst-Reuter-Platz eingerichtet. Die schlechten Nachrichten trieben die Kunden an die Schalter.
Patienten auf der Euro-Intensivstation
Bald nach der Lehman-Pleite ging das Griechenland-Drama los. Es folgten EU-Krisengipfel. Immer neue Patienten gelangten auf die Euro-Intensivstation: Portugal, Spanien und Irland. Kurz vor der Pleite Zyperns wurden Sparer auf der Insel teilenteignet. „Die Leute haben sich fast an die schlechten Nachrichten gewöhnt“, sagt Ganß. Die Krise hat sich verfestigt, ist Dauerzustand. Schleichend wächst das Misstrauen und macht den Wertklassiker Gold begehrlicher. „Insgeheim hatte ich ein bisschen Sorge, dass die Leute nach dem Preissturz beim Gold verunsichert sind“, sagt Ganß.
Er sorgte sich ohne Grund. Wie beim Konkurrenten Exchange ordern die Leute edle Metalle. Gern auch Silber, vor allem aber Gold. Berlin, erzählt Ganß, sei die Filiale mit den meisten Kunden. Zwischen 9000 und 11.000 Euro geben die Kunden bei Pro Aurum im Durchschnitt aus, schätzt Ganß. Ursprünglich war er mal Edelmetallhändler bei der Bankgesellschaft Berlin. Doch dort wie bei vielen anderen Banken wurden die Abteilungen für Gold, Silber und Platin dicht gemacht. Hat sich nicht gelohnt.
Banken mischen kaum mit
Heute heißt es zum Beispiel bei der Berliner Sparkasse: „Gold wird von unseren Kunden eher selten nachgefragt.“ Für das Gros der Kunden spiele das Thema eine untergeordnete Rolle. „Vereinzelt ließ sich eine gewisse ‚zyklische‘ Korrelation zwischen Anlageinteresse in Gold und der Euro-Diskussion in den Medien wahrnehmen“, heißt es vom Vertrieb des Instituts. Und wenn doch jemand Barren oder Münzen will? „Kunden mit Interesse nach physischem Gold wird nach wie vor ein Erwerb über einen Spezialanbieter empfohlen“, teilt die Sparkasse mit. Edelmetall und klassische Filialbank – das sind mittlerweile zwei getrennte Welten.
„Die Leute wissen, dass Gold keine Zinsen bringt. Es geht um Sicherheit und langfristige Geldanlage“, sagt Ronny Splettstößer von Exchange. „Mit Gold haben die Menschen was in der Hand. Sie wollen Vermögen sichern, nicht Geld verdienen“, sagt Heiko Ganß von Pro Aurum. Beide Unternehmen, und das gilt für Edelmetallhändler generell, verdienen mit Angst und Unsicherheit infolge der Euro-Krise.
Noch vor wenigen Jahren als noch keine Bundeskanzlerin für die Vermögen der Deutschen öffentlich garantieren musste, war Gold ein völliges Nischenthema. Etwas für Menschen mit Hang zu Verschwörungstheorien. Für diese Menschen und für Senioren, die noch die Hyperinflation in Deutschland 1923 erlebt hatten, gab es vielleicht einen Grund, Gold zu erwerben. Für alle anderen im Grunde nicht. Das hat sich geändert, seitdem in der Politik über die Stabilität von Währungsräumen laut nachgedacht wird und es Zweifel am Kurs der Europäischen Zentralbank gibt.
Firmen bringen Geld
„Vor fünf Jahren, zu Zeiten der Lehman-Pleite, kamen vor allem Ältere, um Gold zu kaufen. Jetzt sind es längst alle Altersgruppen und alle Schichten“, sagt Splettstößer. Und Heiko Ganß hat beobachtet: „Seit einigen Monaten kommen auch Firmen zu uns, die ein Teil des Betriebsvermögens in Gold anlegen wollen.“ Solange die Eurokrise schwelt müssen sich Goldhändler nicht um ihr Geschäft sorgen.


