Große Sozialerhebung

Wie leben Studierende heute?

15.000 Befragte an 227 Hochschulen – Akademikerkinder fällt Unialltag leichter. Sie werden von Eltern stärker unterstützt. Ingenieurwissenschaften, Jura und Wirtschaft gehören zu den begehrten Fächer.

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Bildungsbiografien sind nach wie vor stark abhängig von der Herkunft der Studierenden. Im Sommersemester 2012 kam zwar jeder zweite Studierende an einer deutschen Hochschule aus einem nichtakademischen Elternhaus.

Ein genauer Blick verdeutlicht aber die nach wie vor vorhandene Schieflage: Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien studieren 77; von 100 Kindern aus Facharbeiterfamilien gelingt dies nur 23. 28 Prozent der Studierenden kommen aus einem Elternhaus, in dem ein Elternteil ein Studium absolviert hat, 22 Prozent aus einem Elternhaus mit zwei akademisch ausgebildeten Elternteilen.

Das geht aus der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) hervor. Sie ist die größte Studierendenbefragung in Deutschland: Die Erhebung wurde vom HIS-Institut für Hochschulforschung (HIS-HF) mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) durchgeführt.

Umfassende Bestandsaufnahme

2012 wurden 15.128 junge Menschen bundesweit an 227 Hochschulen befragt. Die Sozialerhebung, die alle drei Jahre durchgeführt wird, bietet eine umfassende Bestandsaufnahme der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Studierenden in Deutschland. Noch nie haben so viele junge Menschen studiert wie heute: 2,5 Millionen sind es.

Der Musterstudent verfügt über 864 Euro. Der weitaus größte Anteil der Studierenden (87 Prozent) wird – wie bereits 2009 – von den Eltern unterstützt. Eltern unterstützen die Ausbildung ihrer Kinder im Schnitt mit 476 Euro.

Kinder aus einem doppelten Akademikerhaushalt können zu 94 Prozent auf die Unterstützung ihrer Eltern rechnen. Und die Überweisung fällt mit fast 600 Euro auch deutlich höher aus.

Großteil muss jobben

63 Prozent jobben neben dem Studium. Auf Bafög sind 32 Prozent der Studierenden angewiesen. Sie erhalten im Schnitt 443 Euro. Sechs Prozent erhalten Geld aus Krediten. Der Studienkredit der KfW-Bankengruppe stellt den Kreditnehmern mit durchschnittlich 451 Euro den höchsten Betrag zur Verfügung.

Bis zu einem Drittel ihres Budgets geben Studierende für die Miete aus, das entspricht fast 300 Euro. Köln (359 Euro), München (358 Euro) und Berlin (321 Euro) zählen zu den teuersten Städten.

In den neuen Ländern führt Potsdam (301 Euro) die Liste an. Wer sparen will, muss in Chemnitz studieren (211 Euro). 29 Prozent leben in einer Wohngemeinschaft, 23 Prozent bei den Eltern.

Am liebsten was mit Technik

Mit Blick auf die guten Jobaussichten entscheiden sich mehr denn je Abiturienten für das Studium der Ingenieurwissenschaften. 22 Prozent der Erstsemester haben sich in den Studiengang immatrikuliert. Und damit vier Prozent mehr als 2009. Jeder dritte männliche Studierende ist in dieser Fächergruppe eingeschrieben (33 Prozent).

Auf Platz zwei der Skala stehen mit 21 Prozent die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, gefolgt von Mathematik und Naturwissenschaften mit 20 Prozent. 19 Prozent der Befragten haben eine Sprach- und Kulturwissenschaft belegt.

Die seit zehn Jahren zu bemerkende Tendenz, dass Studierende immer seltener den Studiengang wechseln, hat sich verstärkt: Nur jeder Sechste wählt ein neues Studienfach oder wechselt den angestrebten Abschluss.

Zügig durchs Studium

Ebenfalls rückläufig ist die Quote der Studienunterbrechungen. Sie reduzierte sich von 15 Prozent im Jahr 2003 auf neun Prozent. Vergleichsweise stabil ist mit 15 Prozent der Anteil der Studierenden, die im Laufe ihres Studiums die Hochschule wechseln.

Ein studienbezogener Auslandsaufenthalt ist für rund 30 Prozent der Studierenden selbstverständlich – zehn Prozent mehr als vor 22 Jahren. Die Lieblingsländer sind Großbritannien und USA, gefolgt von Spanien und Frankreich.

Die zu erwartende finanzielle Mehrbelastung schrecken zwei Drittel der Befragten ab. Auch eine Verlängerung des Studiums wollen viele nicht riskieren (55 Prozent).

Viele Veränderungen

In die Zeit zwischen der letzten und der aktuellen Sozialerhebung fallen eine Reihe von Veränderungen, die die Situation der Studierenden beeinflusst haben, darunter die Weiterentwicklung des gestuften Studiensystems, die Abschaffung der Studiengebühren in vier von sechs Ländern, die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur und die Aussetzung der Wehrpflicht. Die letzten beiden Entwicklungen führten zusammen mit einer deutlich gestiegenen Studierneigung zu einem Höchststand bei der Zahl der Studierenden.