Arbeit und Beziehung

Verheiratet mit dem Kompagnon

Ratgeber warnen einstimmig: Trenne Berufliches von Privatem! Es gibt aber Menschen, die sich bewusst dafür entscheiden, Schreib- und Esstisch zu teilen. Denn die Liebe am Arbeitsplatz hat auch Vorteile

Foto: Christian Kielmann

Sonntagabend, die Kinder sind im Bett, zwei Gläser Wein stehen auf dem Tisch, Knabberzeug, im Fernsehen läuft der Tatort. Herrlich, denken sich die Hübels, endlich entspannen. Doch plötzlich verfängt sich ihr Blick auf einer Schokoladenpackung neben dem Fernsehapparat und alles ist vorbei. „Was machen wir eigentlich Ostern?“ Melanie Hübels Frage zielt nicht etwa darauf ab, dass man über die Feiertage verreisen, oder wo man die Eier für die Kinder verstecken könnte. Gatte Benno versteht das ganz richtig, man ist wieder voll im Dienst. „Die Produktion der Marzipanhasen läuft gut und die neuen Verpackungen finden bei den Fachhändlern großen Anklang. Nächste Woche stehen noch die Pasteteneier an. Und danach müssen wir schnell unsere Pralinen und Trüffel fertigen, um mit den Jahresartikeln lieferfertig zu bleiben.“

Ehe und Erfolg

Ein Unternehmen zu führen, frisst Zeit und Energie, vor allem die ersten Jahre sind oft schwer. Wenn der Lebenspartner gleichzeitig der Kompagnon ist, kann das hilfreich sein – wie etwa das Beispiel von Bertha und Carl Benz zeigt: Schon im Jahr 1871 ließ sie sich vorzeitig ihre Mitgift auszahlen, um ihrem Verlobten die Entwicklung des Automobils zu ermöglichen. Als 1888 niemand das Patent für das Fahrzeug kaufen wollte, kam ebenfalls Gattin Bertha ins Spiel. So packte sie ihre beiden Söhne ein und setzte sich – übrigens ohne das Wissen ihres Mannes – eben selbst ans Steuer und lenkte das Fahrzeug von Mannheim nach Pforzheim und wieder zurück. Mit dieser ersten Fernfahrt aller Zeiten bewies sie die Alltagstauglichkeit des pferdelosen Gefährts. Ein Marketingerfolg ohne Gleichen.

„Gemeinsame Ziele und die gemeinsame Verantwortung können das Zusammengehörigkeitsgefühl in einer Partnerschaft stärken“, sagt Hans-Georg Huber. Der Leiter und Gründer des Coachingbüros Huber & Partner in Freiburg weiß, wovon er spricht. Die Partnerin seines Unternehmens ist seine Ehefrau Barbara. „Natürlich kommt man sich manchmal ins Gehege, Berufliches und Privates sind nicht immer voneinander zu trennen“, sagt der Coach. Grundsätzlich überwiege jedoch die Freude darüber, auch beruflich Synergien herzustellen und gemeinsam etwas aufzubauen, ein Lebenswerk, das den Respekt vor der Leistung des anderen stärkt.

Man kennt den anderen

Hans-Georg Huber spricht in diesem Zusammenhang gerne von Chancen und Risiken einer Unternehmenspartnerschaft zwischen Eheleuten. Man vertraut einander wie keinem anderen Geschäftspartner, man kennt den anderen – mit seinen Stärken und Schwächen und kann sich daher auch besser gegenseitig unterstützen. „Wie sich die Dinge entwickeln, hängt davon ab, was beide daraus machen“, sagt der Berater.

In kleineren und mittelständischen Unternehmen kommt es häufig vor, dass die Eheleute gemeinsam eine Firma leiten. „Wir kommen beide aus Familienunternehmen, in denen beide Eltern angepackt haben“, sagt Melanie Hübel. Tatsächlich hatte sie bereits gemeinsam mit ihrem Mann Benno, einem gelernten Koch und studierten Volkswirt, das Paus- und Typographie-Unternehmen ihrer Eltern ins digitale Zeitalter geführt. „Das hätte ich alleine nicht gekonnt und mit keinem anderen gewollt“, sagt sie.

Mehr als zehn Jahre haben sie dort Seite an Seite gearbeitet. Nachdem sie das Familienunternehmen an eine spanische Firma verkauft hatten, gab es plötzlich Energie, Raum und Kapital für etwas Neues. Ein Jahr ist es nun her, dass das Ehepaar Hübel den insolventen Pralinenhersteller Sawade gekauft hat. Ein „Herzensprojekt“, nennen sie das gemeinsame Unterfangen. „Ich war mit Sawade-Trüffeln aufgewachsen“, sagt die gebürtige Berlinerin, „und dann sollte es diese wunderbaren Pralinen und Trüffel plötzlich nicht mehr geben?“ Natürlich musste das Unternehmen umstrukturiert werden, es musste sich wandeln, ein neues Image sollte her, ein zeitgemäßes. Und nun sind die beiden also mittendrin. Statt mit den Saarbrücker Kommissaren auf Mördersuche zu gehen, sprechen sie über Osterhasen aus Schokolade, über Trüffeleier, ihre Verpackungen und wie man es hinbekommt, alle Urlaubsanträge für die Osterferien genehmigen zu können.

Abschalten vom Job fällt schwer

Wenn Paare zusammen arbeiten, zumal wenn sie gemeinsam ein Unternehmen leiten, fällt das Abschalten vom Joballtag schwer. So ähnlich ergeht es auch Hyun Wanner und seiner Frau Karina Wanner-Kirschner, die seit zwei Jahren gemeinsam das Café „Zsa Zsa & Loui“ in der Richardstraße in Neukölln betreiben.

Vor drei Jahren lernten sie sich kennen: Hyun arbeitete als Geschäftsführer und Mitbetreiber eines Kreuzberger Restaurants, Karina jobbte neben ihrer freiberuflichen Tätigkeit als Fernsehproducerin in der dem Restaurant angegliederten Bar als Kellnerin. Die Arbeit ging oft bis spät in die Nacht. „Es war nicht schwer, sich in diesem Umfeld auch persönlich näher zu kommen“, sagt der 39-jährige Hyun Wanner. Dennoch behielten sie ihre Beziehung lieber noch eine ganze Weile unter Verschluss. „Nachdem wir uns als Paar geoutet haben, habe ich gleich gekündigt“, erinnert sich Karina Wanner-Kirschner. Und es wurde geheiratet.

Schon ein Jahr später sollte Baby Hugo kommen. Was könnte ich tun, wenn ich aus dem Mutterschutz bin, fragte sich Karina Wanner-Kirschner. Ehemann Hyun hatte die Idee: Wir machen ein Café in Neukölln auf! „Es war eine intensive Zeit, manchmal waren wir vielleicht sogar etwas zu eng zusammen“, erinnert er sich. „Wir lebten in einer Wohnung, waren gerade Eltern geworden – und dann kümmerten wir uns um das Café.“ Sie redeten nur noch über die Arbeit.

Privatleben organisieren

In Urlaub fahren hieß – morgens an die Ostsee und abends wieder zurück. „Wir haben uns nicht nur als Paar kennenlernen können, sondern gleichzeitig als Eltern und gemeinsame Unternehmer“, sagt er. Das Privatleben muss da wohl organisiert werden, damit es nicht zu kurz kommt. Das Ehepaar Wanner spricht in diesem Zusammenhang gerne von ihrer Quality-Time, die sie sich bewusst einräumen.

Die Zusammenarbeit ist nicht immer einfach: Er weiß, wo es langgeht, er besitzt schließlich viele Jahre Erfahrung in der Gastronomie. Sie hat allerdings auch eigene Ideen. Was will die mir erzählen, denkt er dann. Ein Krach bleibt da nicht aus. Inzwischen hat sich das „Zsa Zsa & Louis“ vielmehr zu ihrem Unternehmen entwickelt. Er führt inzwischen ein zweites Lokal, das koreanische Restaurant Dae Mon in Mitte. Natürlich besprechen sie alle entscheidenden Dinge zusammen, doch geht jeder auch zunehmend seinen eigenen Projekten nach. „Das entzerrt unseren Alltag“, sagt Karina, die neben der Arbeit im Café zwei Tage die Woche als Producerin in einer Agentur arbeitet. Was ist das Entscheidende, damit Ehe und Partnerschaft im gemeinsamen Geschäft keinen Schiffbruch erleiden? „Arbeitsteilung!“, sagen sie einhellig. Sie ist präsent im Café, hat gerade ein neues Konzept entwickelt, eine neue Speisekarte auf den Weg gebracht, er kümmert sich um Einkauf und Finanzen.

Grenzen setzen

Auch bei Sawade geht jeder seinen eigenen Aufgaben nach: Sein Herz schlägt für die Produktion, die Strategie, die Zahlen, sie ist für das Marketing des Unternehmens zuständig. Er ist der Langstreckenläufer, dem niemals die Puste ausgeht, sie die Sprinterin, der schnell mal eine Lösung für ein unvorhergesehenes Problem einfällt. „Meine Frau bringt das Emotionale in den Betrieb. Sie sieht manchmal Dinge, zwischenmenschliche Dinge, die mir gar nicht auffallen“, sagt Benno Hübel. „Er bewahrt Ruhe, auch wenn es mal brenzlig wird und ist immer optimistisch“, sagt Melanie Hübel. „Klar gibt es manchmal Probleme – aber keine, die ich nicht mit jedem anderen Geschäftspartner auch hätte.“

Die Vermischung von Privatem und Beruflichen sei natürlich heikel, sagt der Coach Hans-Georg Huber. „Die gemeinsame Verantwortung für die Firma als Unternehmer stellt zugleich einen wichtigen Teil der Identität als Paar dar. Kommt es zu einer Krise im Unternehmen, wirkt sich das auch auf die Paarbeziehung aus – und umgekehrt.“ So ist es manchmal fruchtbar, wenn zum gemeinsamen Abendessen auch Ideen für eine neue Strategie auf den Tisch kommen.

Liebesbeziehungen mit Unternehmen vergleichbar

Will einer jedoch mal abschalten, die Firma draußen lassen und sich einfach auf einen privaten gemeinsamen Abend freuen, wird ihm dieser so schnell versaut. Grenzen setzen und klare Absprachen treffen – wann sind wir als Paar privat miteinander und wann geht es nur um Berufliches – das ist nicht immer einfach. Aber wichtig. „Liebesbeziehungen sind mit Unternehmen vergleichbar“, sagt der Coach Hans-Georg Huber. „Beide lassen sich nicht verwalten. In beiden gibt es Krisen, beide sind auf Langfristigkeit angelegt. Und beide brauchen kontinuierlich Investitionen in die Zukunft.“