Sich verzetteln bedeutet, so steht es im Duden, sich mit zu vielen Dingen zu beschäftigen. Etwas verzetteln hingegen heißt, etwas für eine Kartei auf Zettel schreiben. Der Versuch, Ersteres mit Letzterem in den Griff zu bekommen, kann zu Verzettelung im Sinne von Verlust des Überblicks führen. Das weiß wohl jeder, der große Mengen an Informationen und Gedanken festhalten, sortieren und wiederfinden muss.

Auch Richard Ottinger muss das. Seit drei Jahren schreibt er an seiner Doktorarbeit. Es geht um das Verhältnis von leiblicher Präsenz und Authentizität. Wichtiger jedoch ist, wie er seine Dissertation schreibt. Er benutzt ein neues, digitalisiertes Zettelkastensystem, das er selbst entwickelt hat und das gerade aus dem 28-Jährigen, der eigentlich Grundschullehrer für Deutsch und Religion werden wollte, einen demnächst promovierten IT-Start-up-Gründer macht.

Prominenter Soziologe stand Pate für das Projekt

Im Jahr 2009 beginnt Ottinger an der Universität Osnabrück sein Lehramtsstudium – Germanistik und katholische Theologie. Nebenbei jobbt er beim Apple-Reseller Gravis im Verkauf, betreut als studentische Hilfskraft auch die EDV des Instituts für katholische Theologie. Bereits im fünften Semester schlägt ihm ein Professor vor, zu promovieren.

Eine akademische Laufbahn statt Referendariat? Nach Bachelor- und Masterabschluss ist es soweit: Unterstützt durch ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung widmet sich Ottinger seiner Dissertation. Und ist gefrustet: Noch mehr als während des Studiums wünscht er sich jetzt eine Art App zum Sammeln und Ordnen seiner Notizen und zum Strukturieren und Planen von Kapiteln der Arbeit. Er testet viele Tools, keines stellt ihn zufrieden.

Das lässt sich doch besser machen, ist er überzeugt

Im Herbst 2016 sitzt er in einer Konferenz. Sein Platznachbar benutzt auf seinem Laptop eine Anwendung, die Ottinger noch nicht kennt. Als er sie ausprobiert, stellt er fest: Die Idee dahinter ist umwerfend, das Programm selber aber katastrophal. Kurzerhand greift er zum Telefon und ruft David Eickhoff an. Seit ihrer Jugendzeit im Segelclub sind sie gut befreundet.

Eickhoff hat 2012 zusammen mit Björn Wagner die IT-Firma Luvago in Berlin gegründet. Ohne zu ahnen, wie groß das Ganze werden könnte, erzählt Ottinger ihm begeistert von der Applikation. Das ließe sich doch sicher besser machen?

Die Zettelkastenmethodik von Niklas Luhmann, dem berühmten Soziologen, schwebt ihm vor – konsequent übertragen ins Digitale: „Gedanken, Informationen und Zitate, auf Notizzetteln mit Überschrift und Schlagworten versehen, übersichtlich archiviert und untereinander verbunden, in Kapiteln strukturierbar. Und im besten Fall stößt man darin, wie im Gespräch mit einem klugen Gegenüber, auf die besondere, innovative Idee.“

Anwendung für besserer Recherche

Aber gibt es so was wirklich noch nicht? Noch einmal checken sie gründlich und stellen fest: „Die digitalen Werkzeuge sind entweder überfrachtet und sind damit umständlich in der Handhabung. Oder sie sind zu einfach gebaut und können damit zu wenig“, so Ottinger. Der Bedarf sei jedoch da: „Es werden immer mehr Doktorarbeiten geschrieben, und es gibt auch zunehmend unabhängige Researcher, die so eine Anwendung gebrauchen können.“

Besonders die Geistes- und Kulturwissenschaftler sehen sie als Zielgruppe. Also machen sie sich Anfang 2017 an die Entwicklung einer sehr intuitiven Webanwendung und taufen sie „Auratikum“, abgeleitet vom Aurabegriff Walter Benjamins, mit dem sich Ottinger im Rahmen seiner Authentizitätsforschung beschäftigt hat: Eine auratische Erfahrung, das ist ein Moment der besonderen Wahrhaftigkeit und Klarheit, der Moment, in dem es „Klick“ macht, erklärt er. „Und weil es wie ein Gebäudetyp klingt, ist Gedächtnispalast meine persönliche Assoziation dazu.“ Das passt.

Täglich kommen mehrere Anfragen für die App

Während Ottinger den inhaltlichen Input liefert, kümmern sich Wagner und Eickhoff um das Geschäftliche und den technischen Part. Ganz wichtig dabei: die Datensicherheit. „Es war mir von Anfang an ein Riesenanliegen, dass die Sicherheit der Daten garantiert ist. Deshalb nutzen wir nur Server in Deutschland und haben die höchsten Sicherheitsstandards“, betont Ottinger.

Die eigene Dissertation bleibt liegen. Stattdessen ist schon im August die Beta-Version von Auratikum fertig. Von den Nutzern – täglich kommen mehrere Anfragen – gibt es viel Lob und Anregungen für zusätzliche Features. Gleichzeitig läuft der Businessplan-Wettbewerb des Hasso-Plattner-Instituts für Digital Engineering in Potsdam, dotiert mit 100.000 Euro, und Auratikum nimmt teil. Zwar reicht es nicht für Platz eins, doch das Institut zeigt Interesse und hält Kontakt zu den Entwicklern.

Ende des Jahres 2017 wird gegründet

Bis Ende des Jahres soll Auratikum, zurzeit noch bei Luvago angesiedelt, als eigenes Unternehmen gegründet und das Beta-Stadium abgeschlossen sein. Die Nutzungslizenz wird etwa 8 bis 12 Euro pro Monat kosten.

Auch die Weiterentwicklung mit neuen Funktionen ist schon angedacht: gemeinsames Arbeiten an einem Projekt, einen Zettelkasten mit anderen teilen, den ganzen Text gleich in der App schreiben. Richard Ottinger wird vor allem den Kontakt zu den Kunden pflegen – er ist in der Wissenschaft zu Hause. Und auf jeden Fall will er seine Promotion zu Ende bringen. Schließlich ist es gut, sich nicht zu verzetteln.