23.01.13

Arbeitslose erfunden

Mitarbeiterin betrügt Berliner Jobcenter um 280.000 Euro

Im Jobcenter Friedrichshain-Kreuzberg hat nach Informationen der Berliner Morgenpost eine Mitarbeiterin in großem Stil Geld veruntreut.

Foto: dpa

Betrug: Die Taten der Mitarbeiterin des Jobcenters blieben neun Monate lang unentdeckt
Betrug: Die Taten der Mitarbeiterin des Jobcenters blieben neun Monate lang unentdeckt

Im Berliner Jobcenter Friedrichshain-Kreuzberg hat eine Mitarbeiterin in großem Stil Geld veruntreut und auf ihr eigenes Konto überwiesen. Es bestehe der Verdacht auf Betrug und Untreue, bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Frau hat nach dem bisherigen Stand Arbeitslose mit dazu gehörigen Leistungsvorgängen erfunden und die Beträge auf ihr eigenes Konto geleitet.

Der Schaden für das Jobcenter betrage 280.000 Euro. Betrugsfälle in dieser Größenordnung in einem Jobcenter sind nach Aussage der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit bisher nicht bekannt.

Tatjana E. war in der Leistungsabteilung tätig, wo sie Zugang zu Geld des Bundes und der Kommune hatte. Zwischen Februar und November 2012 hat die junge Frau zahlreiche Leistungsvorgänge erfunden und sich die Beträge selbst angewiesen.

Aufgeflogen ist sie durch ein "Zusammenspiel vieler Faktoren", wie es Jobcenter Geschäftsführer Stephan Felisiak mit Rücksicht auf die noch laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft umständlich ausdrückt.

Betrug blieb neun Monate lang unentdeckt

Die Strafverfolgungsbehörde hatte die Frau nach eigenen Angaben zeitweise in Untersuchungshaft genommen, derzeit sei sie aber wegen ihres labilen psychischen Zustandes von der Haft verschont. Sie ist nach Informationen der Berliner Morgenpost eine Mitarbeiterin der Arbeitsagentur. Die Agentur stellt zusammen mit dem Bezirk die Belegschaft für die gemeinsam betriebenen Jobcenter.

Die Aktivitäten der Frau waren zwischen Februar und November vergangenen Jahres immerhin neun Monate unentdeckt geblieben. Stephan Felisiak, der Geschäftsführer des Jobcenters in der Kreuzberger Rudi-Dutschke-Straße, kann sich diesen langen Zeitraum nur mit der "großen kriminellen Energie" der Täterin erklären.

Grundsätzlich herrsche für Geldausgaben des Jobcenters das Vier-Augen-Prinzip. Das heißt, es sind immer zwei Kollegen eingebunden, wenn Zahlungen angewiesen werden.

Zudem würden automatisch nach einem Zufallsprinzip einzelne Zahlungen überprüft. Dieses Auswahl-System laufe automatisch und sei nicht manipuliert oder beeinflusst worden. Wegen dieser Überwachungsmechanismen sei es nicht möglich, dauerhaft Geld zu veruntreuen, ist der Jobcenter-Chef überzeugt.

Geschäftsführung reagierte sofort

"Das Ganze hätte auch viel früher auffallen können", sagte Felisiak. Ein solches Vorgehen werde "nie unentdeckt bleiben", versichert der Geschäftsführer: "Aber wenn Sie großes Glück haben, läuft es etwas länger." Dunkelziffern seien ja grundsätzlich nie bekannt, aber ein solcher Fall sei ihm noch nie begegnet. Das sei die "absolute Ausnahme".

Flächendeckende Kontrollen aller Zahlungen seien nicht machbar. Das Jobcenter mit seinen 700 Mitarbeitern erteile jedes Jahr rund 100.000 Bewilligungsbescheide etwa für den Hartz-IV-Regelsatz oder für Einmalzahlungen wie für Mietschulden oder Wohnungsausstattungen.

Wie genau die Behörde auf die Unregelmäßigkeiten aufmerksam wurde, will Felisiak nicht sagen und verweist auf das schwebende Verfahren. Als der Fall aufgeflogen war, habe die Geschäftsführung sofort reagiert und der Mitarbeitern fristlos gekündigt. Ob das Jobcenter die 280.000 Euro wieder bekommt, kann Felisiak ebenfalls noch nicht bestätigen.

Ansprüche seien jedenfalls angemeldet, versichert der Chef. Er wisse aber nicht, ob das Geld auf dem Konto der Ex-Mitarbeiterin sichergestellt werden konnte. Auch über die Motivation der früheren Mitarbeiterin sei Felisiak ebenfalls nichts bekannt.

Schlamperei der Jobcenter nicht ausgeschlossen

Eine Kennerin der Jobcenter-Organisation wie die Arbeitsmarkt-Expertin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Sabine Bangert, wundert sich dennoch über den Fall. Zwar müsse die Täterin mit großer krimineller Energie vorgegangen sein, sagte Bangert:

"Aber Jobcenter müssen sich schon Gedanken machen, ob ihre Sicherheit richtig organisiert ist und ob ihr Controllingsystem funktioniert." Bangert will nicht ausschließen, dass die Jobcenter bei der Kontrolle auch schlampen.

Eigentlich müsse jeder Auszahlung eine Fallakte zugrunde liegen, die die Betreuer für den jeweiligen Leistungsempfänger anlegen müssen, sagt die Abgeordnete, die sich seit Jahren erst als Referentin und jetzt als Volksvertreterin mit dem Thema befasst. Und wenn es einen Fall gebe, müsse diese Person auch eingeladen werden, im Jobcenter vorstellig zu werden. Sie müsse eine Eingliederungsvereinbarung abschließen, in der sie sich zu bestimmten Aktivitäten verpflichtet, um ihre Lage zu verbessern und einen Job zu bekommen.

Die Leistungsabteilung, in der die Frau arbeitete, sei nie allein mit einem Fall befasst. Um eine derart große Summe wie 280.000 Euro abzuzweigen, müsse die Frau eine Vielzahl von fiktiven Personen erfunden haben, glaubt die Expertin. Denn die einzelnen Überweisungen an die Arbeitslosen lägen ja selten über ein paar Hundert Euro.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
Die dänische Sängerin Emmelie de Forest hat den ESC gewonnen
08:29Malmö 2013
Eurovision Song Contest - Dänin vorn, Deutschland enttäuscht

Emmelie de Forest war die Favoritin der Buchmacher, und gewann mit ihrem Hippie-Chic tatsächlich den Eurovision Song Contest. Deutschland stürzt mit Euro-Trash-Klängen von Cascada auf Platz 21 von 26. mehr...

Hertha BSC
18.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Sonntag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Sonntag, den 19. Mai. mehr...

-
18.05.13Kreuzberg
Karneval der Kulturen 2013 in Berlin – Alles was Sie wissen müssen

Der Karneval der Kulturen hat mit dem obligatorischen Straßenfest am Blücherplatz begonnen. Höhepunkt ist wieder der große Umzug am Pfingstsonntag. Infos zum Fest und die Übersicht der Straßensperrun… mehr...


Flughafenchef Hartmut Mehdorn will den Airport Tegel bis 2018 offen halten und den BER etappenweise ans Netz gehen lassen. Mit seinen Plänen sind nicht alle Gesellschaftler zufrieden
07:22Hauptstadtflughafen
Was die Aufsichtsratsmitglieder von Hartmut Mehdorn halten

BER-Chef Mehdorn hat sich mit seinen neuen Hauptstadtflughafen-Plänen wenig Freunde gemacht. Besonders die Tatsache, dass er Tegel bis 2018 offen halten will, stößt vielen Politikern sauer auf. mehr...

Leser-Kommentare 3 Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Parlament Bundestag debattiert über Atommüllendlager
Cannes Emma Watson spielt Kriminelle in Coppolas Film
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großeinsatz

Feuer in Berliner Autowaschanlage

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote