Kurznachrichten

Wie die Berliner Abgeordneten Twitter nutzen

Wer, wie und mit wem? Morgenpost Online hat 60.000 Tweets von Berliner Abgeordneten analysiert - in einer interaktiven Grafik.

Jeder kann jedem Nachrichten aufs Handy schicken - auch ohne die Telefonnummer des anderen zu kennen. Und die ganze Welt kann mitlesen. Dafür muss man nur beim Kurznachrichtendienst Twitter angemeldet sein - mehr als jeder Dritte der 149 Berliner Abgeordneten ist das bereits.

Auch wenn Twitter im Vergleich zu anderen Ländern in Deutschland noch von eher wenigen Menschen genutzt wird, steigt die Zahl der Anmeldungen täglich. Immer mehr Fußballspieler, Musiker und Schauspieler haben bei Twitter ein Profil, geben dort Einblicke in ihr Leben und kommunizieren direkt mit ihren Followern (Abonnenten). Dieser direkte Kontakt, die Möglichkeit, jeden auf Twitter direkt anschreiben zu können, ist einer der großen Reize des Kurznachrichtendienstes.

Auch die Zahl der twitternden Politiker steigt – und zwar nichtnuraufBundesebene, sondern auch in der Berliner Landespolitik. 61 Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses sind angemeldet. Im Durchschnitt sind sie 39,9 Jahre alt und männlich (47 Männer, 14 Frauen). Fast alle nutzen den Dienst regelmäßig – und das quer durch alle Fraktionen.

"Twitter ermöglicht einen schnellen Gedankenaus- und auch Schlagabtausch mit Politikern anderer Fraktionen zu aktuellen Themen", findet der aktivste Twitterer der Berliner CDU, Alexander J. Herrmann (Twittername: @A_J_Herrmann).

Stark zugespitzte Debatten

Tatsächlich teilen die Politiker in den öffentlichen Debatten ganz gut aus. So diskutierten etwa Benedikt Lux (Grüne, @bene_lux, erster Tweet: "checking out twitter") und Sven Kohlmeier (@KohlmeierSPD, SPD, Twitter-Profil wurde von Piraten eingerichtet) jüngst scharf über massenhafte Funkzellenabfragen in Berlin:

Auch werden fraktionsinterne Debatten über Twitter öffentlich ausgetragen. So wies Piraten-Fraktionschef Andreas Baum (@rka) Gerwald Claus-Brunner (@RealDeuterium) nach dessen Äußerung über Twitter, die Frauenquote sei ein "Tittenbonus" (Tweet mittlerweile gelöscht), zurecht:

Sven Kohlmeier zählt zu den aktivsten Twitterern seiner Fraktion. Er sieht den Vorteil des Dienstes darin, "schnell darauf reagieren zu können, wenn Unwahrheiten oder Halbwahrheiten verbreitet werden". Die Schnelligkeit und die Prägnanz der Kurznachrichten schätzt auch die Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses Anja Schillhaneck (@A_Schillhaneck, Grüne). "Die Begrenzung auf 140 Zeichen erfordert eine starke Zuspitzung." Für vertiefte Debatten sei Twitter allerdings das falsche Medium.

Redner werden live kommentiert

Die Abgeordneten twittern von überall: aus ihrem Wahlkreis, vom heimischen Sofa, aus Ausschüssen, aus dem Parlament (dann meist mit dem Hashtag (Stichwort) #agh). Letzteres empfindet Parlamentspräsident und Nicht-Twitterer Ralf Wieland (SPD) als Unsitte: "Als Redner muss ich damit rechnen, live kommentiert zu werden, ohne mich einmischen zu können. Das ist ein respektloser Umgang mit dem Redner und widerspricht der parlamentarischen Debattenkultur." Ihn stört die zunehmende Vertiefung vieler Abgeordneter in ihre Laptops und Smartphones.

Bürgerkontakt auf anderen Wegen

Dabei ist Twitter mehr als ein digitaler Showkampf. Politiker können sich mit dem Dienst direkt an ihre Wähler wenden und umgekehrt. Der Dienst verringert die Distanz zwischen Bürgern und Politikern. Bürgeranfragen kommen über Twitter in der Regel allerdings keine, sagt Schillhaneck. "Twitter ist überhaupt nicht das Format für qualifizierte Antworten auf Bürgerfragen." Den digitalen Kontakt zu ihren Wähler hält sie vor allem per E-Mail. Für Heiko Melzer (@HeikoMelzer, CDU) kann kein Tweet "das persönliche Gespräch und die Präsenz im Kiez ersetzen."

Für Piraten-Fraktionschef Christopher Lauer (@Schmidtlepp), der die meisten Follower aller Abgeordneten hat, ermöglicht Twitter "im begrenzten Umfang eine Gegenöffentlichkeit herzustellen." Und die besteht aus mindestens 70.000 Menschen, die die Kurznachrichten der Berliner Abgeordneten zumindest mitlesen. Ein Großteil bleibt dabei jedoch passiv und greift nicht selbst in die Debatte ein.

60.000 Tweets ausgewertet

Von diesen 70.000 Lesern beteiligen sich rund 3000 direkt an den öffentlichen Debatten mit den Abgeordneten. Das ergab die Auswertung von rund 60.000 Tweets*. In der Grafik werden diese 3000 Gesprächspartner als blaue Punkte dargestellt. Die Abgeordneten selbst werden als Punkte in ihrer Parteifarbe - je größer, desto häufiger kommunizieren sie - dargestellt. Die Verbindungslinien zeigen, mit welchen Abgeordneten die 3000 Nutzer in direktem Kontakt standen.

Innerer Kreis aus politischem Umfeld

Je näher sich ein Punkt in der Mitte des Netzwerks befindet, desto häufiger stand derjenige im direkten Kontakt mit verschiedenen Abgeordneten. Sieht man sich diese "innere Wolke" genauer an, wird klar: Die Abgeordneten unterhalten sich einerseits untereinander über die Fraktionsgrenzen hinweg. Und andererseits vor allem mit Menschen aus dem weiteren politischen Umfeld. So befinden sich dort vorwiegend Anhänger der Piratenpartei, andere Politiker aus Bund und Ländern sowie Aktivisten, Blogger und Journalisten.

Im Gegensatz dazu zeigt die Grafik aber auch, dass sich viele Abgeordneten überhaupt nicht an diesen öffentlichen Debatten beteiligen. So etwa Dennis Buchner (@dennis_buchner, SPD): "Ich finde es schwierig, Botschaften und Kommentare immer auf 140 Zeichen zu begrenzen." "Mir fehlt einfach die Zeit für Twitter", findet Katrin Schmidberger (@schmidberger, Grüne).

Die Mehrheit der Berliner Abgeordneten twittert überhaupt nicht. Dazu zählt Klaus Lederer. In seinen Augen hat Twitter aber "in den letzten Monaten und Jahren an Bedeutung für die politische Kommunikation gewonnen". Deswegen wird er in Kürze das Profil @klauslederer übernehmen. Ralf Wieland hingegen hofft, "dass möglichst viele Abgeordnete möglichst schnell erkennen, dass der Aufwand, sich in dieser Parallelwelt zu bewegen, in keinem Verhältnis zum inhaltlichen 'Output' steht".

Für Alexander J. Herrmann steht fest: Kein Politiker sollte twittern, nur weil es von ihm erwartet wird. "Sonst wirkt das ganze verkrampft."

Um das Twitter-Netzwerk der Berliner Abgeordneten genauer zu erkunden, navigieren Sie durch die interaktive Grafik, die Sie auch im Vollbild-Modus aufrufen können. Ziehen Sie weitere Erkenntnisse aus der Grafik? Teilen Sie sie uns bitte in den Kommentaren mit.

Die aktuellen Tweets der Abgeordneten

* Es wurden die jeweils letzten 3200 Tweets der Abgeordneten ausgewertet. Das ist eine Beschränkung von Twitter. Es handelt sich also um einen Ausschnitt der Aktivitäten. Folgende Abgeordnete haben mehr als 3200 Tweets abgesetzt: Alexander Morlang, Andreas Baum, Christopher Lauer, Heiko Herberg, Martin Delius, Simon Kowalewski, Simon Weiß, Gerwald F. Brunner, Oliver Höfinghoff (alle Piraten) und Anja Schillhaneck (Grüne). Mehrere Piraten verfügen über zwei Accounts. Für die Grafik wurde jeweils das offizielle Profil ausgewertet. Die Grüne Abgeordnete Sabine Bangert twittert zwar unter @SabineBangert - hat ihr Profil aber geschützt. Hakan Tas, Anja Kofbinger und Birgit Monteiro haben zwar Twitter-Profile, bisher aber noch keinen einzigen Tweet abgesetzt. Bei der Umsetzung der Grafik hat Marco Maas geholfen. Vielen Dank.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter