Berufseinstieg

Physiotherapeuten berichten aus ihrem Berufsalltag

Physiotherapeuten sind gefragt, denn die Zahl der Patienten mit „Rücken“ steigt. Azubis und Profis erzählen, was den Beruf ausmacht.

Marie Weber macht ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin an der Reha-Akademie Berlin.

Marie Weber macht ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin an der Reha-Akademie Berlin.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Ihr Beruf sollte mit Medizin zu tun haben – das war Marie Weber schon länger klar. Doch in welchem Bereich? Um das herauszufinden, absolvierte sie Praktika in verschiedenen Krankenhäusern.

„Ich war in der Orthopädie-Unfallchirurgie, in der Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie und in der Gynäkologie im Kreißsaal“, erzählt die 19-Jährige.

Tatsächlich überlegt sie, später noch Medizin zu studieren. „Und wenn ich mich dafür entscheide, bietet mir die breite Ausbildung zur Physiotherapeutin die ideale Grundlage dazu.“

Im ersten Jahr wird Theorie gebüffelt

Doch noch hat sie zwei Jahre Fachschulausbildung an der Reha-Akademie Berlin vor sich. In ihrem ersten Jahr standen vor allem theoretische Grundlagen auf dem Stundenplan. Sie beschäftigte sich mit Anatomie, Physiologie, Krankheitslehre und Hygiene.

In den folgenden vier Semestern wechseln sich schulische und praktische Phasen ab. Die Schüler hospitieren dann in physiotherapeutischen, medizinischen sowie sport- und bewegungstherapeutischen Praxen. Nach dem sechsten Semester folgen die Prüfungen zum Staatsexamen.

Knie-Prothesen und Behandlungspläne

Im Moment steht bei Marie Weber die Orthopädie im Fokus: Sie lernt alles über Knie-Prothesen, Hüftgelenke, die verschiedenen Formen von Beinfrakturen, deren Behandlungsmöglichkeiten und wie sie einen Behandlungsplan erstellt.

„Unsere fachschulische Ausbildung zeichnet sich durch eine große Praxisorientierung aus“, sagt Schulleiterin Marion Brink. Das ist wichtig, weil die Schüler die Griff- und Behandlungstechniken sowie die verschiedenen Formen der Bewegungstherapie nur praktisch richtig lernen können.

„Dazu üben die Schüler miteinander und nehmen abwechselnd die Rolle des Patienten und des Therapeuten ein“, erklärt Brink. Dabei erfahren sie auch, wie sich ein zu fester Griff oder eine kalte Hand für den Patienten anfühlt.

Praktika bei verschiedenen Arbeitgebern

In erster Linie sind die Übungen aber Vorbereitung auf die acht Praktika im zweiten und dritten Ausbildungsjahr. Bei den sechswöchigen Blockpraktika gehen die Schüler in ambulante Dienste oder Kliniken. „Oder sie gehen in Rehazentren oder eine spezialisierte Einrichtung wie das Deutsche Herzzentrum Berlin“, sagt Brink.

Ebenso wichtig wie die manuellen Fähigkeiten ist Sozialkompetenz. Physiotherapeuten sollten teamfähig und empathisch sein. „Physiotherapie ist ein sehr kommunikativer Beruf“, sagt die Schulleiterin.

„Physiotherapeuten müssen Beschwerdebilder erfragen, erkennen und behandeln können und einen sehr respektvollen und wertschätzenden Umgangston pflegen.“ Sie haben es mit unterschiedlichen Menschen zu tun. Auf jeden müssen sie sich neu einstellen.

Sensibilität im Umgang mit Patienten

Zudem sei ein besonders sensibler Umgang mit den Patienten gefordert, erklärt Marion Brink. „Viele haben Schmerzen, eine schwere Krankheit oder hatten vielleicht einen Unfall, den sie parallel zu den körperlichen Beschwerden verarbeiten müssen“, sagt die 56-Jährige.

Der Umgang mit den Patienten verlangt Physiotherapeuten auch mental einiges ab. „Kaum jemand kommt so nah an andere Menschen heran wie wir“, sagt Marie Weber. Dabei sei nicht nur die körperliche Nähe am Anfang gewöhnungsbedürftig, erzählt sie.

Berührungsängste überwinden

„Vor allem müssen wir Berührungsängste überwinden, wenn es sich um schlimme Verletzungen oder Krankheiten handelt.“ Doch das sei nun einmal die Voraussetzung dafür, um helfen zu können.

Susann Müller hat diese Berührungsängste lange hinter sich gelassen. Die 45-Jährige ist seit 1995 staatlich anerkannte Physiotherapeutin und feiert im kommenden Jahr das zehnjährige Bestehen ihrer Praxis.

Neurologische Nachbehandlungen

„Wir bieten eine ganzheitliche Therapie an. Das ist ein Modewort geworden, aber dennoch zutreffend“, sagt sie. Ihr Behandlungsspektrum reicht von Kran­kengymnastik und Lymphdrainage über orthopädische, chirurgische und neurologische Nachbehandlungen bis zur craniosacralen Therapie.

Dieses Verfahren, das sich aus der Osteopathie entwickelt hat, basiert auf der Arbeit mit dem sogenannten craniosacralen Rhythmus. Dieser zeigt sich im leichten Pulsieren der Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit vom Schädel (Cranium) bis zum Kreuzbein (Sacrum).

Viel mehr als Massagen

„Diesen Rhythmus ertaste ich, und wo er gestört ist, greife ich ein – buchstäblich“, erklärt Müller. Durch eine Form der Massage? Diesen Begriff hört die Physiotherapeutin nicht gern. Er klingt ihr zu sehr nach Wellness. Und darum gehe es in der Physiotherapie nicht.

„Ja, es geht um den Ausgleich von Spannungen, doch ich nutze die Entspannung, um beispielsweise an Bauchfaszien zu arbeiten oder Rippen zu mobilisieren.“

Die meisten ihrer Patienten kommen mit Rückenbeschwerden zu ihr, darunter Kaubeschwerden – Kiefer und Halswirbelsäule sind eng miteinander verbunden – Nackenverspannungen oder Kopfschmerzen.

Patienten müssen mitmachen

Viele Beschwerden lassen sich durch Behandlung und Training beheben, doch müssen Patienten dazu Zeit und Arbeit investieren – „was nicht immer leicht mit einem eng getakteten Alltag zu vereinbaren ist“.

Dabei beobachtet Müller in der Gesellschaft durchaus ein wachsendes Interesse am eigenen Körper und Gesundheitsprävention. Entsprechend gut besucht ist auch ihr Pilates-Training. Pilates stärkt die Muskeln, stabilisiert den Körper und macht Gelenke beweglicher.

Das Zusatz-Angebot ist auch wirtschaftlich wichtig für ihre Praxis. „Selbstständige brauchen mehrere Standbeine“, sagt Susann Müller. „Schon um vernünftig behandeln zu können: Denn wer allein auf Krankenkassensätze setzt, müsste Patienten im 20-Minuten-Rhythmus durchschleusen, um davon leben zu können.“

„Schöner, aber kraffordernder Beruf“

Physiotherapeut sei „ein schöner, aber kraftfordernder Beruf“, findet Müller. Gerade für Selbstständige sei es deshalb wichtig, eine gesunde Work-Life-Balance zu finden.

Das kommt nicht nur der eigenen Gesundheit zugute: „Der Patient spürt, wenn der Therapeut gestresst ist und bleibt weg. Hektik hat er ja meist schon genug in seinem Leben.“ Doch auch für Susann Müller waren in ihrer Startphase Zwölf-Stunden-Tage nichts Ungewöhnliches.

Inzwischen hat sie drei Mitarbeiter und sucht weitere Verstärkung. Die aber ist nicht leicht zu finden. „Physiotherapeuten sind begehrt, der Markt ist quasi leer gefegt“, sagt sie.

Fünf Jahre Osteopathie in Neuseeland studiert

Auch Florian Buchmüller hat sich selbstständig gemacht. Im Jahr 2012 eröffnete er seine Praxis „Sensible Osteopathie“. Er beschäftigt inzwischen vier weitere Therapeuten.

Während Osteopathie in Deutschland noch vielfach eine Zusatzausbildung für Ärzte, Heilpraktiker und Physiotherapeuten ist, hat der 40-Jährige ein Vollzeitstudium am Unitec Institute of Technology Auckland in Neuseeland durchlaufen. Es dauert fünf Jahre. 2007 machte er seinen Abschluss mit dem Titel Master of Osteopathy.

Einen Überblick über die Ausbildungsmöglichkeiten an Schulen und Hochschulen hierzulande (berufsbegleitend und Vollzeit) gibt es beim Verband der Osteopathen Deutschland.

Auch Babys gehören zu den Patienten

Zu Buchmüller kommen viele Berufstätige mit Problemen, die sich aufgrund ihrer sitzenden Tätigkeit ergeben. Sie haben zum Beispiel Rückenschmerzen, Hexenschuss oder einen Bandscheibenvorfall. Aber auch Babys, Kinder und Jugendliche gehören zu seinen Patienten.

Um sie behandeln zu können, hat er eine dreijährige Zusatzausbildung in osteopa­thischer Pädiatrie (Kinderheilkunde) absolviert. Babys werden zum Beispiel wegen Kopfverformungen oder Verdauungsstörungen behandelt.

Behandlung muss schmerzfrei sein

„Bei älteren Kindern sind es eher Konzentrationsprobleme oder Sportverletzungen und bei den Jugendlichen oft Haltungsprobleme, Migräne und Kopfschmerzen“, erklärt Buchmüller.

Die osteopathische Behandlung beschreibt er als ein manuelles Verfahren: „Wir beobachten besonders aufmerksam die Zusammenhänge im Körper und ertasten mit unseren Händen, ob die verschiedensten Gewebe und Organe im Körper frei beweglich oder eingeschränkt sind.“

Die Behandlung müsse schmerzfrei sein, denn Schmerzen führen nur zu erneuter Verspannung. „Wichtig ist also eine angenehme Atmosphäre und ein respektvoller Umgang mit einem gut aufgeklärten Patienten“, findet der 40-Jährige.

Physiotherapeuten werden nicht in einer dualen Ausbildung, sondern ausschließlich an Berufsfachschulen ausgebildet. Das monatliche Schulgeld für die in der Regel dreijährige Ausbildung beträgt je nach Schule zwischen 160 und 350 Euro. Der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK) stellt online eine Liste zur Verfügung, die alle Schulen für Physiotherapie bundesweit auflistet.