Förderung

Studienstipendien sind nicht nur etwas für Überflieger

Stiftungen haben unterschiedlichste Kriterien, warum sie Studenten fördern. Für fast jeden Interessenten gibt es die passende Nische.

Till Mahler studiert mit einem Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung.

Till Mahler studiert mit einem Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Thomas Stange hat es geschafft. Er hat im vergangenen Jahr sein Masterstudium in Europäischer Kulturgeschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) erfolgreich abgeschlossen. „Ich habe mich erst spät für ein Studium entschieden“, sagt der 33-Jährige.

Er verließ die Schule mit dem mittleren Schulabschluss, begann eine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer, holte mit 25 Jahren das Abitur nach. Im Jahr 2010 bewarb er sich an der Technischen Universität (TU) Berlin für den Bachelor-Studiengang Kultur und Technik.

Als er über eine Freundin von der Möglichkeit hörte, sein Studium mit einem Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung finanzieren zu können, bewarb er sich dort. Von 2012 bis 2017 war Stange Stipendiat der Stiftung.

Für Menschen, die es nicht so leicht haben

„Ein Kriterium, warum ich aufgenommen wurde, war unter anderem, dass meine Eltern nicht so viel Geld verdienen“, sagt er. Das Stipendium sei auch als „Empowerment“ – also eine Art Rückenstärkung – für Menschen zu verstehen, die es im Leben nicht so leicht haben, erklärt Thomas Stange.

„Jeder, der studieren möchte, sollte sich genauer über Stipendien informieren“, findet Wolf Dermann, Mitgründer von arbeiterkind.de. Die Initiative fördert seit zehn Jahren Jugendliche auf ihrem Weg an die Hochschule. Voraussetzung: Die Eltern dürfen nicht studiert haben. Mittel sind ein großes Informationsangebot, Mentoren und Stipendien.

Jede Tätigkeit zählt, mit der man anderen hilft

„Es kommt nicht darauf an, dass man ein Einser-Abi hat, ob die Eltern viel oder wenig Geld verdienen“, sagt Dermann. Ins Gewicht falle beispielsweise gesellschaftliches Engagement in einem Ehrenamt. Dabei müsse man die Latte gar nicht so hoch legen, erklärt er. Auch Schulsprecher gewesen zu sein oder eine Tätigkeit auszuüben, die zum Ziel habe, dass es anderen besser geht, würde bei der Bewerbung um ein Stipendium berücksichtigt.

In Deutschland steht das Stipendiensystem auf drei Säulen: Begabtenförderung, Deutschlandstipendium und Unterstützung durch mehr als 2000 kleine Stiftungen, die individuelle Kriterien haben.

Am bekanntesten sind die 13 Begabtenförderungswerke, die Studierende und Promovierende finanziell und ideell unterstützen. Die Förderungswerke bilden verschiedene weltanschauliche, wirtschaftliche, religiöse und politische Richtungen ab.

Beispiele für Begabtenförderungswerke

Darunter sind: Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU), Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD), Rosa-Luxemburg-Stiftung (Die Linke), Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP) und Heinrich-Böll-Stiftung (Grüne). Außerdem gibt es Stiftungen, die sich speziell an Studierende wenden, die dem christlichen, muslimischen oder jüdischen Glauben nahestehen.

Zu den 13 Begabtenförderungswerken gehört auch die Studienstiftung des deutschen Volkes. Sie ist politisch, konfessionell und weltanschaulich unabhängig – und Deutschlands größtes und ältestes Begabtenförderungswerk. Die Höhe des Stipendiums entspricht den Förderbeträgen des Bafögs, nur muss das Geld nicht zurückgezahlt werden. Jeder Stipendiat erhält zusätzlich eine Studienkostenpauschale von 300 Euro.

Deutschlandstipendium mit 300 Euro monatlich

Das Deutschlandstipendium gibt es seit dem Jahr 2011. Damit werden leistungsstarke Studierende mit schmalem Geldbeutel ein Jahr lang mit 300 Euro pro Monat gefördert. Bewerben können sie sich an ihrer jeweiligen Hochschule.

Das Deutschlandstipendium wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung etabliert. Das Geld kommt zur Hälfte vom Bund und zur Hälfte von privaten Förderern – Unternehmen oder Ehemaligen –, die von den Hochschulen akquiriert werden.

Mehr als 2000 kleine Stiftungen

Darüber hinaus gibt es in Deutschland die mehr als 2000 kleinen Stiftungen, die Studenten sehr individuell fördern. So vergibt etwa die Ikea Stiftung Stipendien für Abschlussarbeiten auf dem Gebiet des Wohnens, die Mie-Stiftung fördert weibliche deutsche Vollwaisen mit evangelischem Glauben, und die Veith-Berghoff-Stiftung vergibt Stipendien für Studierende der Schiffs- und Meerestechnik.

„Die kleinen Stiftungen bieten meist nur eine finanzielle Förderung, die Begabtenförderungswerke hingegen auch eine ideelle“, sagt Wolf Dermann von arbeiterkind.de.

Die ideelle Förderung umfasst zum Beispiel Workshops, Ferienakademien, Seminare und Beratung für die Stipendiaten. „Durch mein Stipendium wurde ich zusätzlich dazu angeregt, mich mit Fragen meiner Herkunft auseinanderzusetzen und zu hinterfragen, welchen Einfluss meine Sozialisation auf meinen beruflichen Werdegang hat“, sagt zum Beispiel Thomas Stange.

Stipendium ohne Top-Noten möglich

Lilly Eberhard hätte sich früher nicht träumen lassen, einmal Stipendiatin zu werden. „Ich bin nie oben mitgeschwommen“, sagt die 25-Jährige. Ihr Abitur habe sie aber mit 2,2 gemacht. Und das, obwohl sie als Schülerin in der 9. Klasse fast das Gymnasium hatte verlassen müssen. „Daher bin ich sehr stolz auf diese Abiturnote.“

Gerade hat Eberhard ihr Bachelorstudium Soziale Arbeit in München abgeschlossen. Im April wird sie an der Alice Salomon Hochschule (ASH) Berlin ihr Masterstudium „Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik“ aufnehmen.

Stipendiatin des katholischen Cusanuswerks

Die 25-Jährige ist Stipendiatin des Cusanuswerks. Das ist das Begabtenförderwerk der katholischen Kirche. Sie erhält die Studienkostenpauschale von 300 Euro monatlich. Anspruch auf Bafög hat sie nicht. Für das Cusanuswerk habe sie sich entschieden, weil das ideelle Begleitprogramm gut zu ihr passe und sie sich mit den Zielen der katholischen Kirche identifiziere.

Die Stipendiaten sind angehalten, am Bildungsprogramm oder am geistlichen Programm mit Besinnungstagen, Exerzitien oder Ora-et-labora-Angeboten teilzunehmen. „Das Stipendium ermutigt mich, meinen Bildungsweg weiterzugehen“, sagt Lilly Eberhard. Nach Abschluss ihres Masterstudiums möchte sie promovieren.

Eindruck gemacht mit ehrenamtlichem Einsatz

Auch Auslandsstationen sind mit Stipendien möglich. Till Mahler etwa verschlug es nach China. Er ist Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung. In seiner Bewerbung konnte er mit ehrenamtlichem Engagement punkten: Unter anderem hat er über den Verein AFS Interkulturelle Begegnungen ein Jahr Freiwilligendienst in Kolumbien geleistet.

Inzwischen studiert der 25-Jährige International Business Management an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin. Dank der Auslandsfinanzierung durch die Stiftung konnte er zwei Semester an einer chinesischen Hochschule verbringen.

Grundsätzlich erhält er eine monatliche Zuwendung in Höhe des Bafög-Satzes plus 300 Euro Studienkostenpauschale. „Für China haben sie noch mal 250 Euro monatlich draufgelegt und einen Sprachkurs finanziert“, erzählt er. Nun gehören auch Kenntnisse in Mandarin zu seinem Sprachschatz, neben Spanisch, Englisch, Französisch und Griechisch.

Ideelle Nähe zum Stipendiengeber

Für den in einem politisch grünen Umfeld aufgewachsenen Kreuzberger war es naheliegend, sich bei der Heinrich-Böll-Stiftung zu bewerben. Bölls Werke seien „politisch noch ebenso aktuell wie vor 40 Jahren“ , findet er.

Mahler gefällt, dass er dank der finanziellen Absicherung durch das Stipendium ohne Druck studieren kann. Er nimmt gern an den Begleitveranstaltungen teil. Zum Programm der Stiftung gehören zum Beispiel Vorträge und Seminare zur politischen Bildung und zum Ausbau von Schlüsselqualifikationen. Es gibt Beratung zu Studien- und Promotionsvorhaben sowie Hilfen beim Berufseinstieg.

Teilnahme an Begleitprogramm erwartet

In der Regel erwarten die Stiftungen von ihren Stipendiaten, dass sie sich an den Begleitprogrammen beteiligen, selbst Arbeitsgruppen oder Treffen initiieren, sich mit den anderen Stipendiaten vernetzen und zusammenarbeiten. „Ich treffe hier spannende Menschen, der Austausch mit anderen Stipendiatinnen und Stipendiaten ist sehr bereichernd“, findet Till Mahler.

Lilly Eberhard stimmt zu: „Es gibt eine große Hilfsbereitschaft untereinander, und ich kann um Unterstützung in allen Lebenslagen bitten.“

Die Geschichten der drei Studierenden räumen mit dem Vorurteil auf, dass nur Einser-Kandidaten und Überflieger ein Studienstipendium erhalten. Wolf Dermann von arbeiterkind.de ermutigt darum jeden, sich zu bewerben – auch diejenigen, die noch zweifeln, ob es für sie ein passendes Stipendium gibt. In aller Regel gibt es das.

Datenbank für Studienstipendien

Einen Überblick über mehr als 2000 Stipendienprogramme bietet das Internetportal mystipendium.de.