Berliner Kultur

Umzug der Gemäldegalerie - Großer Streit um Alte Meister

Die Diskussion über den Umzug der Berliner Gemäldegalerie in den Neubau an der Museumsinsel erhitzt die Gemüter. Doch das Projekt wankt.

Besonders lebendig geht es rund um die Museumsinsel immer am Wochenende zu. Gut gelaunte Menschen, überwiegend Touristen, drängeln sich durch Marktstände am Kupfergraben. Bücher, Currywürste, alte Sammlerutensilien – es wird gestöbert, bestaunt, gegessen, gekauft. Viele schlendern dann über die Brücke hinüber auf die Museumsinsel ins Pergamonmuseum, vorbei an der riesigen Rotunde mit Yadegar Asisis Pergamon-Panorama. Andere verlaufen sich geradewegs ins Bode-Museum, aber es sind deutlich weniger Interessenten. Auch drinnen sind zwischen den vielen Skulpturen wohl mehr die Kenner unterwegs.

Das Bode-Museum mit seiner umfangreichen Skulpturensammlung ist jetzt aber wieder ins Gespräch gekommen. Ebenso ein Museumsneubau, der gleich gegenüber auf der Landseite entstehen soll. Noch stehen dort unauffällige, graue Verwaltungsbauten, an denen die Flohmarkt-Besucher achtlos vorbeilaufen. Aber das uneinsichtige Areal dahinter ist gerade zum Ärgernis auf Bundesebene geworden.

Die Diskussion über den Umzug der Gemäldegalerie Alte Meister, die derzeit auf dem Kulturforum am Potsdamer Platz untergebracht ist und nunmehr auf die Museumsinsel zurückkehren soll, ist das beherrschende kulturpolitische Streitthema dieses Sommers. Abwechselnd melden sich amtierende und frühere Museumsdirektoren, Kulturpolitiker, Kunsthistoriker und andere Interessenvertreter zu Wort. Es herrscht einige Verwirrung, wo denn nun welche Sammlung künftig hinsolle. Ein Vorschlag jagt den anderen.

Kulturstaatsminister Neumann zeigt sich überrascht

Einer, der mit dieser leidenschaftlichen Diskussion nicht gerechnet hatte, ist Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Der war überrascht worden vom heftigen Widerspruch auf seinen doch eigentlich gut gemeinten Vorschlag. Denn er wollte nur das tun, was ihn immer ausgezeichnet hat: Geld vom Bund besorgen, um damit die Wünsche von Kulturschaffenden erfüllen zu können.

Neumann, der auch in schwierigen Zeiten einen stetig steigenden Kulturetat im Bund vorweisen kann und damit ein klares Signal an die Länder und Kommunen sendet, die gern als erstes bei der Kultur sparen, hatte es im Juni geschafft, im Rahmen eines Nachtragshaushaltes, bei dem es eigentlich um die Auswirkungen der Eurokrise ging, zehn Millionen Euro für den Umbau der Gemäldegalerie auf dem Kulturforum locker zu machen.

Das war ein langjähriger Wunsch der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die die großen Museen der Stadt verwaltet. Neumann ist als Stiftungsratsvorsitzender gewissermaßen der oberste Aufseher dieser überwiegend vom Bund finanzierten, aber in Berlin ansässigen Einrichtung. Die Stiftung hat gerade ein Problem mit der Schenkung einer Bildersammlung– das wollte Neumann mit diesem zusätzlichen Geldgeschenk lösen. Und gleichzeitig, das war zumindest der Plan der Preußenstiftung, sollten die Weichen für das nicht unumstrittene Neubauprojekt gestellt werden: Der Erweiterung der Museumsinsel auf dem gegenüberliegenden Festland.

Die Strategie ging nicht auf

Der schnelle Coup scheint vorerst misslungen. Mittlerweile ist hinhaltend von Zeitplänen weit jenseits von 2018 die Rede. Die Kommunikationsstrategie ist nicht aufgegangen, die Diskussion brach zur Unzeit los. Ausgelöst hatte die eine CDU-Abgeordnete des Bundestages, die in Berliner Zeitungsredaktionen anrief, um freudig mitzuteilen, dass der Haushaltsausschuss gerade zusätzlich zehn Millionen für die Gemäldegalerie bewilligt habe.

Überrascht vom Zeitpunkt der Veröffentlichung waren sowohl der Kulturstaatsminister als auch die Preußenstiftung. Denn eigentlich wollte man den Erfolg selbst verkünden, wahrscheinlich bei einem gemeinsamen Pressetermin mit dem Sammlerehepaar Pietzsch. Jetzt aber gibt es eine zweiseitige Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Priska Hinz – Kulturstaatsminister Neumann bat für die Beantwortung um Fristverlängerung. Es scheint größeren Abstimmungsbedarf mit allen Beteiligten zu geben. Denn das ganze Projekt steht auf finanziell wackligen Füßen.

Nur auf den ersten Blick geht es um die Sammlung von Heiner und Ulla Pietzsch. Das Ehepaar will seine Werke, Schwerpunkt Surrealismus und abstrakter Expressionismus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz überlassen. Allerdings nur unter einer Bedingung: Die Bilder dürfen nicht im Depot verschwinden, sondern müssen ausgestellt werden. Ausstellungsorte dieser Größenordnung aber sind rar. Die Stiftung kann jetzt schon nur einen Teil ihrer Schätze ausstellen, ein Problem, das sie mit allen Kunstmuseen dieser Welt teilt, vielleicht mit Ausnahme des recht großzügig dimensionierten Museums in Tallinn – dort werden in der Dauerausstellung allerdings nur Werke estnischer Künstler präsentiert.

Preußenstiftung kam Schenkung sehr gelegen

Der Preußenstiftung kam die Schenkung nämlich sehr gelegen, um die Umsetzung des Masterplans endlich festzuzurren. Argumentativ kommt der Stiftung entgegen, dass auch die Sammlung der klassischen Moderne, die in der Neuen Nationalgalerie untergebracht ist, "seit Jahrzehnten immer nur in schmalen Ausschnitten gezeigt werden kann", wie Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, kürzlich sagte.

Diese Sammlung soll in der umgestalteten Gemäldegalerie erstmals vollständig präsentiert werden. Hinzu käme die Sammlung von Heiner und Ulla Pietzsch, die dort laut Parzinger "einen gebührenden Platz erhalten wird". Ergänzt würde diese "Galerie des 20. Jahrhunderts" durch Werke der Sammlung von Erich Marx aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die derzeit noch im Hamburger Bahnhof, dem Museum für Gegenwart, ausgestellt werden.

Dabei handelt es sich um Stücke von Joseph Beuys oder Andy Warhol, die zwar modern, aber nicht mehr zeitgenössisch sind. Mit dem Umbau der Gemäldegalerie könnte nach dem Zeitplan der Stiftung dank der Bundesmillionen 2014 begonnen werden, der Einzug der Neuen Meister wäre dann 2016 möglich.

Wohin mit den Alten Meistern?

Aber wohin mit den Alten Meistern, die noch gar nicht so lange in der Gemäldegalerie am Kulturforum untergebracht sind? Einem Bau, und das erklärt ein bisschen Protest der Kritiker, der Ende der Neunzigerjahre für immerhin 285 Millionen Mark errichtet wurde. Und zwar speziell für die darin ausgestellten Werke. Ein ausgeklüngeltes Beleuchtungssystem sorgt etwa dafür, dass die Werke von Rembrandt & Co ohne störende Lichtreflexe betrachtet werden können. Die Alten Meister sollen nach den Plänen der Preußenstiftung langfristig in dem Neubau gegenüber dem Bodemuseum eine neue Heimat finden.

Nun sind Bauprojekte in Berlin eine unsichere Angelegenheit. Verzögerungen bei der Sanierung der Staatsoper Unter den Linden, jüngst die Verschiebung der Eröffnung des neuen Berliner Großflughafens, lassen Zweifel an der zeitnahen Realisierung dieses Neubauprojekts aufkommen. Zumal für ein solches Großprojekt auch die entsprechenden Mittel bewilligt werden müssten. Angesicht der Eurokrise und der kommenden Haushaltsbremse, den Ausgaben für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldtforum und den aus Kostengründen längst zeitlich gestreckten Sanierungsmaßnahmen auf der Museumsinsel, immerhin ein Milliardenprojekt, bleibt der Neubau von rund 150 Millionen Euro ein wackliges Projekt.

Nachvollziehbar sind deshalb die Befürchtungen, dass die Alten Meister auf unabsehbare Zeit im Depot verschwinden könnten. Wilhelm von Boddien, der Initiator für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses, erinnerte in der Berliner Morgenpost an die grandiose Ausstellung des New Yorker Museums of Modern Art. Mit der Wanderausstellung hätte das MoMA, das damals gerade umgebaut wurde, viel Geld verdient. "Also macht Werbung für Berlin und schickt Bilder der Gemäldegalerie auf Wanderschaft durch Deutschland." Kulturstaatsminister Neumann hatte seinerseits vorübergehende Ersatzausstellungsorte wie das Kronprinzenpalais Unter den Linden vorgeschlagen.

Auswahl soll im Bode-Museum präsentiert werden

Um den Kritikern, die womöglich den Gesamtplan gefährden könnten, Wind aus den Segeln zu nehmen, soll eine größere Auswahl der Alten Meister im Bode-Museum präsentiert werden. Berlins Kulturstaatsekretär André Schmitz schwärmte angesichts dieser Pläne von dem Geist Bodes, der jetzt lebendig werden würde. Andere halten die gemeinsame Präsentation von Skulpturen und Gemälden für ein Modell von vorgestern.

Es sind manche Zungenschläge in dieser Diskussion, die Aufhorchen lassen. Beiläufig wurde etwa das noble Sammlerehepaar Pietzsch angegriffen, denn eigentlich seien doch nur eine gute Handvoll ihrer Werke wirklich museumsfähig, wurde bemäkelt. Das führt wieder auf eine andere Spur, nämlich die der Touristen. Während wir in New York am liebsten auf der Spur der Moderne wandeln, kommen die Besucher nach Berlin, um zuerst das Historische, das Abendländische, die Kultur der alten Mitte, zu entdecken. Viele fragen sich, was letztlich auf die Museumsinsel gehört? Die Alten Meister?

Die Moderne, so der neue, umstrittene Plan, wird sich künftig am Kulturforum sammeln. Moderne Kunst ist in Berlin nicht so populär, selbst wenn es die Privatsammler glauben machen wollen. Dorthin zieht es einen bestimmten Kennerkreis, das Berliner Schloss wiederum wird sich als Humboldtforum den außereuropäischen Sammlungen verschreiben. Die Diskussionen über die Verteilung der unterschiedlichen Berliner Sammlungen werden anhalten, mindestens bis das Berliner Schloss steht.

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