Effektiv im Heimbüro

Homeoffice: Selbstdisziplin ist der Schlüssel zum Erfolg

Jeder dritte Beschäftigte arbeitet zeitweilig zu Hause. Flexibles Arbeiten schafft zufriedene und produktive Mitarbeiter. Doch klare Arbeitsstrukturen und eine straffe Zeiteinteilung sind nötig.

Foto: Christian Kielmann

Ausgerechnet Marissa Mayer, die frisch gekürte Chefin des Internet-Pioniers Yahoo, hat vor einigen Wochen ihre Angestellten unmissverständlich aufgefordert, ihre Arbeit gefälligst im Office zu erledigen, statt – wie bis dato üblich – ihr Notebook einfach dort aufzuklappen, wo es ihnen passt. Der Rückruf der Mitarbeiter ist ein erstaunlicher Schritt der Amerikanerin, denn nie zuvor war es so einfach, Video-, Computer- und Telefonkonferenzen durchzuführen, gemeinsam an Entwürfen, Präsentationen oder Texten zu arbeiten, völlig unabhängig vom jeweiligen Standort der Mitwirkenden. Und gerade in der schicken, innovativen und überaus lässigen Welt der Internet-Unternehmen, wo bei Ping-Pong-Matches im Büro und Smartphone-Einsatz am Strand die Ränder zwischen Arbeitswelt und Freizeit längst überlappen, schien so etwas wie eine Büro-Anwesenheitspflicht ein Thema aus einer längst vergangenen Ära zu sein. Doch seit dem Rundbrief von Marissa Mayer ist das Heimbüro von der viel genutzten Selbstverständlichkeit zum Diskussionsthema geworden.

Beim Software-Riesen Microsoft ist man, anders als in der Yahoo-Chefetage, von den Vorteilen des flexiblen Arbeitens überzeugt. Unter dem Stichwort „Arbeiten 3.0“ heißt es dort ganz offiziell: „Bei Microsoft werden Leistungen nicht an Anwesenheitszeiten gemessen, sondern an individuell vereinbarten Zielen und tatsächlichen Ergebnissen. Die Möglichkeit von zu Hause aus zu arbeiten, verbessert die Mitarbeiterzufriedenheit enorm und erleichtert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Derzeit arbeiten rund 200 Mitarbeiter im Homeoffice, davon sind 85 Prozent Frauen.“ Dies, so erläutert Microsoft-Sprecherin Astrid Aupperle, sei die Zahl der reinen Heimarbeitsplätze, daneben habe aber jeder Microsoft-Mitarbeiter ein Recht auf flexibles Arbeiten, was eben auch den Einsatz innerhalb der eigenen vier Wände beinhalte.

Ungestörte Gespräche

Zu den Microsoft-Leuten, die regelmäßig daheim arbeiten, gehört auch Stefanie Trzecinski. Die 41-jährige studierte Sonderschulpädagogin ist seit sieben Jahren bei Microsoft, seit zwei Jahren als Vertriebsleiterin zuständig für den Verkauf von Software an öffentliche Einrichtungen wie Kommunen oder Flughäfen. Eigentlich ist ihr Arbeitsplatz am Berliner Microsoft-Standort unweit des Bahnhofs Zoo.

Stefanie Trzecinski nutzt den heimischen Schreibtisch besonders für Gespräche mit ihren Mitarbeitern. „Sie arbeiten in Köln und Unterschleißheim, der Kontakt läuft über regelmäßige Telefon- und Videokonferenzen – und das funktioniert besser ungestört von zu Hause als im Büro, wo ich keinen eigenen Raum habe.“ Bewährt habe sich das Heimbüro auch bei Gesprächen mit Kollegen oder Kunden etwa in den USA. „Solche Konferenzen finden aufgrund der Zeitverschiebung meist abends statt, zu Hause kann ich das sinnvoll in meinen Tagesablauf integrieren“, sagt sie.

Wie Stefanie Trzecinski arbeitet heute schon rund ein Drittel der Beschäftigten in Deutschland ganz oder zeitweilig von zu Hause, wie das Meinungsforschungsinstitut Smart-Research im Juni 2012 bei einer Online-Studie unter rund 1500 Befragten herausgefunden hat. Eine Mischung aus Büro- und Heimarbeitszeiten überwiegt dabei klar – nur jeder zehnte Berufstätige übt seine Tätigkeit an mindestens vier Tagen pro Woche in der eigenen Wohnung aus.

Und das Modell kommt an, laut der Studie bezeichnen sich 88 Prozent der Heimarbeiter als „zufrieden“ oder sogar „sehr zufrieden“. Als wichtigster Vorteil dieser Arbeitsform wird die Möglichkeit einer flexibleren Zeiteinteilung gesehen, die von 80 Prozent genannt wird. Weitere Vorzüge sind konzentrierteres Arbeiten sowie die Zeitersparnis durch den Wegfall des Arbeitsweges. Laut der Studie spielt ein weiterer Aspekt eine Rolle: Fast ein Drittel der weiblichen Befragten sieht in der Arbeit von zu Hause aus die Möglichkeit, Kinder besser zu betreuen und mehr Zeit für die Familie zu haben.

Genau in dieser Vereinbarkeit von Kindern und Arbeit liegt der Grund, warum Ania Dornheim sich 1998 selbstständig gemacht – und ihre Arbeit ins Homeoffice verlegt hat. Die Gründerin des Büros „Textwende“ kümmert sich seitdem um die sprachliche Gestaltung von Geschäftskorrespondenzen zahlreicher Unternehmen. „Ich habe ganz klassisch damit angefangen, als mein Sohn noch sehr klein war“, sagt die Leverkusenerin. Inzwischen beschäftigt sie – zusammen mit einer Partnerin – sechs Mitarbeiterinnen, die in ganz Nordrhein-Westfalen verstreut sind, und ebenfalls von zu Hause aus arbeiten.

Soziale Kontakte pflegen

„Ich genieße es, in einem angenehmen Umfeld zu arbeiten, und das jederzeit, egal, ob am Abend oder auch am Wochenende“, sagt die 45-Jährige. Organisatorisch ist das kein Problem, ein geschütztes Intranet ermöglicht die gemeinsame Arbeit aus der Distanz. Einsamkeit, über die reine Heimarbeiter oft klagen, ist bei Ania Dornheim kein Thema. „Ich gebe an etwa zwei Tagen pro Woche Seminare oder halte Trainings in Unternehmen, außerdem setze ich mich einmal pro Woche mit meiner Partnerin zusammen, beispielsweise um neue Konzepte zu überlegen.“

Solche sozialen Kontakte sind wichtig, betont die Autorin Gudrun Sonnenberg, die sich in ihrem Buch „Homeoffice“ ausführlich mit Heimarbeit beschäftigt hat: „Wer als Selbstständiger zu Hause arbeitet, sollte sich beispielsweise über berufsbezogene Netzwerke Ansprechpartner suchen.“ Es sei auch gut, mit anderen Menschen über die eigenen Projekte zu sprechen: „Dadurch erreicht man eine gewisse Kontrolle über den Fortgang der Arbeit, weil einen diese Personen ja darauf ansprechen können.“

Viel herausfordernder als technische Aspekte ist für Heimarbeiter oftmals das Thema Selbstdisziplin. Wo in Unternehmen die soziale Kontrolle durch Vorgesetzte und Mitarbeiter, die prüfenden Blicke der Kollegen oder ganz banal durch die Stechuhr erfolgt, muss man sich zu Hause selber motivieren. Gudrun Sonnenberg sagt dazu: „Nicht jeder ist für diese Art von Arbeit geeignet. Manche Heimarbeiter kämpfen sehr mit ihrem inneren Schweinehund.“ Eine Möglichkeit sei es, klare Verabredungen mit sich selbst zu treffen. „Manche arbeiten mit Zeitplänen, andere bevorzugen To-Do-Listen, um sich selbst zu disziplinieren.“ Klare Strukturen seien auch erforderlich, um sich nicht selbst zu überfordern. „Man darf auf keinen Fall ohne Pause und sieben Tage in der Woche durcharbeiten, das ist ungesund und geht zu Lasten der Leistungsfähigkeit“, sagt Expertin Gudrun Sonnenberg.

Wer jedoch wohl dosiert, nämlich zwischen einem halben bis zu zweieinhalb Tagen wöchentlich, im Homeoffice sitzt, dem winken eine Menge Vorteile. Das hat zumindest der Arbeits- und Organisationspsycholge Hartmut Schulze herausgefunden. „Nach unseren Untersuchungen hat dies sowohl einen positiven Einfluss auf die Arbeitsleistung, insbesondere im konzeptuell-kreativen Bereich, wie auch für die Gesundheit infolge von Stresskompensation“, sagt Schulze. Neben den subjektiv empfundenen Vorteilen wie Familienfreundlichkeit und einer freieren Zeiteinteilung sieht Hartmut Schulze auch erhebliche Vorteile für die Arbeitgeber: „Mehr als zwei Drittel schätzen sich eher, beziehungsweise viel produktiver ein, wenn sie zu Hause arbeiten.“

Ein volkswirtschaftlich und umweltschutztechnisch interessanter Nebeneffekt der Heimarbeit ist auch die Reduzierung der Pendlerströme im Berufsverkehr. In der Schweiz propagieren etwa namhafte Unternehmen deshalb schon seit einiger Zeit einmal jährlich einen Heimarbeitstag, an dem im vergangenen Jahr immerhin rund 70.000 Menschen teilgenommen haben. Doch so sinnvoll dies auch ist, für Heimarbeits-Profi Ania Dornheim hat das Fehlen des Weges vom Job nach Hause auch seine Schattenseiten: „Man gewinnt nach der Arbeit keinen Abstand zu seiner Tätigkeit, kann durch die fehlende Wegzeit nicht runterkommen.“

Die Haltung entscheidet

In Zeiten, in denen die Trennlinie zwischen Arbeitsplatz und Zuhause, zwischen Freizeit und Arbeit infolge der allumfassenden Kommunikationsmöglichkeiten immer durchlässiger wird, ist es vielleicht auch weniger der äußere Rahmen, der entscheidend ist, sondern die innere Einstellung.

Für Stefanie Trzecinski jedenfalls macht es morgens vor dem Kleiderschrank keinen Unterschied, ob sie ihren Arbeitstag im Berliner Microsoft-Quartier verbringt, oder am heimischen Schreibtisch sitzt. „Die Arbeitsgarderobe ist die gleiche“, sagt sie. „Ich bin genauso geschminkt und angezogen wie im Büro. Die Kleidung beeinflusst die Haltung, mit der ich meine Arbeit angehe, und die ist professionell, egal, wo ich bin.“