Berufsbild

Der Job von Mediatoren ist das Vermitteln bei Konflikten

In Wirtschaft und Gesellschaft wächst der Bedarf an Schlichtern. Oft sind es Juristen, die sich zum Mediator weiterbilden lassen.

Florin Winter arbeitet im Mediationszentrum Berlin, unter anderem mit Jugendlichen.

Florin Winter arbeitet im Mediationszentrum Berlin, unter anderem mit Jugendlichen.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Ob in der Familie, unter Nachbarn oder im Kollegenkreis: Unterschiedliche Interessen, Missverständnisse und unausgesprochene Vorwürfe führen zu Konflikten. „Dann hilft es, zunächst den Grund für die Situation zu hinterfragen und die Bedürfnisse der Beteiligten zu klären“, sagt Florin Winter. Der 33-Jährige ist Mediator. Für das Mediationszentrum Berlin vermittelt er in Konfliktfällen.

Zu Winters Projekten gehört beispielsweise auch die „Heldenakademie“. Unter dieser Überschrift bietet er Workshops für Jugendliche an, einige von ihnen sind Geflüchtete. Die Teilnehmer sollen lernen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Auch Übersetzer, die an den Workshops mitarbeiten, erhalten vor ihrem ersten Einsatz eine Weiterbildung durch Mediatoren.

Projektkoordinator fürs Soziale Jahr

Das Projekt hat Florin Winter nebenberuflich übernommen. Hauptsächlich betreut er als Projektkoordinator 16- bis 26-Jährige, die ein Freiwilliges Soziales Jahr im Bereich Kultur absolvieren. Auch dort gehe es nicht ganz ohne Konflikte, sagt Winter.

Teils reagieren die Beteiligten sehr emotional. „Ich darf mich dabei nicht auf eine Seite schlagen oder Vorschläge für eine Lösung aus der Tasche zaubern“, erklärt der Mediator. „Die Konfliktlösung müssen die Beteiligten übernehmen.“ Er selbst ist dazu da, diesen Prozess voranzubringen.

Auf das Thema Mediation stieß Florin Winter erstmals während seines Politik- und Soziologiestudiums an der Humboldt-Universität. Am Career Center der Hochschule besuchte er einen Kursus zu den Grundlagen der Mediation.

Umgang mit Konflikten in Rollenspielen geübt

2014 absolvierte Winter dann einen Lehrgang und übte sich im professionellen Umgang mit Konflikten. „Unter anderem in Rollenspielen“, erinnert er sich.

Doch wie kommen die ausgebildeten Mediatoren anschließend an Aufträge? Sie müssen akquirieren, sich bei potenziellen Kunden, beispielsweise Unternehmen, Vereinen oder Schulen, ins Gespräch bringen. „Viel passiert über das Hörensagen“, erklärt Winter. Empfehlungen zufriedener Kunden sind wichtig. Die Akquise sei kein Selbstläufer.

Mediator ist keine geschützte Berufsbezeichnung und als Weiterbildung auch nicht bestimmten Berufsgruppen vorbehalten. Dennoch bietet die Mediation gerade vielen Juristen ein zusätzliches Arbeitsfeld. Sie offerieren ihre Fähigkeiten als Mediatoren, um Konflikte zu lösen, bevor die Beteiligten vor Gericht ziehen.

Es gibt keine Gewinner und Verlierer mehr

Nina Soest beispielsweise hat sich als Rechtsanwältin auf Familien- und Arbeitsrecht spezialisiert. Gerade in diesen Bereichen kann sie ihre Qualifikation als Mediatorin gut nutzen.

So würden von den streitenden Parteien „endlich Dinge ausgesprochen, um die es eigentlich geht“, sagt die 38-Jährige.

Sie ist Mitglied im Berliner Bündnis Außergerichtliche Konfliktbeilegung. Die Idee hinter dem Angebot der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Berlin: Eine gerichtliche Entscheidung macht eine Partei zum Gewinner, die andere zum Verlierer. Die Beziehung zwischen beiden geht dabei unweigerlich kaputt, egal ob es sich um Geschäftspartner, Eheleute oder Unternehmen und ihre Kunden dreht.

Eine Mediation dagegen bietet die Möglichkeit, sich zu einigen – und sich hinterher auch menschlich wieder zu verstehen.

Freiwillige Teilnahme ist Voraussetzung für Erfolg

„Wenn die Leute sich trauen und freiwillig darauf einlassen, sind viel schnellere und selbstbestimmtere Lösungen von Problemen möglich“, erklärt Nina Soest.

Schon während ihres Jurastudiums in Hamburg begann sie, sich für die Prinzipien der Mediation zu interessieren. 2006 absolvierte sie eine entsprechende Ausbildung. Anschließend unterrichtete sie als Tutoriumsleiterin an der Uni Hamburg Juristen in Mediation.

Was man nicht lernen kann, doch unentbehrlich ist, sei Einfühlungsvermögen, sagt die 38-Jährige. Man müsse neutral gegenüber den Mandanten sein und versuchen, beide Seiten zu verstehen.

Was besprochen wird, bleibt unter Verschluss, niemand außer den Beteiligten und dem Mediator erfährt davon. Sowohl Juristen als auch Mediatoren arbeiten in der Regel selbstständig. Da brauche es auch unternehmerisches Talent, sagt Soest.

Güteverhandlungen im Arbeitsrecht

Juristin Lisa Hinrichsen, die früher als Anwältin auf Zivilrecht spezialisiert war, arbeitet heute als Mediatorin und Prozessbegleiterin. Sie nennt das moderierte Gespräch „zivile Friedensarbeit“. „Güteverhandlungen, die auf einen Vergleich zielen, haben ja gerade im Arbeitsrecht schon immer eine Rolle gespielt“, sagt sie.

Mediation setzt aber noch tiefer an. Damit wolle man „die Wurzeln des Streites angehen“, sagt Hinrichsen, die auch berufsbegleitende Mediationskurse am Weiterbildungszentrum der Alice Salomon Hochschule (ASH) anbietet.

Die gemeinsame Suche nach einer Lösung sei in der Wirtschaft, in Hochschulen, der Verwaltung wie auch in Familien zunehmend gefragt, erklärt die Mediatorin.

Pilotprojekt für Familienmediation

Und sie wird teils sogar öffentlich gefördert: Statt Prozesskostenhilfe können etwa Familien im Rahmen des Pilotprojekts „Berliner Initiative für geförderte Familienmediation“ (Bigfam) ein finanziell unterstütztes Mediationsverfahren in Anspruch nehmen.

Das Projekt wird von drei Vereinen getragen, die sich der Mediation in Familienkonflikten – oft geht es um Trennungen – verschrieben haben.

Die Teilnehmer in Lisa Hinrichsens Ausbildungskursen kommen aus den unterschiedlichsten Berufen. Fast jeder könne Mediator werden, sagt sie – vorausgesetzt, derjenige habe die Fähigkeit zur Anteilnahme, zum Perspektivwechsel sowie eine offene und flexible Haltung.

Keine Sympathie für eine Seite entwickeln

Mediation ist eine Arbeit im Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz zu den Beteiligten: Mediatoren erfahren viel Persönliches, dürfen aber keine Sympathie für eine Seite entwickeln.

„Nicht parteilich zu werden – das ist das Wichtigste. Beide Parteien haben gute Gründe für ihr Handeln“, sagt Alexandra Bielecke (43).

Die Diplompsychologin und Mediatorin teilt sich eine Büroetage mit Lisa Hinrichsen. Auch sie erkannte bereits während ihres Studiums die Vorteile von Mediation. Sie ergänzte ihr Diplom in Psychologie mit einem Masterabschluss des Studiengangs Mediation an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Die Theorie hinter der Methode verstehen

„Mich hat neben der Praxis die Mediationstheorie interessiert“, erzählt Bielecke. Das sei eine noch recht junge Disziplin. Inzwischen lehrt sie selbst, unter anderem im Schulz von Thun Institut für Kommunikation in Hamburg.

Außerdem ist sie Ausbilderin im Berliner Institut für Mediation und gibt Seminare für Rechtsreferendare im Auftrag der Juristischen Prüfungsämter der Länder Berlin und Brandenburg.

„Mediation und die Ausbildung sind meine Hauptstandbeine, neben der Prozessbegleitung in Form von Coaching und Organisationsentwicklung“, berichtet sie. Ihre freiberufliche Tätigkeit funktioniere nicht ohne Kontakte: „Es braucht viel Netzwerkarbeit wie beispielsweise im Bundesverband Mediation.“

Nach der Weiterbildung in die Selbstständigkeit

Das bestätigt Jana Schildt. Die 35-jährige Politik- und Sozialwissenschaftlerin spricht fünf Sprachen. Sie absolvierte ihr Bachelorstudium in den Niederlanden, machte ihren Masterabschluss in Frankreich und promovierte vor fünf Jahren in Belgien.

2017 schloss sie ihre Mediationsausbildung an der Alice Salomon Hochschule ab. Auch sie arbeitet heute als Selbstständige.

Vermittlung zwischen Kulturen

Während ihres Politikstudiums konzentrierte sich Schildt auf die Friedensforschung. „Ob es um einen Konflikt zwischen zwei Menschen oder Menschengruppen geht – der Mechanismus funktioniert analog“, sagt sie.

Im vergangenen Jahr leitete sie das Mediationsprojekt „Dialog schafft Nachbarschaft“ in Neukölln. Bei Schwierigkeiten in der Verständigung setzt Jana Schildt auf nonverbale Kommunikation. Körperorientierte Ansätze der Konfliktbearbeitung hat sie zu ihrem Spezialgebiet gemacht.

Wenn unterschied­liche Kulturen auf­ein­andertreffen, „braucht es einen Rahmen, in dem sichere und wertschätzende Begegnungen möglich sind“, sagt sie. „Mediation ist da genau richtig.“

Info: Studium & Ausbildung

Lehrgänge: Mediator ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Die Teilnahme an der Ausbildung wird mit einem Zertifikat bescheinigt. Kurse bieten spezialisierte Weiterbildungsinstitute an, in Berlin sind das beispielsweise die Agentur für Mediation und Kommunikation „klären & lösen“, das Fokus Institut oder das Institut für Mediative Kommunikation und Diversity-Kompetenz. Die Weiterbildungen unterscheiden sich hinsichtlich der Länge, Schwerpunkte, Gruppengröße und Preise.

Studium: Wer Mediator werden will, kann sich auch an einer Hochschule dafür qualifizieren. So bietet die Uni Potsdam das Zertifikatsstudium Mediation an. An der Viadrina in Frankfurt (Oder) kann man das Masterstudium Mediation und Konfliktmanagement belegen. Und auch das Masterprogramm Intercultural Conflict Management an der Alice Salomon Hochschule enthält den Aspekt Mediation.