Susanne Boy ist Mobilitätsberaterin bei der Berliner Handwerkskammer. Sie berät Auszubildende und Betriebe bei der Planung und Umsetzung von Auslandspraktika. Mit ihr sprach Yvonne Scheller.

Berliner Morgenpost: Frau Boy, warum finden Sie Auslandspraktika für Auszubildende im Handwerk wichtig?

Susanne Boy: Die Wanderschaft in Handwerksberufen ist eine alte, aber lebendige Tradition. Junge Handwerker lernen beim Auslandspraktikum während oder nach der Ausbildung andere Länder, Kulturen und Arbeitstechniken kennen. Ne­ben dem Wissensgewinn führt ein Auslandaufenthalt fast immer zu einem Schub in der Persönlichkeitsentwicklung. Die Azubis kommen mit einem ganz neuen Selbstbewusstsein zurück.

Und der Spracherwerb?

Mobilitätsberaterin der Berliner Handwerkskammer Susanne Boy
Mobilitätsberaterin der Berliner Handwerkskammer Susanne Boy © privat | privat

Der ist natürlich auch ein Aspekt, aber im Handwerk nicht der wichtigste. Denn gerade im Handwerk funktioniert die Verständigung oft ziemlich gut mit Händen und Füßen. Doch gerade in einer Stadt wie Berlin mit vielen internationalen Gästen sind Fremdsprachenkenntnisse natürlich immer sinnvoll. Wer etwa sein Englisch im Ausland getestet hat, antwortet gleich viel entspannter, wenn ein englischsprachiger Kunde in die Bäckerei oder den Friseursalon kommt.

Stehen englischsprachige Länder besonders hoch im Kurs?

Tatsächlich ist das Interesse an Großbritannien groß, ebenso wie an Frankreich und Skandinavien. Doch vor allem richten sich die Länderwünsche nach den Schwerpunkten in der Ausbildung. So gehen Azubis aus dem Sanitär-, Heizungs- und Klimahandwerk gern in südliche Länder, wo Klimaanlagen weitverbreitet sind, und angehende Bäcker und Konditoren gern nach Frankreich.

Ins Land der Haute Cuisine …

Genau. Aber neben dem reinen Handwerk lässt sich noch so viel mehr lernen. Etwa wie ein französischer Konditor sein Sortiment präsentiert, wie die Kunden angesprochen werden oder wie beispielsweise Torten verpackt werden. In Frankreich geht man da mit Schachteln aus der Konditorei, als trage man ein Kunstwerk davon.

Ein Tischlerazubi wiederum bekommt im Ausland vielleicht ganz andere Hölzer und Werkzeuge in die Hand, die den jeweiligen traditionellen Bearbeitungstechniken entsprechen. Auch die Arbeitsabläufe sind sehr wahrscheinlich anders organisiert, als er es aus seinem Heimatbetrieb gewohnt ist. Auf diese Weise kommt er mit einer Menge toller neuer Ideen zurück und bringt dann oft auch Verbesserungsvorschläge ein.

Die im Betrieb aufgegriffen werden?

Wenn sie sinnvoll sind. Das Engagement für die Auslandspraktika geht oft auch von den Betrieben aus, entsprechend hoch ist die Aufgeschlossenheit. Wobei wir uns natürlich wünschen, noch mehr Betriebe für die Idee von Auslandsaufenthalten während der Ausbildung begeistern zu können.

Allerdings haben wir es in unserem Metier traditionell mit vielen kleinen Betrieben zu tun, in denen die Azubis eine wesentliche Rolle bei der Bewältigung der Arbeit spielen. Wenn die dann für drei bis fünf Wochen – das ist eine gute Praktikumsdauer – im Betrieb fehlen, macht sich das bemerkbar.

Ist das ein Hemmnis, wenn es darum geht, ob der Arbeitgeber dem Azubi ein Praktikum bewilligt?

Nicht notwendigerweise. Denn wir suchen auf Wunsch gern Azubis aus dem Ausland, die dann quasi im Tandem-Verfahren nach Deutschland kommen. Da geht dann vielleicht ein Tischlerazubi in einen spanischen Betrieb und umgekehrt. Aber es ist richtig, der Betrieb muss dem Auslandspraktikum zustimmen, ebenso wie die Berufsschule. Gute Noten sind also hilfreich.

Kommen Azubis mit detaillierten Wünschen zu Ihnen in die Beratung oder eher ganz unbeleckt?

Sowohl als auch. Im Beratungsgespräch versuchen wir herauszufinden, was sich die Azubis wünschen, und dann einen passenden Praktikumsplatz zu finden. Ob ein Maßschneiderazubi sich für Kilts interessiert oder ein angehender Steinmetz an einer gotischen Kathedrale in England arbeiten möchte, wir versuchen es möglich zu machen.

Wir haben sogar einer angehenden Bühnenbildnerin helfen können, deren Traum es war, auf Island zu arbeiten. Da sich unser Netzwerk stetig durch neue Kontakte erweitert, konnten wir tatsächlich ein isländisches Theater für sie finden.

Die internationale Mobilitätsberatung der Handwerkskammer ist Teil der Initiative „Berufsbildung ohne Grenzen“, gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. mobilitaetscoach.de