Arbeitsmarkt

Rechtsmediziner: „Wir werden mit Anfragen überrannt“

Dank TV-Serien wie „Tatort“ und CSI ist die Rechtsmedizin bei Studenten populär. Oberarzt Buschmann über Ausbildung und Arbeitsmarkt.

TV-Stars machten die Rechtsmedizin zu einem populären Berufswunsch: Pathologe Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, l) und sein Mitstreiter Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl). Sie ermitteln für den WDR am „Tatort“ in Münster.

TV-Stars machten die Rechtsmedizin zu einem populären Berufswunsch: Pathologe Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, l) und sein Mitstreiter Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl). Sie ermitteln für den WDR am „Tatort“ in Münster.

Foto: ARD / WDR/Markus Tedeskino

Berlin.  Privatdozent Dr. Claas Buschmann ist Facharzt für Rechtsmedizin, Oberarzt und Lehrkoordinator am Institut für Rechtsmedizin der Charité. Christine Persitzky sprach mit ihm über seine Arbeit und das große Interesse der Studenten.

Herr Dr. Buschmann, stimmt eigentlich das Bild vom Rechtsmediziner, das uns in den Fernsehkrimis gezeigt wird?

Claas Buschmann: Zunächst ist unser Beruf weitaus vielseitiger, als man das im Fernsehen sieht. Wir machen nicht nur Obduktionen, sondern erstellen auch Gutachten, sind als Sachverständige bei Gericht. Wir untersuchen Geschädigte oder Beschuldigte, bilden Studenten aus und forschen. Was oft in den Büchern und TV-Krimis dargestellt wird, machen wir natürlich nicht: Wir ermitteln nicht selber, wir nehmen niemanden fest.

Es kommen übrigens auch keine Angehörigen in den Sektionssaal. Wir fahren manchmal an den Fundort einer Leiche, und das ist dann tatsächlich so wie im Fernsehen, mit weißem Spusi-Anzug („Spurensicherung“, Anm. d. Red.). Aber wir können das nicht so wie der Professor Boerne, der dann sofort sagt: Um 13.26 Uhr ist er gestorben, und der Schuss ins Herz war tödlich, und dabei ist die Leiche noch nicht mal ausgezogen. Das ist natürlich Quatsch.

Welche Todesfälle kommen überhaupt zu Ihnen in die Rechtsmedizin?

Claas Buschmann: Wir haben nicht täglich mit Tötungen zu tun. In Berlin wird gar nicht so viel gemordet – das sind so etwa 50 bis 80 vollendete Tötungsdelikte pro Jahr, also im Schnitt eines pro Woche. Viel häufiger sind Suizide. Das ist weltweit die häufigste durch Gewalt verursachte Todesart – in Deutschland sind es etwa 10.000 Suizide pro Jahr, also etwa einer pro Stunde.

Oft haben wir fäulnisveränderte Leichen. Das ist für eine Großstadt relativ typisch. Ich bin mir sicher: Während wir hier sitzen, liegen in Berlin 20 bis 50 Leute in ihren Wohnungen in unterschiedlichen Stadien der Verwesung. Wir haben hier zum Teil Liegezeiten von Monaten bis hin zu Jahren.

Können Sie dann die Todesursache überhaupt noch feststellen?

Claas Buschmann: Wir finden dann natürlich nicht mehr heraus, woran genau derjenige gestorben ist. Aber wir finden heraus, woran er nicht gestorben ist, also ob sich ein Fremdverschulden – zumindest weitgehend – ausschließen lässt. Und das interessiert ja den Staatsanwalt. Wir können auch bei einer hochgradig fäulnisveränderten Leiche meist noch eine relevante mechanische Gewalteinwirkung ausschließen, können also sagen: nicht erschossen, nicht erstochen, nicht erschlagen, nicht erwürgt. Und unsere toxikologische Abteilung kann auch nach sehr langer Zeit noch Vergiftungen feststellen.

Müssen sich denn alle Medizinstudenten mit Rechtsmedizin beschäftigen? Und wie finden die das?

Claas Buschmann: Da gibt es die ganze Bandbreite. Ja, die Studierenden müssen alle einmal hier durch, das gehört zum Pflichtprogramm im Medizinstudium. Nun schauen viele „CSI“ und finden das ganz interessant und vielleicht auch ein bisschen gruselig. Und dann wollen viele hier ein Praktikum machen.

Das ist der sogenannte CSI-Effekt, den gibt es wirklich. Wir werden mit Anfragen regelrecht überrannt und haben hier in Berlin sehr lange Wartezeiten – für eine Famulatur, also ein zwei- bis sechswöchiges Praktikum, mehr als sechs Jahre. Den Studierenden sage ich schon in der Einführungsvorlesung, dass sie sich bald bewerben sollen, wenn sie am Ende des Studiums einen Praktikumsplatz haben möchten.

Und sind dann hinterher auch noch alle so begeistert?

Claas Buschmann: Das ist sehr unterschiedlich. Manche haben schon falsche Vorstellungen von den Aufgaben des Rechtsmediziners. Der eine oder andere merkt schon am ersten Tag, dass das nichts für ihn ist, und hört wieder auf. Aber einige entpuppen sich als sehr gut geeignet für das Fach und bleiben dann auch dabei.

Wie sieht der Arbeitsmarkt für die fertigen Fachärzte aus?

Claas Buschmann: Wenn man Rechtsmediziner werden will, muss man wissen, dass die Möglichkeiten hier doch recht limitiert sind. Man kann nicht wie in anderen medizinischen Fachrichtungen einfach eine Praxis eröffnen. Unser Hauptgeschäft ist eben die Arbeit für die Staatsanwaltschaft, und damit hängen wir mehr als alle anderen Disziplinen am Tropf der öffentlichen Hand. Im deutschsprachigen Raum gibt es knapp 50 rechtsmedizinische Institute, da arbeiten insgesamt etwa 300 Rechtsmediziner, viel mehr Jobs gibt es nicht. Damit ist die Stellensituation schwierig bis schlecht. Auf jeden Fall muss man geografisch mobil sein.