Bei einem Festakt mit Bundespräsident Joachim Gauck ist am Sonntag in Berlin an die Eröffnung des Notaufnahmelagers Marienfelde vor 60 Jahren erinnert worden. In der heutigen Erinnerungsstätte hob Gauck die Integrationsleistung der alten Bundesrepublik hervor, die bis 1989 neben vier Millionen DDR-Flüchtlingen auch die doppelte Anzahl an Vertriebenen, Hunderttausende von Aussiedlern und Millionen von ausländischen Arbeitskräften aufgenommen habe. „Viele von uns haben also im weiteren Sinne eine Migrationsgeschichte“, unterstrich Gauck. „Das sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir heute wieder über Flüchtlinge und Zuwanderer sprechen.“

Das am 14. April 1953 eröffnete zentrale Notaufnahmelager Marienfelde stehe symbolisch für das, was Menschen auf sich nehmen, um ein freieres, selbstbestimmteres Leben zu leben und gleichzeitig für die Solidarität derer, die solche Freiheit schon genießen, sagte Gauck weiter. Zudem gemahne das Lager daran, dass auch heute überall auf der Welt Menschen auf der Suche nach einem rettenden Hafen sind, der Rechtsstaatlichkeit und ein Leben in Freiheit bietet.

Migration als Chance wahrnehmen

Der Bundespräsident sprach sich dafür aus, die Migration von Asylsuchenden und Flüchtlingen nach Deutschland als Chance wahrzunehmen. Statt zu überlegen, wie Flüchtlinge abgewehrt werden können, sollten lieber danach gefragt werden, was sie können und wo ein möglicher Gewinn für beide Seiten besteht, sagte Gauck.

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) betonte die Symbolik Marienfeldes als Ort der Hoffnung und Tor zur Freiheit. Auch heute sei das Haus unverzichtbar, denn hier fänden Flüchtlinge und Asylbewerber eine Bleibe, während sie das Asylverfahren durchlaufen. „In den 60 Jahren seines Bestehens ist das Haus seiner Symbolkraft für ein besseres Leben in Frieden und Freiheit mehr als gerecht geworden“, bilanzierte Henkel.

Auch für ihn und seine Familie sei Marienfelde nach der Ausreise aus der DDR im April 1981 die erste Adresse in der Freiheit. gewesen „Hier begann für meine Eltern und für mich, nur wenige Kilometer von unserer Wohnung in Berlin-Mitte entfernt, das Abenteuer Bundesrepublik Deutschland “, sagte Henkel.

Neben den beiden Politikern kamen während des Festaktes auch Zeitzeugen zu Wort, deren Lebensschicksale unter anderem auch in der Dauerausstellung der Erinnerungsstätte dokumentiert sind. Zudem gab es eine Theateraufführung, die ebenfalls auf Zeitzeugenberichten basierte.

Bis zum Mauerbau war West-Berlin das einzige Schlupfloch

Die Eröffnung des Lagers 1953 durch den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss und Berlins Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter (SPD) wurde bereits seit Donnerstag mit einem umfangreichen Jubiläumsprogramm begangen. Insgesamt passierten bis 1990 1,35 Millionen DDR-Flüchtlinge sowie von 1962 bis 2010 rund 96.000 Aussiedler das Übergangslager. Heute gehört die Erinnerungsstätte neben der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße zur Stiftung Berliner Mauer.

Mit der Einrichtung des zentralen Notaufnahmelagers reagierte die Bundesrepublik damals auf den steigenden Zustrom von Flüchtlingen aus der DDR nach West-Berlin. Nach der Schließung der innerdeutschen Zonengrenzen im Jahr 1952 blieb West-Berlin bis zum Mauerbau 1961 das einzige Schlupfloch in den Westen.