Zweite Chance

Abbruch und Aufbruch

Wer sich bei der Berufswahl falsch entscheidet, muss nicht gleich verzweifeln: Viele Firmen helfen bei einem zweiten Anlauf.

Foto: Christian Kielmann

Als Hiba Moussawi die Schule verließ, wusste sie, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte. „Mein Traum war schon von klein auf, als Altenpflegerin zu arbeiten“, sagt sie. Und so kam es dann auch: Die 21-Jährige arbeitete erst als Pflegehelferin und begann eine Ausbildung in der Altenpflege. Eine anspruchsvolle Ausbildung für einen anspruchsvollen Beruf.

„Ich habe viel gelernt über den Umgang mit Menschen und wie man in schwierigen Situationen geduldig bleibt“, sagt sie. Die körperliche Anstrengung, das Arbeiten in der Nacht und an Feiertagen, das alles konnte Moussawi hinnehmen – nur die Abschiede nicht: „Ich hing manchmal so sehr an einem Menschen, dass ich fast an ihrem Sterben kaputtgegangen wäre.“

Die junge Frau verkraftete den Tod nicht, der in Pflegeheimen gegenwärtig ist. Moussawi beschloss nach sechs Monaten Ausbildung, ihren alten Traumberuf aufzugeben.

Den Job nicht verkraftet

Die junge Frau ging damit in eine Statistik ein, die Arbeitsmarktexperten und Unternehmen Kopfzerbrechen bereitet. Knapp 149.000 Ausbildungsverträge wurden 2012 in Deutschland vorzeitig aufgelöst, wie es im Berufsbildungsbericht 2014 heißt. Jede vierte Ausbildung wurde demnach nicht beendet, in Berlin ist es sogar jede dritte Ausbildung.

Der freiwillige Abbruch ist nur einer von vielen Gründen, eine Ausbildung nicht fortzuführen: Manchmal muss der Ausbildungsbetrieb Insolvenz anmelden, manchmal wechselt ein Azubi auch nur den Betrieb. Ausbildungsexperten sprechen deshalb eher von der „Auflösung“ eines Ausbildungsvertrages statt einfach nur von Abbruch.

Betroffen sind davon am häufigsten Männer und Frauen ohne Schulabschlüsse; beinahe 40 Prozent von ihnen können ihre Ausbildung nicht beenden, bei den Abiturienten sind es hingegen lediglich 13,4 Prozent. Bestimmte Berufe scheinen dabei anfälliger als andere für Abbrüche zu sein.

Während Verwaltungsfachangestellte, Verfahrensmechaniker und Bankkaufleute ihrem Ausbildungsplatz vom ersten bis zum letzten Tag treu bleiben, liegen die Abbruchquoten in Kosmetikberufen und Gastronomie bei 50 Prozent.

Falsch investiert

Für Firmen sind vorzeitig beendete Ausbildungen wegen der vergebens investierten Zeit, dem hohen finanziellen und organisatorischen Aufwand, unangenehm, für die Abbrecher selbst aber sind sie ein viel ernsteres Problem.

Während sich Studienabbrechern – ihre Quote lag 2012 bei etwa 28 Prozent – auf einem Ausbildungsmarkt mit vielen offenen Stellen schnell eine Alternative bietet, haftet vielen Ausbildungsabbrechern der Ruch des Versagens an. Firmen tun sich schwer damit, ihnen eine zweite Chance zu geben.

Hans-Peter Apel versucht deshalb zu verhindern, dass Auszubildende hinschmeißen. Er ist Berliner Regionalkoordinator des Projekts Vera, einer Initiative von Wirtschaftsverbänden zur Vermeidung von Ausbildungsabbrüchen. Senior-Berater, häufig schon aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden, werden dabei an junge Menschen vermittelt, die Zweifel haben, ob sie ihre Ausbildung überhaupt fortsetzen sollen.

12.000 Senior-Berater

In Deutschland gibt es 12.000 dieser Senior-Berater, in Berlin sind es bislang nur 550. An sie können sich einerseits hilfesuchende Unternehmen wenden, aber auch die Betroffenen selbst. Dafür müssen sie sich online für eine Beratung anmelden und dabei angeben, wo sie die Gründe für ihre Unzufriedenheit sehen.

„Wir stellen dann später häufig fest, dass die wahren Probleme meist woanders liegen“, sagt Apel. Über sich selbst nachzudenken sei eine Fähigkeit, die Seniorenberater wie Apel bei Jugendlichen entwickeln wollen, damit die ihre Schwierigkeiten selbst in den Griff bekommen. „Wir versuchen, die Persönlichkeit von Auszubildenden zu stärken“, sagt er. Manchmal müsse man aber zur Kenntnis nehmen, dass jemand den falschen Beruf ergriffen hat.

Hiba Moussawi, die immer Altenpflegerin werden wollte, zog aus dieser Erkenntnis ihre Konsequenzen, doch einen Plan B hatte sie nicht zur Hand. „Ich habe damals gelernt, wie wichtig es ist, immer nach vorn zu schauen“, sagt sie heute über die ersten Monate nach ihrem Abbruch.

Ein erster Schritt

Inzwischen hat sie eine Alternative gefunden, einen ersten Schritt getan hinein in ein neues Leben. Moussawi trägt heute den dunkelblauen Anzug der Bahnangestellten und zieht einen Caddy hinter sicher her, der mit Halbliterflaschen und Schokoriegeln bestückt ist.

Seit November ist sie in einer berufsvorbereitenden Maßnahme der Deutschen Bahn, die „Chance Plus“ heißt und sich an Jugendliche wendet – allein 2014 waren es 300 –, hinter denen eine gescheiterte Ausbildung oder Ausbildungssuche liegt.

Derzeit ist sie im praktischen Teil der Ausbildung und verkauft in Fernverkehrszügen „Snacks und Getränke am Platz“, wie es in den Lautsprecherdurchsagen oft heißt. „Das Schöne ist, dass ich jeden Tag viel mit Menschen zusammenkomme und dabei viel zu sehen kriege“, sagt Moussawi.

Schlechte Noten

Janine Brabant leitet den Berliner Zweig von „Chance Plus“. Nicht alle Teilnehmer der Einstiegsmaßnahme sind so motiviert wie Moussawi, das Programm nimmt zielgerichtet auch Jugendliche mit schlechten Schulnoten und biografischen Brüchen auf, die in regulären Bewerbungsverfahren kaum Aussicht auf einen Ausbildungsplatz haben und vielleicht ein Leben lang von einem schlecht bezahlten Gelegenheitsjob zum anderen pendeln würden.

„Manchen Teilnehmern ist schon nach ein paar Tagen von ihren Betrieben gekündigt worden, andere haben von selbst gemerkt, dass der Job nicht passt, und einige fanden gar nicht erst eine Ausbildung“, sagt Brabant. Sie hat Jugendliche in ihren Klassen, die in betreuten Wohngemeinschaften leben oder aus schwierigen Familienverhältnissen kommen – junge Menschen, die ohne Unterstützung überfordert wären mit den Erwartungen, mit denen sie im Arbeitsleben plötzlich konfrontiert sind.

Nicht selten haben sie Probleme mit Pünktlichkeit oder frühem Aufstehen: „Wenn ein Teilnehmer mindestens zweimal die Woche zu spät kommt und sich damit entschuldigt, dass er sich zuhause nie an Regeln halten musste, können wir das nicht durchgehen lassen und arbeiten gemeinsam an seinem Verhalten“, sagt Brabant. Doch anstatt Druck auszuüben, versucht sie mit Sozialpädagogen, solche Probleme anzugehen.

Kopfrechnen trainieren

Neben sozialen Problemen haben viele der Teilnehmer auch schulisches Nachholbedürfnis, besonders in Mathe und Deutsch. Brabant sagt, dass auch fachliche Themen wie Kopfrechnen trainiert werden müssen. „5,80 Euro von zehn Euro abzuziehen darf am Ende für keinen mehr ein Problem sein“.

Sie will die Potentiale heben, die unter solchen und ähnlichen Schwierigkeiten verborgen sind und sie fit machen für eine Ausbildung bei der Bahn oder in anderen Unternehmen: „Die Mitarbeiter der Bahn werden immer älter, wir brauchen also Nachwuchs.“

Etwa 75 Prozent aller Teilnehmer erhalten am Ende der sechs- bis zwölfmonatigen Berufsvorbereitung mit seinen Theorieseminaren und Praxiswochen ein IHK-Zertifikat und finden eine Ausbildung oder Beschäftigung. 75 Prozent von denen, die anderswo wohl kaum noch eine Chance hatten.

Durchlagen mit Jobs

So wie Sybille Reichelt – mit 26 Jahren ist sie die älteste in ihrer Gruppe, der Altersdurchschnitt bei Chance Plus liegt bei 19 Jahren. Reichelt hat nie eine Ausbildung begonnen, sie schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Erst arbeitete sie als Haushaltshilfe, später wurde sie in einer Autoaufwertung angestellt. „Ich habe Autos innen und außen gereinigt, den Motor genauso wie die Felgenkästen“, sagt sie.

Arbeiten im Akkord: Zwölf bis dreizehn Stunden am Tag malochte Reichelt, um bei 9,50 Euro Stundenlohn irgendwie über den Monat zu kommen. Eines Tages aber fragte sie sich, ob das immer so bleiben würde und was sie mit Mitte Zwanzig überhaupt noch mit ihrem Leben anfangen könne. Heute zieht auch sie einen Caddy in Fernverkehrszügen hinter sich her und hofft nach den zwölf Monaten Berufsvorbereitung auf einen Ausbildungsplatz in der Systemgastronomie.

Sie hat Abstriche machen müssen seitdem sie nicht mehr arbeitet, während der Maßnahme wird nur wenig gezahlt: „Von 350 Euro monatlich kann ich mir zum Beispiel kein Auto mehr leisten“, sagt sie. Die Arbeitsagentur stockt zwar auf und das Trinkgeld ihrer Kunden darf sie behalten, eine karge Zeit ist es dennoch. „Ich gehe trotzdem jeden Tag mit einem Lächeln zur Arbeit“, sagt Reichelt, „weil ich mich wieder auf meine Zukunft freuen kann.“