Er hat viel zu tun, als Gastgeber für 10.000 Besucher. Paco Ragagales veranstaltet seit 1997 die Campus Party. Während des Interviews piept sein Handy, es erinnert an Termine. Plötzlich steht er auf und lächelt, er müsse wirklich los jetzt.

Morgenpost Online: Herr Ragagales, bitte in verständlicher Sprache: Was ist bisher das Ergebnis des größten Computer-Festivals Europas?

Paco Ragagales: Gestern sprach mich ein Brasilianer an. „Hey Paco“, sagte er, „ein Investor hat uns eine Million Dollar für unsere Idee gegeben, die wir damals auf der Campus Party entwickelt haben.“ Das besondere ist, dass Unternehmer, Techniker und Designer und Blogger gleichermaßen hierherkommen. Ich schätze, mindestens 100 neue Projekte werden entstehen, nur weil sich die Leute hier kennengelernt haben. Wir arbeiten auch an einer digitalen Agenda für Europa und haben fünf Ideen herausgefiltert, die wir der EU-Kommission präsentieren (siehe Kasten oben).

Morgenpost Online: Und für Sie persönlich?

Paco Ragagales: Hier sitzen Israelis, Palästinenser, Amerikaner und Inder an einem Tisch. Für mich ist das wichtigste, dass diese Menschen ohne Probleme miteinander arbeiten.

Morgenpost Online: Der Leitgedanke ist Open Source, also dass jeder seine Ideen teilt, weil am Ende alle davon profitieren. Ist es ein Widerspruch, dass Konzerne wie Microsoft auftreten, die ihre Technologien meist geheim halten?

Paco Ragagales: Das überrascht mich. Nur Deutsche stellen diese Frage. Woher kommt dieses Misstrauen? Probleme fangen doch immer damit an, wenn die Menschen nicht miteinander sprechen. Warum sollten große Unternehmen nicht hier mit der Community zusammenarbeiten, um die Welt zu verbessern?

Morgenpost Online: Vielleicht, weil Konzerne viel Geld verdienen könnten mit den Ideen der Teilnehmer.

Paco Ragagales: Microsoft hat auch als Start-Up angefangen, jetzt ist die Firma ein riesiger Arbeitgeber und Innovator. Aber klar, wenn große Unternehmen möglicherweise Dinge tun, mit denen unsere Teilnehmer nicht einverstanden sind, gerade dann ist der Austausch doch wichtig. Hier ist die Chance zu sagen: „Stopp, das gefällt mir nicht.“

Morgenpost Online: Was ist Ihre Zukunftsvision?

Paco Ragagales: Ich glaube nicht an Länder und Grenzen. Nicht mal an Europa, sondern an die Welt, das Sonnensystem. Wenn Menschen viel übereinander wissen und sich schätzen, wird es schwieriger für die Politik, Kriege anzufangen. Das ermöglicht die Technologie, an der wir arbeiten. Wenn ein Iraner mit einem Israeli per Video telefoniert, dann sehen beide: Auch auf der anderen Seite der Grenze haben die Menschen zwei Beine und Familien und keine Teufelshörner.

Morgenpost Online: 10.000 Besucher, wie schaffen Sie das?

Paco Ragagales: Unser Netzwerk besteht weltweit aus mehr als 100.000 Menschen. Die erreichen wir online. Und sie reisen weit, weil sie sich persönlich sehen wollen.

Morgenpost Online: Findet die Campus Party nächstes Jahr wieder in Berlin statt?

Paco Ragagales: Ja, wir wollen das unbedingt. Aber wir müssen schauen, ob es klappt. Ich habe mir viele Orte in Europa angeschaut, als ich den ehemaligen Flughafen sah, dachte ich: Das ist der Platz! Es wäre zwar einfacher, alles in einem Messezentrum stattfinden zu lassen. Aber Tempelhof hat Geschichte. Zu Zeiten der Luftbrücke wurde von hier die neue, freie Welt aufgebaut. Und jetzt sind wir hier und arbeiten an der Zukunft.

Morgenpost Online: Erhalten Sie genug Unterstützung von der Stadt?

Paco Ragagales: Ich wünsche mir noch mehr Unterstützung von den Politikern. Jetzt haben sie ja gesehen, was möglich ist. Die Stadt könnte uns zum Beispiel die Miete erlassen, in anderen Ländern hat das nämlich auch funktioniert.