Neues Buch

In Neukölln trifft Heinz Buschkowsky auf die Realität

Neuköllns Bürgermeister hat ein Buch geschrieben über seinen Bezirk. Morgenpost Online hat seine Thesen bei einem Kiez-Rundgang überprüft.

Foto: Paul Zinken / dapd

Heinz Buschkowsky blickt am Mittwochabend gegen 20 Uhr auf den Hermannplatz herab, sein Kopf ist übermenschlich groß, sein Gesicht gut ausgeleuchtet, der Mund leicht geöffnet, als werde er gleich beginnen zu reden.

Der Neuköllner Bezirksbürgermeister ist auf einem großen Plakat im Schaufenster von Karstadt abgebildet, unter seinem Bild liegen Bücher aus Holz, die echten Werke werden wohl erst ab dem heutigen Freitag dort liegen, wenn sein Buch erscheint.

Da, wo sein gestreifter Schlips beginnt, steht in gelber leuchtender Schrift: "Neukölln ist überall". Darunter wird für seine Lesung geworben, die am 4. Oktober stattfinden wird – in der Urania in Tiergarten. Eintritt sechs Euro, ermäßigt fünf.

Fabian Friedmann und Regina Lechner bleiben vor dem Schaufenster stehen. Sie haben von seinen Thesen vorab in der Zeitung lesen können und wollen heute ihr Neukölln zeigen. Die beiden kennen sich im Kiez aus, betreiben seit eineinhalb Jahren die Internetseite "neukoellner.net", ein Nachrichtenportal von und für Neuköllner. Sie wollen Geschichten erzählen, die es nur selten in die Zeitung schaffen, von strickenden Türkinnen, engagierten Kiezmüttern und von Menschen, die sich dafür einsetzen, dass der Bezirk lebenswerter wird.

Außerdem versuchen sie seit ihrer Gründung, mit Heinz Buschkowsky zu sprechen. Jetzt wird das wohl schwieriger, denn der Mann wird wegen seines Buches viel erklären müssen, und deshalb wohl keine Zeit für ein solches Gespräch haben.

Ein unterhaltsames Buch über ein ernstes Thema

Doch zunächst: Es ist ein sehr unterhaltsames Buch über ein sehr ernstes Thema geworden. 400 Seiten mit vielen Zahlen und Fakten über Neukölln, die der Talkshow-erfahrene Politiker mit seinem typisch lockeren und teils polemischen Ton so aufbereitet und mit Anekdoten angereichert hat, dass sie zusammen ein alarmierendes Bild von Neukölln zeichnen.

Es geht um Parallelgesellschaften, um Deutsche, die von Arabern bedroht werden, um Polizisten, die sich in einige Gebiete nicht mehr trauen und um Jugendliche, die keine Vorstellung von ihrer Zukunft haben. Buschkowsky bietet auch Lösungen an, viele sind radikal.

Bei einem abendlichen Spaziergang sollen einige seiner Thesen überprüft werden. Die Kiez-Kenner Fabian Friedmann und Regina Lechner können dabei helfen, wie der Polizeidirektor Jens Splettstöhser und der Quartiermanager Gilles Duhem. Sie teilen Ansichten des Bezirksbürgermeisters.– manchmal widersprechen sie ihm.

"Das hier ist auch Neukölln"

Die beiden Kiezjournalisten verabreden sich für den Spaziergang am Weichselplatz. Die Weserstraße mit ihren Bars ist nicht weit, auf dem Skaterplatz springt eine junge Muslima mit Kopftuch mit Rollerskates über Hindernisse. "Das hier ist auch Neukölln", sagt Fabian Friedmann. "An diesem Spielplatz muss sicher niemand eine Gebühr an Jugendliche zahlen, um herzukommen."

Er wundert sich, das Buschkowsky in seinem Buch besonders Nord-Neukölln als problematisch einführt, aber die vielen positiven Entwicklungen unterschlägt. "Wir haben dort vorn in einem Haus einen Mann interviewt, der seit 40 Jahren hier wohnt", sagt er, "der sagte uns, dass er vor zehn Jahren hier ungern die Straße entlanglief." Heute werde er viel öfter mit schwäbischem Dialekt gefragt, wo das "Ä" sei, eine Kneipe. Regina Lechner: "Das gibt es nebeneinander."

Doch auch die beiden wissen, wo es gleichzeitig schwierig wird. Friedmann hat sich mehrere Monate lang Polizeimeldungen über seinen Bezirk täglich angeschaut. "Da überfallen 15-Jährige eine Apotheke", sagt er. "Das ist schon krass." Regina Lechner ist auf ihrem Fahrrad vor einer Woche bespuckt worden, weil sie bei Grün über die Ampel fuhr – und eine Gruppe von Migranten dadurch behinderte, bei Rot zu gehen.

Während sie das erzählt, wird sie von Fahrradfahrern überholt, die auf dem Bürgersteig fahren. Das ist wegen des Kopfsteinpflasters", sagt Lechner. Buschkowskys These, in Neukölln gelten andere Verkehrsregeln, bestätigt sich in dieser Gegend – ebenso wie der nachlässige Umgang mit öffentlichem Raum: Müll auf dem Fußweg, Graffitis an jeder zweiten Hauswand.

Ein resoluter Quartiermanager

Wenn der Geschäftsführer vom Hilfsprojekt Gilles Duhem jemanden dabei beobachtet, wie er Müll auf die Straße wirft, wird er zu Furie. Das sagt er so und wer ihn kennt, glaubt ihm jedes Wort. Der 45-jährige Franzose hat schon im Libanon mit Jugendlichen gearbeitet und hat sich in den vergangenen zehn Jahren in Neukölln als resoluter Quartiermanager einen Namen gemacht. Seinen Sätzen hört man das Ausrufezeichen an. Wenn ein Junge in seinem Büro das Wort "wegen" statt "weil" benutzt, ruft er laut "KEIN WEGEN!" Er macht das auch dreimal in der Minute.

Duhem mag Heinz Buschkowsky nicht, er hält sein Auftreten für zu autoritär, ist auch schon mit ihm öffentlich aneinandergeraten, aber auf dessen Thesen angesprochen, sagt er – gewohnt laut und deutlich: "Herr Buschkowsky! Hat! Mit jedem! Wort! Recht!" Er habe mit so vielen Jugendlichen zu tun, die nicht lesen können, die nicht wissen, wo man eine Briefmarke auf den Brief klebt, die nicht einmal so etwas wie einen Termin einhalten können. "Das einzige, was diese Menschen motiviert, sind Kürzungen ihrer Leistungen."

Kein Unterschied zwischen Deutschen und Migranten

In seinem Schülerladen, der unter anderem Nachhilfe für Kinder organisiert, habe er viele Eltern getroffen, die ihre Kinder nicht erziehen können, die niemals gearbeitet haben und trotzdem immer mehr einfordern. Er mache da – ebenfalls wie Buschkowsky in seinem Buch an einigen Stellen – keinen Unterschied zwischen Deutschen und Migranten.

"Das einzige was diesen Menschen hilft, ist: Kon! Se! Quenz!" So sollten Kinder in Kindertagesstätten und Ganztagsschulen auf Deutsch gefordert und gefördert werden, sie sollten auch im Umgang mit der Polizei sofort Sanktionen spüren – ähnlich wie es die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig forderte, die Buschkowsky mehrfach in seinem Buch zitiert. Gilles Duhem stimmt zu: "Sie brauchen vor allem klare Strukturen – Gammelei darf es nicht geben." Trotzdem sagt er, sei Neukölln viel weiter als sein Heimatland Frankreich. "Hier gibt es mehr Projekte – aber sie werden noch zu wenig unterstützt." Sein eigenes, die "Morus 14", wird er zum 1. Oktober verlassen. "Wie haben keine Finanzierung, wir haben alles versucht, aber es hat nichts geholfen." Wie die Hilfe für rund 120 Schüler weitergehen soll, ist offen.

Vorbei am "Kindl Eck"

Fabian Friedmann und Regina Lechner sind inzwischen an der Weserstraße angekommen. An der Ecke zur Weichselstraße ist die Tür zu einem ausgeräumten Geschäft noch geöffnet. Am Eingang steht "Kindl Eck". Ein Türke kommt heraus und sagt, dass hier bald ein "internationaler Feinkostladen" eröffne. Er wolle hochwertiges Essen anbieten. "Spätis" mag er nicht. "Jetzt, wo die Spanier und Italiener hier wohnen, ist das genau richtig." Er mag, wie der Kiez sich verändert habe und zu Buschkowsky sagt er: "Wer ist das? Ich wohne seit 35 Jahren hier, Politiker kenne ich nicht." Beim Abschied sagt er zu den Neukoellner.net-Reportern: "In einem Monat ist Eröffnung – kommt vorbei!"

Nur eine Querstraße weiter stehen die beiden mitten auf der Sonnenallee, zwischen den viel zitierten Spielhallen gibt es türkische Restaurants und arabische Shisha-Bars, schräg gegenüber auch: Ein Bioladen. Es ist diese Mischung, die viele anzieht, Arme und Reiche, Gebildete und Ungebildete. Die beiden befürchten, dass Buschkowskys Buch die Stigmatisierung von Migranten weiter vorantreiben könnte. "Er schreibt zwar im Vorwort des Buches, er wolle nicht alle über einen Kamm scheren", sagt Friedmann, "aber 200 Seiten später ist eben doch von 'den Arabern und den Libanesen' zu lesen."

Kriminalität lässt sich eher erahnen

Mit einem libanesischen Chicken-Sandwich im Pita-Brot geht es weiter Richtung Hermannplatz. Sie laufen an Männern vorbei, die in dicken Autos in zweiter Reihe parken, rauchen und auf etwas warten. Kriminalität, da sind sich beide mit Buschkowsky einig, lässt sich hier eher erahnen, zum Beispiel dann, wenn 18-Jährige mit einem schwarzen Mercedes vorfahren. "In der Linie U8 ist es schon verwunderlich, wie offen mit Drogen gedealt wird." Klar, sagt Lechner, wäre das auch einmal ein Thema für ihr Online-Magazin, aber wie sollte man an diese geschlossene Gesellschaft herantreten? Als ehrenamtliche Lokaljournalisten kommen sie da an ihre Grenzen.

Ebenso wie die Polizei, wie der Polizeidirektor Jens Splettstöhser, Leiter des Neuköllner Polizeiabschnitts 56, zugibt. "Dieser Handelvorgang verteilt sich oft zum Teil auf mindestens sechs Personen", sagt er, "die alle genau wissen, welche Mengen sie mitführen dürfen, um nicht ins Gefängnis zu kommen." Es gebe immer wieder Einsätze und auch Erfolge, aber die Beweisführung bei dieser Straftat sei sehr schwierig. Splettstöhser ist seit 1995 mit fünf Jahren Unterbrechung in Neukölln im Einsatz. Er mag den Bezirk – und ist darin keine Ausnahme unter seinen Kollegen. "Die meisten Polizisten, die hier arbeiten, wollen nicht mehr weg", sagt er, das Gemeinschaftsgefühl sei unter den Kollegen hier sehr stark. "Aber gleichzeitig ist es schwierig, Leute davon zu überzeugen, hier zu arbeiten."

Das wiederum macht der Polizist auch an dem schlechten Ruf von Neukölln fest, den Buschkowskys Buch zementiert. "Wenn er schreibt, dass sich Polizisten nicht mehr in einige Kieze trauen", sagt er, "dann übertreibt er." Es sei nicht so, dass man bestimmt Gegenden "aufgegeben" hätte. "Aber es stimmt, dass es gerade in den vergangenen Jahren häufiger zu Widerstand gegen die Polizei kommt, bis hin zur Gefangenbefreiung." Es komme häufiger vor, dass sich Täter gegen die Polizei auflehnen – "und dabei Unterstützung von Passanten erfahren". Vor allem das Thema der arabischen Großfamilien sei für ihn drängend und er werde jeden Tag daran erinnert, weil ein Mitglied dieser Familie direkt in der Nachbarschaft zu seinem Abschnittsgebäude wohne.

Integration nicht gescheitert

Generell aber sieht Polizeidirektor Splettstöhser anders als Buschkowsky das Thema Integration in Neukölln lange nicht als gescheitert an. "Ich freue mich jedes Mal", sagt er, "wenn ich einen jungen Araber oder Türken mit einem Kinderwagen sehe." Das sei für ihn das beste Zeichen dafür, dass man nicht nur der Macho-Kultur das Wort reden könne. Zudem findet er, dass seine Kollegen in Wedding häufig ganz ähnliche Geschichte wie die aus Neukölln erzählen. "Nur haben die offenbar nicht einen so charismatischen Bürgermeister, der ihren Bezirk auch bundesweit zum Thema macht."

Auch Regina Lechner und Fabian Friedmann laufen in Richtung Karl-Marx-Straße, vorbei an einer Kamera, die den Hermannplatz überwacht – und sagen, dass sie ihre Freunde und Verwandte immer wieder beruhigen müssen, dass ihr Leben hier nicht gefährdet sei. Sie wissen zwar von den Razzien in der Hasenheide, den abgesperrten Straßenzügen, den Drogen, der Prostitution, dem Menschenhandel, das sind Themen in dem Kiez. "Dort vorn", Fabian Friedmann zeigt auf ein Geschäft neben einer Tankstelle, "ist immer Silvester eine lange Schlange." Er meint das Traditions-Waffengeschäft auf der Karl-Marx-Straße. Neben Statuen von Eisbären und Dinosauriern gibt es Schweizer Messer, Beile und Gewehre. Jetzt, um 21 Uhr, ist es längst geschlossen. Günstige Pistolen kosten 79,90 Euro.

Abseits der Hartz-IV-Familien und Mafia-Strukturen

Nein, sie wollen nichts beschönigen, in ihrem Bezirk. Sie wollen nur darauf aufmerksam machen, dass es beide Seiten nebeneinander gibt, dass abseits der Hartz-IV-Familien und Arabischen Mafia-Strukturen ein Kiez entstanden ist, in dem sie sich wohlfühlen – und der voller Geschichten steckt. Aktuell planen sie ein Interview mit der Verkäuferin eines Discounters hier um die Ecke. Sie wird erzählen, wie das ist, wenn Jugendliche kommen, sich Dinge nehmen und beim Rausgehen sagen: "Wenn du die Polizei rufst – wir wissen wo du wohnst." Sie werden die Thesen von Heinz Buschkowsky weiter überprüfen.

Auf dem Rückweg zum Weichselplatz kommen Friedmann und Lechner an vielen Kneipen vorbei. Eine gehört dem Sänger der Rockband Mogwai, eine ist für St.-Pauli-Fans, eine dritte für die gehobene Mittelschicht. Fast alle mussten mehrfach eingeworfene Scheiben reparieren. Die Wut auf soziale Verdrängung erzeugt auch Kriminalität, nicht unbedingt von Migranten. Aber die Kneipen sind alle noch da, fast immer voll, viele Touristen. Kürzlich ertappte Fabian Friedmann drei britische Berlin-Besucher, wie sie in seinen Hauseingang urinierten. Er vermutet, dass es mit dem schlechten Ruf des Stadtteils zu tun habe: "Manche denken wohl: Wir sind in Neukölln, da ist es okay, sich schlecht zu benehmen."

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