Zu wenig Berliner Familien sind bereit, ein Pflegekind bei sich aufzunehmen. Vor allem in den Bezirken Neukölln und Lichtenberg fehlen Pflegefamilien, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab. Immer mehr Berliner Kinder könnten nicht bei ihren eigenen Eltern aufwachsen, sagte Angelika Nitzsche vom Arbeitskreis „Familien für Kinder“.

Dies ist der Fall, wenn Eltern ihre Kinder vernachlässigen oder gar verwahrlosen lassen – zum Beispiel, weil sie selbst psychisch krank oder drogenabhängig sind. Da es in den vergangenen Jahren immer wieder aufsehenerregende Fälle gab, schreiten die Jugendämter mittlerweile schneller ein als früher, so Nitzsche. Nach Angaben von Katrin Gaffron vom Kinder- und Jugendhilfe-Verbund Berlin-Brandenburg werden vor allem für Kleinkinder dringend Pflegeeltern gesucht.

In Berlin lebten derzeit etwa 2700 Kinder in Pflegefamilien, sagte ein Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Diese Zahl sei seit Jahren relativ konstant.

Besonders schwierig ist die Kurzzeitpflege

Die Suche nach Pflegepersonen gestaltet sich schwierig. Viele potenzielle Pflegeeltern wollten dauerhaft Kinder bei sich aufnehmen, sagte Nitzsche. Anders als bei der Adoption gebe es dafür jedoch keine rechtliche Sicherheit. Es bestehe immer das Risiko, dass die leiblichen Eltern ihre Kinder doch irgendwann zurückholen wollen. Auch wenn nur etwa fünf Prozent der leiblichen Eltern tatsächlich vor das Familiengericht zögen, sei dies ein Stressfaktor.

Besonders schwierig ist die Suche nach Eltern für die Kurzzeitpflege. Diese müssen in der Lage sein, kurzfristig, zum Teil noch am selben Tag, einzuspringen und die oftmals sehr kleinen Kinder auch tagsüber zu betreuen.

Die Betreuung eines Pflegekindes sei eine große Herausforderung, sagte Gaffron. Auch Nitzsche sagte, Pflegekinder seien immer „Überraschungspakete“. Man wisse nie, was sie in ihren Herkunftsfamilien alles erlebt hätten. Häufig äußere sich dies in Verhaltensauffälligkeiten. Auch der Förderbedarf sei hoch. Bei vielen Kindern sei die Sprachfähigkeit unterentwickelt.

Auch Homosexuelle und Migranten als Pflegeeltern

Als Pflegeeltern kommen in Berlin auch unverheiratete oder gleichgeschlechtliche Paare sowie Einzelpersonen in Betracht. Auch Menschen mit ausländischen Wurzeln würden als Pflegefamilien gesucht, sagte Thorsten Metter von der Senatsverwaltung. Alle müssten aber ein gesichertes Einkommen haben und ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Zudem müssten sie bereit sein, mit den leiblichen Familien der Kinder und dem Jugendamt zusammenzuarbeiten.

Jeder Berliner Bezirk verfügt über einen eigenen Pflegekinderdienst. Regelmäßig werden Informationsabende und Seminare für Interessierte veranstaltet. Die Situation künftiger Pflegeeltern wird intensiv überprüft. Die Pflegeeltern sind zum Besuch von speziellen Kursen verpflichtet.

Die Abbruchquote sei aufgrund des aufwendigen Verfahrens im Vorfeld gering, berichten die Experten. Der Familie steht zudem immer ein Berater des Kinderdienstes zur Seite, so dass Schwierigkeiten von Beginn an ausgeräumt werden können.

Sollte es dennoch nicht klappen, werden die Kinder in ein Heim überwiesen. Auch dort bemühe man sich jedoch, eine sogenannte familienanaloge Betreuung in kleinen Gruppen zu schaffen, so Nitzsche. Die Entwicklungschancen der Kinder seien in Pflegefamilien allerdings sehr viel besser.

dpa/oje