Berufsporträt

Warum Grafikdesign viel mehr ist als „hübsch machen“

Grafikdesigner müssen Themen ohne viele Worte rüberbringen: online, offline, in jedem Medium. Studierende und Einsteiger berichten.

Berlin. . Die Pinnwand hängt voller bunter Zettel in verschiedenen Formen, daneben auf den Bildschirmen digitale Skizzen. Das Team bespricht und plant: ein normaler Morgen im Büro der Neugelb Design Studios in Kreuzberg, wo Felix Lebedinzew arbeitet.

Seit zwei Jahren entwickelt und testet der studierte Medien- und Kommunikationsdesigner dort im Team die Banking-App der Commerzbank. „Es ist viel Zeit vor dem Rechner, aber mein Alltag ist auch kommunikativ“, sagt der 25-Jährige.

„Schließlich geht es darum, Informationssysteme in einen sinnvollen Kontext zu bringen und visuell verständlich zu machen.“

Grafikdesign in unterschiedlichen Branchen

Ob Zeitschriften illustrieren, Broschüren oder Flyer gestalten, Ausstellungen konzipieren, Projekte für Film, Fernsehen und das Internet kreieren: Grafikdesigner haben viele Aufgaben und sind in unterschiedlichsten Branchen tätig.

„Gestaltung ist heute mehr denn je ein interdisziplinäres Thema“, sagt Tanja Schmitt-Fumian, Professorin für Design-Lehre an der privaten Hochschule Macromedia. „Gestaltung spannt sich zwischen Kunst und Geschichte, Management, gestalterischer Praxis und handwerklichen Grundlagen.“

Es gehe schon lange nicht mehr darum, etwas „hübsch“ zu machen, meint sie. „In unserer Gesellschaft ist Design kein simples Marketinginstrument mehr, sondern Teil der ganzheitlichen Unternehmensstrategie.“

Meist Kommunikationsdesigner genannt

Für diese Designstrategen gibt es keine einheitliche Berufsbezeichnung, da Ausbildung und Schwerpunkte wie Grafikdesign oder Webdesign verschieden sind. Allgemein spricht man heute vom Kommunikationsdesigner.

Schmitt-Fumian möchte zukünftige Designer dafür sensibilisieren, Hochschule oder Ausbildungsort mit Bedacht zu wählen: „Man sollte nicht nur Begabungen, sondern auch die persönlichen Ansprüche an das Berufsleben reflektieren.“

Arbeit bei Agentur, Verlag, Wirtschaftsunternehmen

Die Kommunikationsdesi­gner sind in Agenturen, Verlagen und Unternehmen tätig oder arbeiten selbstständig. Aber die konkreten Aufgaben eines Desi­gners zu beschreiben findet auch Felix Lebedinzew nicht einfach.

Dem Absolventen der Hochschule Macromedia wurde nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr beim Roten Kreuz und Kellner-Jobs in Berliner Hotels bewusst: Es sollte etwas mit Medien sein. „Ich wollte meine kreative Ader ausleben“, erzählt er.

In sieben Semestern lernte er zu zeichnen, zu filmen, Layouts für Magazine zu entwerfen, Apps und Webseiten zu erstellen. „Die Projekte haben mir geholfen, meinen Schwerpunkt zu finden“, sagt Lebedinzew, der sich selbst als „Digital Product Designer“ bezeichnet.

Grafikdesigner arbeiten im Team

In einer Gruppenarbeit an der Hochschule entwickelte er beispielsweise einen Audioguide – ein „lebendiges Hörspiel“ – für die Besucher des Winzerbergs. Das ist eine Terrassen-Parkanlage in Pots­dam.

Lebedinzew fährt seit dem Jahr 2015 beruflich zweigleisig. Damals gründete er mit seinem Freund Jannis Wicke ein eigenes Designstudio: PixelPink. „Unter anderem haben wir den Online-Auftritt für die Berliner Party­serie ,Excuseme‘ entwickelt“, sagt Lebedinzew.

Die beiden Designer legen bei ihrer Arbeit Wert auf minimalistisches Gestalten: „We­niger ist oft mehr. So können wir in einer Welt voller Reizüberflutung die Kommunikation erleichtern.“

Chatbots gerade großes Thema

Jannis Wicke nennt sich „User-Experience- und User-Interface-Designer“. Außer dem Konzipieren und Gestalten von Apps und Webseiten beschäftigt er sich auch mit Trends in seiner Designdisziplin: „Gerade sind Chatbots so ein Thema, also das Chatten mit einem technischen System“, sagt Wicke.

Nach dem Schulabschluss hatte er seine Interessen für Kunst und Technik verbinden wollen und darum lieber Design statt Informatik studiert.

Gutes Design braucht Zeit


Sein Rat an angehende Kommunikationsdesigner: Geduld und Fleiß mitbringen. „Das mag langweilig klingen und häufig wünscht man sich, die Dinge schnell fertigstellen zu können“, sagt der 24-Jährige. Aber was wirklich gut werden soll, braucht Zeit, findet er.

Außerdem brauche ein Desi­gner viel Übung. Die kann Katrin Schek (51) vorweisen. Seit mehr als 20 Jahren ist die Diplom-Designerin Inhaberin, Projektleiterin und Senior Art Direktorin der Berliner Designagentur Kursiv.

Schek kümmert sich um den Kundenkontakt und entwickelt die künstlerische Ausrichtung der Projekte. Ihre Kunden verfolgen vor allem gesellschaftspolitische Interessen, beispielsweise gehört der Deutsche Seniorenverband dazu.

Was Schek am meisten Freude an ihrem Beruf macht?

Grafikdesigner und Organisationstalent

„Ob rot, grün, eckig, rund, düster, hell – solche Entscheidungen in einer Gestaltung zu treffen begeistert mich.“ Der kreative Teil mache allerdings nur 20 Prozent ihrer Arbeit aus, gesteht sie ein. Viel Zeit verbringt sie mit Recherchen, Planung oder Korrekturen am Bildschirm.

Ihre Erfahrung zeigt Schek, dass Auftraggeber am Designen teilhaben möchten. „Sie wollen kreativ sein, die eigenen Ideen in eine Sprache umwandeln, die jeder versteht.“

Für Kommunikationsdesigner gehe es also darum, gut zuzuhören und die Ideen der Kunden ernst zu nehmen. „Außerdem darf man es nicht persönlich nehmen, wenn einem Kunden ein Design nicht gefällt, das man erstellt hat.“

Grafik-Ausbildung am Lette Verein

Seit 2008 unterrichtet Katrin Schek am Lette Verein Berlin, wo Fabienne van Maanen ihre Ausbildung zur Grafikdesignerin absolviert. Sie entschied sich für diesen Berufsweg, als sie erfuhr, „dass man als Grafikdesignerin Dienstleister und kreative Hand zugleich ist, man aber immer unter bestimmten Vorgaben arbeitet, anders als freie Künstler“.

Am Lette Verein schätzt die 22-Jährige das persönliche Verhältnis zu den Lehrkräften und den Praxisbezug. Ihr bisher spannendstes Projekt? „Das war die Moderation des Lette Design Awards 2018“, erzählt van Maanen.

Bei der Preisverleihung werden jährlich 15 Absolventen ausgezeichnet. Van Maanen findet, dass es eine gute Übung war, vor rund 400 Gästen zu sprechen. Als Grafikdesigner müsse man seine Arbeit schließlich oft vor einem kritischen Publikum präsentieren. Da hilft es, wenn man sich daran gewöhnt, von vielen Menschen gleichzeitig angeschaut zu werden.

Analoge und digitale Techniken in der Ausbildung


Fabienne van Maanen findet, ihre Ausbildung bietet ihr einen idealen Mix aus analogen und digitalen Unterrichtsfächern. So könne sie sich auf reale Kundenprojekte vorbereiten.

„Am besten gefallen mir die Projekte, wo es um Plakate oder Einladungskarten geht. Ich kreiere gerne Bildwelten mit bedeutungsvollen Aussagen“, erzählt sie. Arbeit nach der Prämisse: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

Grafikdesigner müssen Persönlichkeit haben

Ein Grafikdesigner brauche außer Kreativität auch Persönlichkeit, findet van Maanen, „um im Berufsleben herauszustechen“. Wer zudem noch in der Lage ist, im Wandel des Berufsfelds immer wieder Neues zu lernen, der könne neben der Konkurrenz bestehen. „Nach dem Abschluss stehen einem alle Türen offen“, ist sie sich sicher.

Tim Kißmann (19) wollte lieber studieren, statt eine Ausbildung zu machen. Inzwischen ist er im dritten Semester an der Macromedia. Bei einem Kursus an der Schule zum Thema Film hatte er seine Leidenschaft für Medien entdeckt.

Auszeichnung beim Filmfestival

Anschließend drehte er mehrere Kurzfilme und belegte zusammen mit einer Mitschülerin 2015 sogar den ersten Platz beim JIM-Filmfestival Brandenburg, einem Wettbewerb für Jugendliche.

Dennoch entschied sich Kißmann gegen eine Ausbildung im Bereich Film und für das Studium in Medien- und Kommunikationsdesign. Dass im Studiengang auf Englisch gelehrt wird, findet er gut. „Ich bin dafür sehr dankbar“, sagt er.

„In der heutigen Zeit ist es von Vorteil, wenn man fließend Englisch spricht, um mit internationalen Partnern zu arbeiten.“ Sein Auslandssemester hat er in Madrid verbracht.

Projektarbeit in Kooperation mit Unternehmen

Kißmanns bislang liebstes Projekt an seiner Hochschule war eine Kooperation mit den Berliner Hotels der Max-Brown-Kette. „Wir hatten Zugang zu mehreren Hotelzimmern und durften das Motto des Hotels ‚Basic at its best‘ in Form von Fotografien darstellen“, berichtet er.

Das Ergebnis präsentierte die Gruppe den Vertretern des Hotels in einer Ausstellung. „Einige Fotos nutzte das Hotel sogar für seine Webseite und Social-Media-Kanäle“, erzählt der 19-Jährige.

Fähigkeiten als Grafikdesigner weiter ausbauen

Bis zu seinem Abschluss im Jahr 2021 hat der angehende Kommunikationsdesigner noch jede Menge Zeit, sich weiterzuentwickeln. Er will nach dem Bachelorabschluss nicht weiter studieren, sondern plant, seine künstlerische Bandbreite auszubauen.

Daher arbeitet er schon jetzt als Werkstudent bei einem Start-up. „Ich möchte möglichst viel Erfahrung sammeln und an berufsnahen Herausforderungen wachsen“, sagt Tim Kißmann.