Um im Kampf gegen organisierte Kriminalität, Extremismus und Terrorismus noch effizienter agieren zu können, hat die Berliner Polizei ihre Spezialeinheiten jetzt zusammengefasst. Seit dem 1. Juli unterstehen das Spezialeinsatzkommando (SEK) mit den Präzisionsschützen, das Mobile Einsatzkommando (MEK), die verdeckten Ermittler, die Spezialaufklärungskräfte, die Verhandlungsgruppe und nun auch der Personenschutz der Abteilung 6 im Landeskriminalamt (LKA 6) unter der Führung des Leitenden Polizeidirektors Siegfried-Peter Wulff – rund 700 Beamte und drei SEK-Hunde. Ziel der Neuerung ist einerseits die enge Zusammenarbeit der Kräfte untereinander. So sind bei Staatsbesuchen mit einer hohen Gefährdungseinstufung der Personenschutz, SEK-Beamte, Präzisionsschützen und spezielle Aufklärungskräfte gemeinsam eingesetzt. Wulff erhofft sich von der Neuorganisation aber auch, attraktiver für den Polizei-Nachwuchs zu werden.
Bei einer Informationsveranstaltung des LKA 6 haben sich bereits 140 neue Interessenten für unterschiedliche Aufgaben gemeldet. „Wir haben beim MEK und den Aufklärungskräften eine gute bis sehr gute Bewerberlage. Schwieriger gestaltet es sich beim Personenschutz. Durch die Anbindung an unser Haus hoffen wir dort auf Besserung“, so Wulff. „Ein Bewerber für die Spezialeinheiten, der beispielsweise für das SEK nicht geeignet ist, kann aber sehr wohl als Personenschützer oder Observierer arbeiten. Ferner könnten SEK-Männer nach Erreichen der Altersgrenze von 42 Jahren unter Umständen noch mehrere Jahre als Personenschützer Verwendung finden. So kann sich Wissen und Erfahrung potenzieren, denn die Aufgaben der Spezialeinheiten werden in der Zukunft immer mehr verzahnt“, so Wulff.
Extrem hohe Anforderungen
Im Vergleich zu anderen Bundesländern gebe es in Berlin immer noch ausreichend junge Männer für den harten Dienst beim SEK. In den letzten drei Jahren wurden mehr als 30 neue Leute ausgebildet. Etwa 50 haben an den Informationstagen des SEK teilgenommen, von denen circa zehn für den nächsten Basislehrgang ausgewählt wurden. Wenn davon sieben bis acht den hohen Anforderungen in puncto Belastbarkeit, Leistungswille, Charakter sowie sportlicher Veranlagung entsprechen und alle den Lehrgang erfolgreich bestehen, ist man bei der Polizei zufrieden. Der Kreis der Interessenten sei zwar in den letzten Jahren kleiner geworden, alle freien Stellen beim SEK könnten aber besetzt werden. Dabei steige sogar die Qualität der Anwärter.
Das Berliner SEK rangiert seit Jahren an oberer Stelle auf der Liste vergleichbarer Einheiten. Erst im Juli erreichte eine Abordnung bei einem Vergleichswettkampf in Münster deutlich den ersten Platz. Insgesamt hatten acht deutsche Teams sowie zwei aus den Niederlanden und der Schweiz teilgenommen. „Vier Tage lang mussten an zehn Stationen rund 100 Einzelaufgaben unter Zeitdruck erfüllt werden“, so Wulff. „Dabei ging es nicht nur um Kraft und Ausdauer, sondern auch um taktisches Geschick, Kommunikationsfähigkeit, Teamfähigkeit und strukturiertes Denken. Es ärgert mich, wenn man dem SEK-Mann eine Rambo-Mentalität unterstellt. Wir haben keine Einzelkämpfer und Draufgänger, sondern intelligente Teammitglieder.“ Berlin hat als einziges Bundesland einen 24-Stunden-Dienst dieser Elite-Truppe. „In anderen Bundesländern sind die Kollegen Montag bis Freitag tagsüber im Dienst, nachts und am Wochenende werden sie durch Rufbereitschaft zum Einsatzort geholt. Unsere Leute sind rund um die Uhr verfügbar. Bei etwa 500 Einsätzen im Jahr und kurzen Anfahrtswegen in einem Stadtstaat macht das auch Sinn“, so Wulff.
Wie wichtig das Hand-in-Hand-Arbeiten der einzelnen Dienststellen ist, zeigte der Einsatz am 1. Mai im Bereich des Kurfürstendamms. Damals wurden 300 Rechte in der City West festgenommen, die unerwartet dort aufgetaucht waren und durch ihr aggressives Auftreten für Ängste bei Berlinern und Touristen sorgten. Wulff: „Diese Aktion der Szene, deren Teilnehmer eigentlich an einem NPD-Aufzug am S-Bahnhof Bornholmer Straße teilnehmen wollten, kam überraschend. Die Aufklärungseinheiten unseres MEK haben den Plan aber rechtzeitig mitbekommen und konnten mit Kräften, die für eine spezielle Aufklärungskonzeption zusammengefasst wurden, und Unterstützung von Einheiten der Bereitschaftspolizei weitere Aktionen der Rechten und Ausschreitungen verhindern.“
Für den harten Job bei den Spezialeinheiten wurde bisher bundeseinheitlich eine Erschwerniszulage in Höhe von 153,39 Euro (früher 300 DM) gezahlt. Bei der GSG 9 der Bundespolizei wurde die Erschwerniszulage jetzt auf 400 Euro monatlich und bei den Mobilen Einsatzkommandos des Bundeskriminalamtes auf 300 Euro erhöht. Die Berliner Spezialeinheiten erhalten weiterhin 153,39 Euro als Zulage.
Prüfung der Erschwerniszulage
„Sicherlich kriegen wir diese zusätzliche Summe auch deshalb, weil wir ständig Hochleistungs- und Stresssituationen bewältigen müssen, in unserer Freizeit durch Alarmierungen eingeschränkt sind und auch für Verpflegung im Dienst, weil man beispielsweise bei lang angelegten Observationen mit geplanten Zugriffen nicht mit einem Stullenpaket und einer Thermosflasche herumlaufen kann“, so ein Angehöriger der Spezialeinheiten. „Heute reicht die Zulage aber nicht einmal mehr, um die geforderten Risikozuschläge für notwendige Lebens-, Unfall- und Berufsunfähigkeitsversicherungen zu bezahlen.“ Eine Erhöhung dieser Erschwerniszulage für die Spezialeinheiten der Hauptstadt wird wie auch für andere Bundesländer geprüft.
Auf die Frage, ob man sich als Leiter der Berliner Spezialeinheiten mit einer hohen Verantwortung bei schwierigen Einsätzen als Held sehen könnte, sagt Wulff knapp: „Der Held ist immer die Mannschaft.“



